Zum Knappheitsdogma der Volkswirtschaftslehre und dem Volkskörper

»Im Wirtschaftskreislauf werden die Aggregate nicht isoliert betrachtet, sondern im systematischen Zusammenhang. Dazu gibt es die Analogie des Blutkreislaufes (...) Es findet eine Arbeitsteilung zwischen den Organen statt. Jedes Organ erfüllt so seine spezifische Funktion. Ebenso in der Gesellschaft. Die Klassen erbringen spezifische Leistungen. Diese Leistungen werden weitertransportiert. Für die Leistungsabgabe erhält man eine Gegenleistung. Das ermöglicht eine Erneuerung des Kreislaufs« (Vorlesungsmitschrift) - Mit einem ähnlichen Argument wurden einst die römischen Bauern überzeugt, als sie sich zunächst weigerten gegen Katargo in den Krieg zu ziehen. Eigentlich, so dachten sie richtigerweise, wäre das doch nur im Interesse der Senatoren, welche den Bauern daraufhin erklärten sie seien doch nur Arschlöcher, während der Senat das Hirn sei, man sei wechselseitig aufeinander angewießen und Entscheidungen zu treffen oblige nunmal dem Hirn. Obwohl Friedrich Wilhelm IV. noch bei der Eröffnung des ersten preussischen »Vereinigten Landtages« im April 1847 erklärte »daß es keiner Macht der Erde je gelingen soll, mich zu bewegen, das natürliche ... Verhältnis zwischen Fürst und Volk in ein konventionelles, konstitutionelles zu wandeln und daß ich es nun und nimmermehr zugeben werde, daß sich zwischen unserm Herrgott im Himmel und dieses Land ein beschriebenes Blatt, gleichsam als eine zweite Vorsehung eindränge...«, sind Volkskörpervorstellungen andernorts bereits ca. 50 Jahre vorher aus der Mode gewesen: »Die bürgerliche Gesellschaft gründet sich auf einen solchen Vertrag aller Mitglieder mit einem, oder eines mit allen, und kann sich auf nichts Anderes gründen, da es schlechterdings unrechtmässig ist, sich durch einen anderen Gesetze geben zu lassen, als durch sich selbst. Nur dadurch wird die bürgerliche Gesetzgebung gültig für mich, dass ich sie freiwillig annehme - durch welches Zeichen, thut hier nichts zur Sache - und dadurch mir selbst das Gesetz gebe. Aufdringen kann ich mir kein Gesetz lassen, ohne dadurch auf die Menschheit, auf Persönlichkeit und Freiheit Verzicht zu thun. In diesem gesellschaftlichen Vertrage gibt jedes Mitglied einige seiner veräusserlichen Rechte auf, mit der Bedingung, dass andere Mitglieder auch einige der ihrigen aufgeben.« (Fichte, »Zurückforderung der Denkfreiheit...«, 1793) Friedrich Wilhelm war nunmal nicht besonders beschlagen, dafür Fichte umsomehr. Der hatte nämlich auch schon das Wesentliche am bürgerlichen Staat erkannt, was diesen praktisch ausmacht: »Wenn ein Mitglied seinen Vertrag nicht hält, und seine veräusserten Rechte zurücknimmt, so bekommt dadurch die Gesellschaft ein Recht, ihn zur Haltung desselben durch Verletzung seiner ihm durch die Gesellschaft zugesicherten Rechte zu zwingen. Dieser Verletzung hat er sich durch den Vertrag freiwillig unterworfen. Daher entsteht die ausübende Gewalt.

Die ausübende Gewalt kann ohne Nachteil nicht von der ganzen Gesellschaft ausgeübt werden; sie wird daher mehreren oder einem Mitgliede übertragen.« (ebd.) - das Gewaltmonopol.

Friedrich Willhelm, der den Landtag einberufen hatte weil ein altes Gesetz ihn zwang sowas zu tun, falls er Kredit will, wollte die Abgeordneten unter dem Vorwandt eine Eisenbahn bauen zu wollen dazu bringen, ihm zu erlauben sich Geld zu leihen, damit er sich seinen Hofstaat weiterhin halten konnte. Aber die bürgerliche Fraktion war im damaligen Preusen bereits stark genug, um derlei Lustigkeiten des Fürsten mit Forderungen nach einer Verfassung und so Zeugs zu kontern. So kam der Fürst nicht an sein Geld. Er litt an Knappheit. Ähnlich geht es modernen Volkswirten, auch sie leiden an »Knappheit« und sind in längst überhohlten Volkskörpervorstellungen befangen. »Wie sonderbar doch Leute von verschiedenen Handwerken auf einander treffen« (Fichte).

Friedrich Wilhelm ging es jedenfalls nicht wirklich um die Eisenbahn, die Volkswirte aber behaupten ja garnicht eine Eisenbahn bauen zu wollen, sondern sie nehmen sich die Sache des Volkes gleich viel umfassender zu Herzen und machen sich an die Beseitigung der von ihnen verorteten Knappheit.

Die Kathegorien in denen sich das volkswirtschaftliche Denken bewegt, werden vom bürgerlichen Staat als Recht durchgesetzt und sind darum, anders als die volkswirtschaftliche Vorstellung davon, durchaus reale Zwänge, mit denen sich die Leute auseinandersetzen müssen. Die Behandlung der Leute durch den Staat, indem er sich dabei volkswirtschaftlicher Sinnvorstellungen, erstens zwecks Legitimation und zweitens tatsächlich im eigenen Interesse bedient, macht auch die Volkswirtschaftslehre selbst für das Staatsvolk zu einer wichtigen Wissenschaft, die einen tatsächlichen Gegenstand untersucht: das gemeinsame Anliegen aller Deutschen, die Knappheit. Indikatoren für den jeweils aktuellen Stand des vaterländischen Kampfes gegen die Knappheit gibt es vielerlei. Die »Zahlungsbillanz« etwa, ist der Wichtigste darunter wenn es darum geht zu sehen wie gut man sich denn im Vergleich mit anderen Staaten gegen die Knappheit gewehrt hat. Neuerdings schlägt die allgemeine Knappheit auch um, in einen Kampf der besonderen Staaten gegeneinander: der Wettbewerb der Standorte. Wir beobachten dann das seltsame Phänomän, daß das gemeinsame Anliegen aller, die Beseitigung der Knappheit, dazu führt daß man sich etwas Vorhandenes streitig macht. Der Standort für muß für die Beseitigung der Knappheit taugen, also muß Knappheit vorhanden sein, also wird sie notfalls mit Gewalt herbeigeführt. So wird der Kampf gegen die Knappheit ein Kampf um die Knappheit, nicht mehr alle gegen die Knappheit, sondern genug Knappheit für jeden! Knappheit gerecht verteilen! Bedenkt also liebe Arbeiter, bei euren Lohnforderungen die Zahlungsbillanz, ist diese nämlich nicht ausgeglichen, dann hat wohl irgendein anderer Staat mehr Knappheit ergattert als Deutschland, dann heißtïs sowieso »Gürtel enger Schnallen« - ob ihr wollt oder nicht, das ist Naturgesetz. Gar seltsame Blüten treibt der Kampf der Staaten dann, wenn mal einer aus der Reihe tanzt. Das »Menschenrecht« entspringt, der Name sagt es schon, aus der Menschennatur. Folglich gilt es mehr als das Knappheitsgebot der Staaten, dürfen diese also trotz aller Knappheit das Menschenrecht nicht brechen, das ist dann nämlich sowas wie unrechtsmäßige Knappheitsbeschaffung: damals die Sowjetunion, heute noch die VR China. Mit dem Hinweis daß der chinesische Staat onehin gegen die Menschennatur sei, wird er nur sehr bedingt in den Kreis der großen Volkswirtschaften, die WTO, aufgenommen (siehe Lizenzvergabebestimmungen bei Telekommunikation, etc.).

Die Knappheit, das leuchtet, nicht sogar, sondern am ehesten dem normalen Lohnabhängigen ein, ist eine grundsätzliche Gegebenheit, liegt irgendwo im menschlichen Schicksal oder sogar seiner Natur begründet. Nun haben jedoch so manche Philosophen über Jahrhunderte hinweg versucht zu zeigen, daß der Mensch eben anders als die Tiere, durch seine Vernunft in der Lage ist die Natur zu beherrschen. Das christliche Dogma des Menschen als Sünder, daß durch die Aufklärung oberflächlich überwunden wurde, verschob die Natur des Menschen, seine Sünderhaftigkeit, ins Jenseitige und hatte somit wenig Probleme mit der Behauptung der Besagten Philosophen, der Mensch sei in der Lage die Natur zu beherrschen. Im Diesseits betrachtet tat er es ja auch, der Köllner Dom ist nur ein Beispiel. Nur eben nicht alleine, sondern gemeinsam beherrscht von irgendwelchen Feudalherren.

Aber auch die modernen Volkswirte betrachten den Menschen als der »Knappheit« hilflos ausgeliefert, gerade als würde die Sündhaftigkeit ihren langen Schatten in unsere Zeit werfen. Der Schlüssel zum Verständniss dieser Denkweise liegt in der geistesgeschichtlichen Bewegung der Aufklärung. Einerseits haben Leute wie Fichte sich, übermütig ob der Französischen Revolution, auf die »Idee der Freiheit« kapriziert und sahen diese in dem, bis dahin nur von ihnen vorgestellten, bürgerlichen Staat verwirklicht. Diese Freiheit ist jedoch andererseits ein zweischneidiges Schwert. Gerieten die einzelnen Menschen in feudalen Zeiten noch unmittelbar in einen gesellschaftlichen Zusammenhang, die Herrschaft des Fürsten über Alle, so geht dieser Zusammenhang dem bürgerlichen Bewußtsein verloren. Es behauptet seine Freiheit gegen die Herrschaft der Feudalherren ideell, zwar um sich materiell davon zu lösen, löst dadurch aber auch ideell den gesellschaftlichen Zusammenhang auf. Der eine Moment der Befreiung in der Aufklärung ist die Vernichtung der ideell unterworfenen Gesellschaftlichkeit (jenseitige Legitimation der Herrschaft), der andere die ideelle Unterwerfung der Gesellschaftlichkeit (freie Wesen vergesellschaften sich qua Vertrag). Das Resultat hiervon ist das bürgerliche Bewußtsein »von sich selbst, als absolut freies Wesen« (Kant).

Dieses Wesen, so für sich selbst allein, denkt sich nun die obskursten Sachen aus. Brachten die Aufklärer die Freiheit ins Diesseits, so wurde die Sünde dadurch zum jeweils privaten Jenseits: das Gewissen. Besonders Aufgeklärten Leuten kann das garnicht genug sein. Sie fordern nun auch noch die Freiheit des Gewissens und befinden sich damit in bester Tradition bürgerlicher Idiotie. Ein freies Gewissen gehört nämlich, so meinen sie, wie die Freiheit überhaupt ins Diesseits. Dahin gelangt es etwa durch den skrupellosen »Wille zur Macht«, die Lebenskampfphilosophie überhaupt, die schlechtes Gewissen als Resultat der Bestrebungen lebensfeindlicher Kräfte betrachtet, oder eben indem die Sünde inkarniert, das Böse, die Juden. Da kann man dann sein schlechtes Gewissen ganz handwerklich Abschaffen um sich anschließend im Lebenskampf, freilich stets fürs Vaterland, zu verwirklichen. Martin Walsers Aufforderung an die Juden, doch freiwillig zu verschwinden, macht so Sinn als kämpferisches Bekenntniss zur Nation überhaupt, als völkische Verkündigung des nationalen Gewissens, das seine Freiheit behauptet indem es seine Sünde nötigenfalls abschafft (siehe Zwangsarbeiterentschädigungsdebatte). Ignatz Bubis hat das schon richtig verstanden und ist, indem er sich nicht in Deutschland beerdigen ließ, ideell vor Walsers Volk geflüchtet.

Die Volkswirte nehmen nun das bürgerliche Individuum ernst. Erstens als Arbeiter, der ausreichend mit Knappheit versorgt sein muß (damit ihm einleuchtet warum sie zu bekämpfen ist, muß er sie als seine natürliche Veranlagung begreifen, wozu er am sichersten gelangt indem er sie täglich erfährt), zweitens als Volk (wenn der Arbeiter sich nicht auch als Deutscher denkt, leuchtet ihm nämlich nicht ein, daß seine Knappheit irgendwie durch Lohnarbeit beseitigt wird), das die Knappheit bekämpft. Weil die Volkswirtschaftslehre von diesem einzelnen, bürgerlichen Individuum ausgeht, scheint es ihr eine Naturvorraussetztung zu sein, dass Knappheit das Handeln dieses Individuums bestimmt. Im volkswirtschaftlichen Weltbild entspringt die Knappheit aus der Natur allgemein, die Menschen finden sie vor, und müssen sich damit auseinandersetzen. Auf die Idee, dass die Menschen durch Arbeit und Kooperation sich die Natur als Lebensmittel aneignen können, und gerade wegen der Fähigkeit zu kooperieren, vernünftig mit dem vorgefundenen Reichtum umzugehen, das Problem irgendwelcher Knappheit nicht haben, kommt diese Wissenschaft nicht, weil sie den Mensch eben bloß einzeln, als Individuum begreift. Den wirklichen Grund für die Knappheit von Lebensmitteln, mit der sich die meisten Leute herumschlagen müssen, die permanente gegenseitige Ausgrenzung der bürgerlichen Individuen von Lebensmitteln durch das Eigentum, kann die Volkswirtschaftslehre gar nicht begreifen, weil sie das Resultat dieser Praxis, das bürgerliche Individuum, zum Ausgangspunkt hat. Um diese, der Volkswirtschaft als natürlich erscheinende Knappheit an Lebensmitteln zu bewältigen, so meint sie, sei gerade die freie Konkurrenz der Leute das richtige Mittel. Die Grundlage dieser Konkurrenz, das bürgerliche Recht, scheint ihr als Bedingung eben dieser Freiheit, nicht als das, was es ist, nämlich die Bedingung der vielbeschworenen Knappheit. Die durchgesetzte Vergesellschaftung ideell freier Individuen, der bürgerliche Staat, wird so in der volkswirtschaftlichen Vorstellung zum Mittel der Bekämpfung von Knappheit. Darin findet sich dann das Anliegen jedes einzelnen, mit der Knappheit fertig zu werden, als Zweck der gesammten Unternehmung wieder: Die Freiheit ermöglichend, die nötig ist um gegeneinander die jeweils eigene Knappheit zu bekämpfen. So wird der Staat zum Subjekt des Interesses, die allgemeine Knappheit zu bekämpfen und dadurch selbst zum bürgerlichen Individuum. Mit einer organischen Zusammensetzung und Blutkreislauf sowie Krankheiten: äSozialschmarotzer«, Blutunreinheiten aller Art, vor allem äraffendes Kapital«;sowie bösartigen Mitstaaten: äserbische Aggressoren«, äamerikanischer Dollarimperialismus«, etc.

Die richtige Analyse der Gesellschaft, die unter dem jeweiligen Gewaltmonopol sich an der äKnappheit« abarbeitet, führt anders als die falschen Vorstellungen der Volkswirte, zu einem Klassenbegriff, der die Klassen nicht als unbestimmt und vielerlei, wie Organe zusammenwirkend, sondern als genau zwei feindliche Lager enthält: Die Proletarier und die Bourgeoisie. Unter der Vorraussetzung des bürgerlichen Eigentums findet die Beschaffung von Lebensmitteln nämlich nur auf zwei verschiedene Arten statt. Die Leute, die nicht mehr haben, als sie täglich für ihr Leben benötigen, müssen das was ihnen nur durch dieses Leben allein gegeben ist verkaufen: ihre Arbeitskraft. Die Leute, die den wesentlichen Teil des gesellschaftlichen und natürlichen Reichtums besitzen, kaufen diese Arbeitskraft, und eignen sich so die damit produzierten Lebensmittel an. Auf diese Weise sind die Lebensmittel bei den Ersten immer knapp, und sie müssen sie von den Zweiten kaufen.

(äg)


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