Oktoberrevolution - NEP - Sozialismus in einem Land

Von der Februar- zur Oktoberrevolution

Die Februarrevolution 1917 hatte zur Abdankung des Zaren, zur Bildung einer Provisorischen Regierung und zur Wahl der Arbeiter- und Soldatenräte (Sowjets), also einer Art »Doppelherrschaft«, geführt. Aber unter den Bolschewiki war es nach wie vor alter leninistischer Konsens, daß in Rußland nicht die proletarische, sondern die demokratische Revolution auf der Tagesordnung stehe. Da legte Lenin bereits einen Tag nach seiner Rückkehr aus dem Exil im April 1917 auf der allrussischen Konferenz der Bolschewiki seine sog. »Aprilthesen« vor, in denen er die Partei auf die Absage an jedes Bündnis mit den »ganzen und halben Vaterlandsverteidigern« in dem imperialistischen Krieg und auf den Übergang zur zweiten Etappe der Revolution einschwor:

»Die Eigenart der gegenwärtigen Lage in Rußland besteht im Übergang .... zur zweiten Etappe der Revolution, die die Macht in die Hände des Proletariats und der ärmsten Schichten der Bauernschaft legen muß. ... Keine parlamentarische Republik, sondern eine Republik der Sowjets der Arbeiter-, Landarbeiter- und Bauerndeputierten...«

Die Partei brauche daher auch einen neuen Namen: Kommunistische Partei (bis dahin Sozialdemokratische Partei (B)).

Gegen Kritiker gab Lenin zu, daß Rußland, wenn man es aus seinem Zusammenhang mit dem übrigen Europa herauslöse, für den Sozialismus nicht reif sei. Aber mit ganz Europa sei es so. Rußlands Mission bestehe darin, der europäischen Revolution den weg zu ebnen. - Und erntete dafür den Vorwurf des »Trotzkismus«, eingedenk der alten Diskussionen zu diesem Thema. Nach einigen Tagen heftigster Debatten war jedoch die Mehrheit für Lenin gewonnen.

lDie Diskussionen zwischen Anhängern und Gegnern eines Aufstandes gingen aber bis zum Oktober weiter. Die Bolschewiki hatten inzwischen mit ihren Forderungen nach Beendigung des Krieges sowie der Landverteilung an die Bauern die Mehrheit in den Sowjets von Petrograd, Moskau und anderen Städten gewonnen, unter der Parole: »Alle Macht den Sowjets«.

Trotzki war dabei (wieder) zum Vorsitzenden des Petrograder Sowjets sowie später zum Vorsitzenden des neu gebildeten »Militärischen Revolutionskomitees« gewählt worden. - Dieses Komitee war mit Zustimmung auch der Menschewiki und Sozialrevolutionäre gebildet worden, um eine Gegenrevolution und damit die Einnahme Petrograds durch die Deutschen zu verhindern, was die Revolution beendet hätte. So konnte der Aufstand taktisch bestens durch Trotzki vorbereitet werden und war praktisch ohne große Gegenwehr erfolgreich.

»Die Provisorische Regierung war politisch völlig isoliert. Die Aufständischen waren so stark, daß sie die Regierung ohne weitere Umstände zur Seite schieben konnten. Als am 25. Oktober der zweite Allrussische Kongress der Sowjets zusammentrat, war der Aufstand so gut wie durchgeführt, die bolschewistische Mehrheit des Kongresses zögerte nicht, das Geschehene zu sanktionieren.« (Deutscher: Stalin, S.224)

Kriegskommunismus und Neue Ökonomische Politik(NEP)

Nach der Eroberung der Staatsmacht hatten die Bolschewiki eine durch die zaristische Kriegswirtschaft schon weitgehend ruinierte Ökonomie übernommen.

Im Bürgerkrieg 1918 - 1920 wurden dann verzweifelte Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Versorgung und Industrieproduktion getroffen, in der Hauptsache durch Verstaatlichungen und Aufhebung von Geldzahlungen. Das allgemeine wirtschaftliche Chaos konnte aber nicht gestoppt werden. Die Versorgung der Roten Armee mit Waffen und Proviant wurde im Wesentlichen durch Requirieren bewerkstelligt. Dieser sog. »Kriegskommunismus« traf nach dem Ende des Bürgerkriegs auf zunehmende Ablehnung bei den Bauern, deren Anteil an der Bevölkerung mehr als drei Viertel betrug. Sie hatten die Revolution zwar unterstützt, wollten aber jetzt nach der Vertreibung der Großgrundbesitzer ihre Scholle als ihren Privatbesitz bestellen und den Überschuß ihrer Arbeit entsprechend vermarkten.

Die Neue Ökonomische Politik, beschlossen auf dem 10. Parteitag 1921, war die notwendige Folge dieser desolaten wirtschaftliche Situation - zumal da der erhoffte Erfolg der Revolution in Europa ausgeblieben war. Mit ihr wurde teilweise die privat-kapitalistische Leitung der Betriebe und für die Bauern der Verkauf ihrer Produkte auf dem Markt wieder eingeführt, was auch sehr bald die erhofften Erfolge zeitigte und die allgemeine Hungersnot beendete sowie den wirtschaftliche Wiederaufbau ermöglichte.

[Während des 10. Parteitages, der im März 1921 in Petrograd abgehalten wurde, fand der Kronstädter Aufstand statt. - Kronstadt war eine Petrograd vorgelagerte Festung, deren Matrosen entscheidenden Anteil am Gelingen der Oktoberrevolution hatten. Viele der roten Matrosen der Garnison waren im Bürgerkrieg gefallen, andere nicht mehr zurückgekehrt, so daß sie durch junge Kräfte ersetzt wurden. Diese ließen sich die Kritik der Anarchisten u.a. an Lenin und den Bolschewiki einleuchten, die behaupteten, die Diktatur des Proletariats durch die Partei sei eine Diktatur der Partei über das Proletariatat, und forderten u.a. freie Wahlen. - Viele Parteitagsdelegierte zogen mit den Rotgardisten über das Eis und beteiligten sich an der Niederschlagung des Aufstands.]

Die »Nationalitätenfrage«

So sehr die NEP nach dem gewonnenen Bürgerkrieg als taktische Maßnahme gerechtfertigt war - Lenin hatte einen maximalen Zeitraum von 25 Jahren für sie erwartet -, so wenig ist Lenins Stellung in der »Nationalitätenfrage« nachvollziehbar. Im Unterschied zur NEP sprach er hierbei nicht von taktischen Rücksichtnahmen, sondern macht einen grundlegenden Unterschied zwischen unterdückenden und unterdrückten Nationen, wobei er sich auf die russischen Verhältnisse sowie auf die Kolonien bezieht.

Er sagt, ein Angehöriger einer unterdrückten Nation im russischen Reich ist konfrontiert mit dem großrussischen Chauvinismus und dessen »Halt-die-Schnauze« Mentalität, wobei Lenin keinen Unterschied zwischen den Klassen kennt. Daher scheint der proletarische Internationalismus hier, bei dem Verhältnis zwischen Angehörigen der unterschiedlichen Nationen, auch keine Rolle zu spielen. Und auch klassenbewußte Arbeiter können dieses Schema nicht durchbrechen. Weshalb Lenin auch die Sanktionierung der Rechte der nationalen Minderheiten in der sowjetischen Verfassung, worin auch auch immer diese bestehen mögen, für unabdingbar hält. (noch heute beruft sich z.B. Max Brym auf diese (falsche)Haltung Lenins bei der anfänglichen Unterstützung der UCK und jetzt der Bergarbeiter von Trepca im Kosovo)

[Lenin sah sich angesichts eines Vorfalls in Georgien zu einer scharfen Zurechtweisung der Genossen Ordshonikidse, Dserschinski und Stalin veranlaßt, die sich angeblich in großrussischer Manier verhalten hätten und dabei gegen diese Rechte der nationalen Minderheiten verstießen. (Was das Mißfallen Lenins ausgelöst hat, scheint wohl eher eine Frühform der von später bekannten rücksichtslosen Durchsetzung von Parteirichtlinien, die nicht mehr das gemeinsame revolutionäre Anliegen zur Grundlage hatte, gewesen zu sein.)]

Lenins Tod

Lenins Erkrankung Ende 1922 und sein Tod 1924 stellte die Frage seiner Nachfolge als Führer der Partei auf die Tagesordnung. Die damit verbundenen Auseinandersetzungen unter den führenden Bolschewiki konnte Stalin - und nicht Trotzki - für sich entscheiden. In der Folgezeit verfiel die alte »Streitkultur« der Partei zusehends. Eine Prinzipienreiterei und Rechtgläubigkeit, wie sie aus der Kirchengeschichte unter dem Begriff der Scholastik bekannt ist, und aufgrund dessen der sowjetische Kommunismus auch von bürgerlichen Antikommunisten nicht ganz zu Unrecht mit einer quasi-religiösen Bewegung verglichen wird, setzte sich unter Stalin durch.

Es fand nicht mehr eine freie Diskussion der anstehenden politischen Streitfragen statt, wie sie zur Zeit Lenins vor und nach der Revolution üblich war. Z.B. hatten bei der entscheidenden geheimen Sitzung des Zentralkomitees am Vorabend der Oktoberrevolution Sinowjew und Kamenew gegen den bewaffneten Aufstand gestimmt, ohne daß sie deshalb als »Konterrevolutionäre« ausgeschlossen wurden, was zunächst von Lenin gefordert wurde (nachdem sie den Plan auch noch veröffentlicht hatten). - Am Ende stand Stalins Parole vom »Sozialismus in einem Land«, womit nicht die kommunistische Gesellschaft, Marx´ »Assoziation freier Individuen« gemeint war .... Es stellt sich die Frage, wie es zu dieser Deformation unter Stalin schon so kurz nach Lenins Tod 1924 kommen konnte.

Zu Beginn der Februarrevolution waren die Bolschewiki eine relativ kleine Partei mit knapp 30.000 Mitgliedern. 1917 und in den ersten Jahren nach der Revolution traten ihr dann einige Hunderttausend neue Mitglieder bei. Außerdem waren gerade viele der alten Bolschewiki im Bürgerkrieg 1918 - 1920 gefallen. Diesen neuen Mitgliedern fehlte natürlich das politische Rüstzeug und das marxistische Grundwissen, das die alten Bolschewiki auszeichnete, wenn auch ihre Schulung im »ABC des Kommunismus« vorgesehen war.

Jedoch scheint ein anderes Moment Stalins grundlegende Umwandlung der Partei und gewissermaßen die Aushebelung und Umdrehung des revolutionären Projekts gefördert zu haben: Die Bolschewiki einte bei ihrem kompromißlosen Kampf gegen die kapitalistische Ordnung eine zutiesfst moralische Haltung, daß sie eine gute und gerechte Sache vertreten, die eben nicht nur gute Argumente sondern die Geschichte auf ihrer Seite hat. Das Pendant zu dieser revolutionären Moral war der Moralismus der Bolschewiki:

Was sich bei Lenin in polemischen Bemerkungen gegen Gegner in und vor allem außerhalb der Partei manifestierte, mit denen er für seine Position argumentierte, entwickelte sich dann nach seinem Tod sehr schnell zunächst zur (moralischen) Verpflichtung der abweichenden Mitglieder des Zentralkomitees (vor allem Trotzkis), auf die »Parteilinie« und später zu administrativen Maßnahmen gegen sie.

Der Moralismus der Bolschewiki hatte so nach Lenins Tod eine fatale Konsequenz, die bei der Auseinandersetzung um seine Nachfolge deutlich wurde. Die freie Diskussion mit anschließender solidarischer Durchführung beschlossener Maßnahmen auch durch unterlegene ZK-Mitglieder wurde abgelöst von einer neuartigen »Disziplinierung«, durch welche die Unterlegenen bei Abstimmungen im Zentralkomitee unter Hinweis auf das »höhere« Interesse der Partei zu »Wohlverhalten« aufgefordert wurden. - So hat z.B. selbst Trotzki , der außerdem noch durch eine längere Erkrankung in den entscheidenden Jahren geschwächt war, wider besseres Wissen die Existenz des Testaments von Lenin geleugnet, in dem dieser sich entschieden gegen Stalin als Generalsekretär aussprach - weil er glaubte, der Partei diesen »solidarischen Dienst« schuldig zu sein.

»Sozialismus in einem Land«

Die NEP bedeutete Förderung der Landwirtschaft und der leichten Konsumgüterindustrie mit marktwirtschaftlichen Elementen, um durch den Export von Agrarüberschüssen den Import von Investitionsgütern zu finanzieren für die allmähliche industrielle Entwicklung. »Gosplan«, die neugeschaffene zentrale Planungsbehörde, wollte dagegen mit dem Aufbau der Schwerindustrie die Umwandlung der UdSSR in ein modernes Industrieland beschleunigen. (Das Industrialisierungsprogramm wurde übrigens auch von Trotzki gutgeheißen).

Ziel war nicht mehr, die Basis für eine Ökonomie, die die Befriedigung der Bedürfnisse zum Maßstab hat, zu legen, sondern: den Westen einzuholen, die UdSSR autark zu machen und so der kapitalistischen Welt gleichberechtigt gegenübertreten zu können. Bei diesem Plan kannte Gosplan dann auch nur ein (kapitalistisches) Mittel: Kostensenkungen. Die damit akzeptierten Sachzwänge führten zwangsläufig zur Belastung des nachgiebigsten Faktors: der Arbeitskraft.

Die Produktivität mußte durch verstärkten physischen Arbeitseinsatz gesteigert werden; nur so konnte die Industrialisierung zum Teil aus den Gewinnen der Industrie selbst finanziert werden. Die Schichtarbeit wurde vermehrt und Nachtarbeit für Frauen wieder eingeführt.

Die Landwirtschaft war dabei das Stiefkind. Hatte Lenin noch gefordert: »100.000 Traktoren werden die Bauern zum Kommunismus führen«, so war die Förderung der Landwirtschaft durch Gosplan nur spärlich. Wesentliches Arbeitsinstrument der Bauern war nach wie vor der Holzpflug.

Nach einer Phase ökonomischen Aufschwungs ergeben sich Probleme mit der Landwirtschaft: die wohlhabenden Bauern (»Kulaken«) halten ihre Getreidevorräte zurück und verkaufen nicht, da sie es wegen Inflationstendenzen - auch wegen der unsicheren internationalen Lage (Drohungen gegen die UdSSR von seiten der imperialistischen Staaten) - nicht für lohnend befanden. Im Oktober 1927 ruft das ZK zu einem »verstärkten Angriff gegen die Kulaken« auf.

Das tödliche Ausmaß der Bedrohung der Lebensmittelversorgung der Städte und Fabriken wurde erst spät erkannt (Ende 1927). Keineswegs nur Kulaken, auch mittlere Bauern, die dann auch gleich als Kulaken galten, mußten jetzt gezwungen werden, ihren Kropf zu leeren. 1928 wiederholten sich die Vorgänge von 1927 in noch größerem Ausmaß: die Knappheit war nun (1928) zum Dauerzustand geworden. Der Glaube, daß die Städte durch freiwillige Verkäufe und Ablieferungen (die Grundlage der NEP) versorgt werden könnten, war zusammengebrochen.

Die Kollektivierung der Landwirtschaft

Hoffnungen in der Partei, einen Klassenkampf auf dem Lande zu entfachen, wurden enttäuscht: in den meisten Fällen hielten Kulaken und arme Bauern zusammen. Auf einer Konferenz Ende 1929 forderte Stalin jetzt, nach langem Zögern, die »Dekulakisierung« und»die Liquidierung der Kulaken als einer Klasse«. Am 5.1.1930 wurde vom ZK eine Entschließung angenommen. Sie verkündete »die Ersetzung der großen Kulaken-Produktion durch die große Kolchosen-Produktion« und »die Liquidierung der Kulaken als einer Klasse«. Die erklärte Absicht, gegen die mittleren und kleinen Bauern keinen Zwang anzuwenden, wurde schnell zuschanden.

Es dauerte jedoch nicht lange, bis die Rechnung für diese gewaltige Umwälzung präsentiert wurde: die Produktion war desorganisiert und die tüchtigsten Produzenten waren davon gejagt worden.

»... die Bauern begannen Hunger zu leiden. Immer mehr Vieh wurde geschlachtet, weil es nicht mehr genug Futter gab. Schlechte Ernten 1931 wie auch 1932 machten das Unheil voll. Das Getreide wurde selbst von den am schlimmsten betroffenen Regionen weiter erbarmungslos eingetrieben, und im darauffolgenden Winter fielen Gebiete, die einmal die reichsten Getreideanbaugebiete gewesen waren, einer Hungersnot zum Opfer, die schlimmer war als alles, was man elf Jahre zuvor nach dem Bürgerkrieg erlebt hatte. Die Zahl derer, die Hungers starben, läßt sich nicht bestimmen, die Schätzungen schwankten damals zwischen einer und fünf Millionen.« (Carr, S.155)

Der »Stalinismus«

Die KPdSU hat ähnlich wie die SPD, die sich vor dem 1. Weltkrieg von einer kommunistischen zu einer bürgerlich-parlamentarischen Partei wandelte, unter Stalin eine Drehung wenn nicht um 180, so doch um 90 Grad gemacht. »Sozialismus in einem Land« wurde zur Chiffre für die Entwicklung der Sowjetunion hin zu nationaler Größe und Stärke -zwar klassenlos, aber nicht kommunistisch (auch nicht mehr als ideales Ziel!). Der - je nach Sichtweise - »stürmische Aufbau des Sozialismus und die Entfaltung der Produktivkräfte« oder die »Entwicklung hin zu einem modernen Industrieland« (wie bürgerliche Ökonomen seinerzeit anerkennend feststellten), das war die eine Seite. Die andere war das, was unter die Rubrik »Säuberungen« fällt: politischen Gegnern in und außerhalb der Partei wurde grundsätzlich böser Wille unterstellt. Auch hier kam wieder der Moralismus der Bolschewiki zum Zuge, ebenso wie bei der Suche nach Schuldigen bei wirtschaftlichen Mißerfolgen.

Stalins Gehässigkeit, die schon antikommunistisch zu nennen ist, ging so weit, daß er nach dem Abkommen mit Hitler 1939 deutsche und österreichische Kommunisten, die vor den Nazis in die Sowjetunion geflüchtet waren und hier gegen die Parteilinie verstoßen hatten, an die Gestapo auslieferte.

Selbst noch nachdem alle Gegner (die führenden Mitglieder des alten Zentralkomitees und zigtausende ihrer Anhänger) liquidiert waren, wollten die Denunziationen nicht enden. Wie Chruschtschow in seiner Geheimrede auf dem 20. Parteitag 1956 berichtete, wurden von den knapp 2000 Delegierten des 17. Parteitages 1934, der wie ein Mann hinter Stalin stand, mehr als die Hälfte verhaftet; von den dort gewählten 139 Mitgliedern und Kandidaten des Zentralkomitees 98 hingerichtet (u.a. waren sie nicht immer mit der physischen Ausschaltung der Gegner einverstanden gewesen).

Stalins Umgang mit der innerparteilichen Opposition grenzte so schon an Verfolgungswahn, der andererseits seinen realen Grund in der Feindschaft von USA und Nato hatte; und sich zuletzt noch nach dem Krieg in der Kampagne gegen die sog. »Kosmopoliten« äußerte (das waren jüdische Künstler und Intellektuelle. Einige von ihnen hatten während des Krieges ein »Jüdisches Antifaschistisches Komitee« gegründet und waren z.B in den USA auf Veranstaltungen zur Verteidigung der Sowjetunion aufgetreten. Nach dem Krieg fielen sie dann in Ungnade). Oder in dem Prozess gegen wiederum jüdische Kremlärzte, der nur durch Stalins Tod nicht mehr zum Ende kam.

In einer politischen Bilanz kann man sagen, daß zum einen (innenpolitisch) Hunger und Elend in der Sowjetunion beseitigt und eine geregelte Versorgung für alle bei nur geringen Verdienstunterschieden gegeben war. Außenpolitisch verfolgte sie andererseits keine imperialistischen Ambitionen mehr, wollte , als »Weltfriedensmacht«, aber auch keinen grundsätzlichen Gegensatz zur imperialistischen Welt mehr sehen - bei allem Mitziehen im »Rüstungswettlauf«.

Literatur:

Lenin: Ausgewählte Werke (3 Bände)

Trotzki: Die permanente Revolution (deutsche Erstausgabe 1930)

Trotzki: Verratene Revolution - Was ist die Sowjetunion und wohin treibt sie? (1936)

Bucharin und Preobaschenskij: Das ABC des Kommunismus - Populäre Erläuterung des Programms der Kommunistischen Partei Rußlands (Bolschewiki) (deutsche Erstausg. 1920)

Isaac Deutscher: Die unvollendete Revolution (EVA Frankfurt 1967)

Isaac Deutscher: Trotzki (3 Bände, Urban-TB 1972)

Isaac Deutscher: Stalin (Neuauflage der Ausgabe von 1967:Augsburg 1997)

Edward Hallett Carr: Die russische Revolution - Lenin und Stalin 1917-1929 (Stuttgart 1980)

Ernest Mandel: Oktober 1917 - Staatsstreich oder Revolution (ISP Köln 1992)

MSZ (12/1987): Artikel »Stalin - wer war das?«

SZ vom 27.10.97: Artikel »Am Schluß bat er darum erschossen zu werden - Eine Geschichte der österreichischen Emigranten in der Sowjetunion« (Buchbesprechung)


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