Ästhetik des Wettbewerbs

»Alles Denken ist ihnen verhaßt. Sie pfeifen auf den Menschen! Sie wollen Maschinen sein, Schrauben, Räder, Kolben, Riemen - doch noch lieber als Maschinen wären sie Munition: Bomben, Schrapnells, Granaten. Wie gerne würden sie krepieren auf irgendeinem Feld! Der Name auf einem Kriegerdenkmal ist der Traum ihrer Pubertät.«

...die Meinung eines Lehrers über seine Schüler in faschistischen Glanzzeiten (Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott. 1937). Ohne Zweifel hat sich die Ideologie der jungen Leute heute gewandelt: Von Krepieren ist keine Rede mehr, höchstens von Krepierenlassen. Und keiner will mehr ein Schrapnell sein, lieber die Säge am Stuhl des Chefs oder die Verkaufszahl, die den Konkurrenten aussticht.

»Im Zeitalter der Globalisierung und des zunehmenden internationalen Wettbewerbsdrucks ist der Sozialstaat an die Grenzen seiner Finanzierbarkeit gestoßen. Die Antwort in dieser politischen Fehlentwicklung heißt für Liberale weniger Staat, weniger Bürokratie, mehr Eigenvorsorge, mehr Dezentralisierung.« (magazin 2/00 der Friedrich-Naumann-Stiftung).

Lustig wirbt der Handelsblatt-Ableger »junge karriere« in der U-Bahn mit Verbotsschildchen. 'Nichts für Warmduscher' steht da, oder 'nichts für Festnetztelefonierer'. Die Botschaft war selten so unverblümt: Die schöne neue Welt - (die bloße Existenz der DDR hat die BRD ja ganz schön was gekostet, doch damit Schluß) - ist eine Welt der Kämpfer und, um die Progressivität dessen zu beweisen, der Kämpferinnen. Die Ästhetik des Wettbewerbs, nur Zyniker würden sagen 'des Krieges', hat uns wieder. Wurde zuvor aus ideologischem Grunde drauf geachtet, daß nicht innerhalb des nationalen Territoriums verhungert wird, so darf man jetzt endlich sagen, was wahr ist: Wer hier verreckt, ist selbst schuld, ein Verlierertyp. Wir sind jung, schön, studiert und zum Risiko bereit. Sozialstaat ist altmodisch, nicht mehr zeitgemäß, wirft uns im internationalen Vergleich zurück - eben was für 'Beckenrandspringer' und 'Schattenparker'. Hey, wozu das Hirn anschalten, mit Spaß in die Zukunft. Sich 10 Stunden im Büro abrackern? Yeah, junge Leute stehen drauf. Sich für Eigenheim oder auf dem Aktienmarkt verschulden, hey, das bieg ich wieder hin, ist schließlich Ehrensache und längst nicht mehr nur Männerehre, nein Frauen dürfen sich ebenfalls im grauen Kostümchen um Aufträge, Kunden und das Privileg zur Familienernährung prügeln. Ja, die ganze Welt soll endlich erfahren, daß der deutsche Postmann auch in New York Briefe einwirft. Leistung muß sich halt endlich wieder lohnen, ein Ruck muß durch Deutschland gehen:

»Wenn wir Zukunft wollen, müssen wir junge Menschen dafür begeistern, sich stärker einzubringen. Verantwortung zu übernehmen. Ihre Ziele zu erkennen. Und durchzusetzen.« (magazin 2/00 der Friedrich-Naumann-Stiftung).

Ich gehöre zu einem ausgewählten Kreis, schreibt mir der Chefredakteur der Zeitschrift »Geldidee« in einem persönlichen Brief. Das ist nett, gehört aber eher in die Mottenkiste der Werbung, absolut zeitgemäß dagegen ist das bommende Angebot derartiger Fachzeitschriften für den kleinen Anleger. »Wir sind da schon arg hinter den USA und Frankreich zurück...«, philosophiert die Sachbearbeiterin auf der Sparkasse und versucht expertenhaft besorgt dreinzuschauen. Jaa, da muß was passieren...

»Das Wenden des Schiffes Deutschlands ist nicht der Weg zurück, sondern das Einschlagen einer anderen Fahrtroute mit ihren eigenen Reizen. Diese Reize gilt es zu vermitteln!« (A. Bahr in magazin 2/00 der Friedrich-Naumann-Stiftung).

Geisteswissenschaftler brauchen wir und Sozialpädagogen, Leute, die sich überlegen können, wie man jemandem - verantwortlich und um sein Verstehen ringend - beibringt, warum es nichts zu fressen gibt. Und das mit der notwendigen Note Humor bitte. Überhaupt kommt man um sozial-ethisch-ökologische Verantwortung nicht mehr herum, allein schon wegen...

»Ich sehe das übrigens nicht nur aus altruistischen Gründen so, sondern auch, weil ich glaube, dass es für ein Unternehmen besser ist, wenn sich der Chef einer solchen Verantwortung stellt. Und es ist auch besser für die Wirtschaft insgesamt, weil dann unser System besser von den Leuten akzeptiert wird.« (Nestlé-Chef a.D. Helmut Maucher, SchwäZ 22.4.2000).

Es gibt heute gar keinen Bedarf mehr, den Kapitalismus hinter einer 'sozialen Marktwirtschaft' zu verstecken, Offenherzigkeit ist zum guten Ton geworden, die Ideologie der Zeit transformiert die zu erklärenden Übel zu ästhetischen Zielen einer neuen Generation, die sich nichts mehr vorlügen muß. Widerspruch? Mitnichten! Es gibt keine Werbeverschwörung des Großkapitals; die Kleinanleger, die hippen Studis, die Zahnarzthelferinnen und die Ingenieure machen ihre Ideologie schon selbst, dazu braucht es heute kein Propagandaministerium. Auch Werbung und Ideologie sind nur Abbilder der Gesellschaft, in der sie entstehen. Lemminge, ist man versucht zu rufen, Lemminge haltet inne... aber hören wird halt sowieso niemand. Alles Denken ist ihnen verhaßt. (mt)


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 9. August 2000.