Julius Nyerere: Von der Pflicht füreinander zu arbeiten

»Intensität und Produktivkraft der Arbeit gegeben, ist der zur materiellen Produktion notwendige Teil des gesellschaftlichen Arbeitstags um so kürzer, der für freie, geistige und gesellschaftliche Betätigung der Individuen eroberte Zeitteil also um so größer, je gleichmäßiger die Arbeit unter alle werkfähigen Glieder der Gesellschaft verteilt ist, je weniger eine Gesellschaftsschichte die Naturnotwendigkeit der Arbeit von sich selbst ab- und einer andren Schichte zuwälzen kann. Die absolute Grenze für die Verkürzung des Arbeitstags ist nach dieser Seite hin die Allgemeinheit der Arbeit. In der kapitalistischen Gesellschaft wird freie Zeit für eine Klasse produziert durch Verwandlung aller Lebenszeit der Massen in Arbeitszeit.« (Marx: Das Kapital. Bd. 1. 15. Kapitel)

Theorie und Praxis des ersten tanzanischen Präsidenten bedingen einander - als eine Art Staatsphilosophie - und lassen sich letztlich nicht völlig voneinander trennen. Nyerere legte allerdings Wert auf die Feststellung, Tanganyika beziehungsweise später Tanzania sei unter seiner Präsidentschaft nie ein sozialistisches Land gewesen - lediglich auf dem Weg dorthin. Dies soll dazu berechtigen, im folgenden wesentlich sein theoretisches Werk zu betrachten und nur hin und wieder auf dessen praktische Implikationen zu verweisen.

Ujamaa - ein afrikanischer Sozialismus

Die kleinste soziale Einheit des traditionellen Afrikas war, so Nyerere die Familie. Der Name seines theoretischen Konzepts »Ujamaa« bedeutet - aus dem Arabischen kommend - in diesem Sinne in etwa 'familiy hood' oder auch 'Gemeinschaft von Gleichen'. Die Relationen der Familienmitglieder zueinander lassen sich in drei Prinzipien beschreiben: Respekt, gemeinschaftliches Eigentum und die Pflicht zur Arbeit

1. Die Familienmitglieder sind qua ihres gesellschaftlichen Zusammenwirkens zu gegenseitigem Respekt angehalten, was Nyerere auch als (institutionelle) Liebe bezeichnet. Einem Ältesten gebührt etwa für die Leistung lebenslanger Arbeit besondere Anerkennung, doch ist dieser wiederum den anderen, jüngeren Familienmitgliedern gegenüber zu besonderer Verantwortung angehalten. Oberstes Gebot ist das soziale Miteinander, größte Gefahr der Familie das Zerbrechen als Basiseinheit in unwirtlicher Umwelt, das Überleben kann nur gemeinsam gesichert werden. Kein Chief, Ältester oder Ähnliches kann sich zum Autokraten aufschwingen, da er durch den Zwang zum Miteinander bei Verletzung seiner Verantwortungspflicht abgesetzt werden kann, schließlich verfügt er über keinen Repressionsapparat. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, dabei wird solange dikutiert, bis jedes Mitglied mit dem Ergebnis einverstanden ist - was außerordentliche Vorteile für Einzelpersonen praktisch ausschließt. Diese Form der Diskussion, das Palaver, ist - mit Blick auf westliche Demokratie- und Menschenrechtsexporteure - nach Nyerere der Beleg für die demokratische Tradition Afrikas.

2. Eigentum ist im wesentlichen gesellschaftliches Eigentum. In der traditionellen afrikanischen Familie entstehen keine großen Unterschiede im Lebensstandard der Mitglieder. Zwar bekommt der Jäger eines Wildes etwas mehr Fleisch oder die schmackhafteren Teile als die anderen, doch ist sein Fang nicht sein Eigentum. Niemand kann im Luxus leben, während andere hungern. Auch die eventuellen Statussymbole oder Schmuckstücke eines Ältesten sind nicht dessen Eigentum, sie verkörpern die soziale Einheit und werden lediglich zentral verwaltet. Land ist weder privates oder gesellschaftliches Eigentum - es gehört niemandem, seine Nutzung erfolgt gesellschaftlich. Die traditionelle afrikanische Familie und damit die traditionelle afrikanische Gesellschaft ist nach Nyerere klassenlos, die Marx'sche Einteilung in 'haves' und 'have-nots' trifft nicht zu. Ein Ausschluß von den Arbeits- bzw. Produktionsmitteln, auf dem die westlichen Gesellschaften beruhen, ist weder in traditioneller noch in moderner Zeit zulässig:

»A farmer can own his hoe, a carpenter can own his hand-saw; any worker can own the tools which he uses by himself as a supplement to his own hands. Similary, a family can own the house in which it lives, the furniture and equipment which increase the comfort of its members, and so on. The question of public ownership arises when men have to co-operate together in the pursuit of a particular objective. When the tool has to be used by two men it must be owned equally; when the product is necessary for the decent life of others they must be involved in the control over it.« (Uhuru na Ujamaa. Indroduction)

3. Die traditionelle afrikanische Familie kennt keine Schmarotzer und Faulenzer. Alle ihre Mitglieder sind durch den Zwang zu überleben zur Arbeit entsprechend ihrer Möglichkeiten verpflichtet. Dies garantiert andererseits die Mitversorgung von Kranken, Alten und Kindern und läßt ein notwendiges Vertrauen auf die Verlässlichkeit sozialer Sicherheit zu. Der Landlord, der seinen Feldarbeitern bei der täglichen Rackerei mit kritischem Blick vom Pferde aus zusieht, ist demnach keine afrikanische Erfindung und findet bei Nyerere weder in Landbesitz nocht in Müßiggang Berechtigung.

In einer seiner wichtigsten Schriften, »Socialism and Rural Development« (1967) reagiert Nyerere auf Kritik an seinem ersten entsprechenden Entwurf, »Ujamaa - The Basis of African Socialism« (1962). Das Ideal der traditionellen Familie, so gibt er zu, trägt zwei entscheidende Merkmale, die es aufzuheben gilt: die Benachteiligung der Frauen und die Gleichheit aller als Gleichheit der Armut. Das Ujamaa ist also kein Zurück in eine idealisierte Vergangenheit, sondern die Begründung einer sozialistischen, antikapitalistischen Gesellschaft in der afrikanischen Gesellschaft selbst - denn einer der wichtigsten Aspekte der Entkolonisierung muß die Entkolonisierung des Bewußtseins sein.

self-reliance: ideell und materiell

Tanzania - als eine vom Kolonialismus geschaffene und deshalb zunächst konkrete Verwaltungseinheit Afrikas - ist ein armer Staat. Zwei Ressorcen stehen wesentlich zur Verfügung: kultiviertes und noch kultivierbares Land zum einen, Arbeitskräfte zum anderen. Materielle Verbesserung des gesellschaftlichen Lebensstandards kann, so Nyerere, nur durch Produktionssteigerung im Agrarsektor erreicht werden, womit er sich ebenso gegen Kwame Nkrumah ('Afrika ist reich, wir müssen uns nur nehmen, was da ist.') wie gegen die linken Vertreter des 'Stahlwegs' (siehe Algerien u.a.) abgrenzt. Um den Lebensstandard aller zu heben, benötigt Tanzania - und letztlich ganz Afrika - ein gesellschaftliches System, das dies sichert. Sozialismus ist, so Nyerere, ein (tatsächlich) humanistisches Basiskonzept, das es universal und weltweit zu unterstützen und anzunehmen gilt, die Umsetzung vor Ort allerdings muß lokal gedacht werden, um den dort gegebenen Bedingungen gerecht zu werden. Eine undurchdachte, unkritische Annahme der Staatsphilosophien des Ostblocks lehnt Nyerere ebenso ab wie die Erhöhung eines westlich interpretierten Marxismus zur dogmatischen, quasi-religiösen All-Erklärung. Eine Belehrung aus Europa hat man in einem selbständig von der Kolonialherrschaft befreiten Teil Afrikas nicht nötig, Unabhängigkeit bedeutet für Nyerere zwar nicht plötzlichen Reichtum (wie sich das Nkrumah wohl ausgemalt hatte), doch immerhin die Möglichkeit selbständig denken zu können. Ideell wie materiell plädiert er - aufgrund der Arm-Reich-Beschaffenheit der Welt und der geringen Möglichkeiten hieran etwas zu ändern - für eine relative Dissoziation (wie der Politologe und Entwicklungstheoretiker Senghaas sagen würde), die sich an zwei bereits erwähnten Schlüsselmerkmalen seines Konzepts manifestiert: kein Klassenkampf, da Tradition klassenloser Gesellschaft, und agrarische Produktionssteigerung durch Ujamaa-Dörfer.

Das Ujamaa-Dorf

Die Bevölkerung des tanzanischen Festlandes, Tanganyika, lebt - außer in der dicht besiedelten Kilimandscharo-Region, Dar Es Salaam und in Küstennähe - im wesentlichen in ländlichen Streusiedlungen, was die angestrebte Produktionssteigerung erschwert. Praktische Konsequenz des self-reliance-Prinzips ist das Zusammenfassen von Streusiedlungen zu größeren Produktionsgemeinschaften, die nach dem Ideal der traditionellen Familie einander soziale Sicherheit garantieren, mit- und füreinander arbeiten und sich eine Schule, eine Erste-Hilfe-Station, einen Brunnen, gemeinsames Land und ähnliches teilen und als basisdemokratische Dorfgemeinschaft verwalten. Zum Wohl aller sollen alle ihre besonderen Fähigkeiten einbringen. Eine Unterstützung durch den Staat ist mangels Geld und Ressorcen nicht möglich, Hilfestellung bei Aufbau und Organisation kann jedoch von Experten des Staates oder der Partei geboten werden. Einen Königsweg gibt es zum Ziel funktionstüchtiger, gemeinschaftlicher Produktionseinheiten nicht, nur Anregungen:

Viehzüchtende Gesellschaften können auf gemeinsamen Viehbesitz umsteigen, dessen Vorteile anfangs durch das freiwillige Abtreten einiger Tiere an eine gemeinsam verwaltete Probeherde verdeutlicht werden können. Arbeitslose Akademiker sollen sich nicht zu schade sein, auf dem Land auszuhelfen. Schulklassen gehen versetzt in die Ferien, damit die agrarische Produktion der Schule, die zur Selbstversorgung und zum Marktverkauf dient, durchgehend betreut werden kann. Die Arbeit im Schulgarten und auf eventuellen Schulfeldern ist für Schüler und Lehrer verpflichtend. Stadtkinder verbringen Teile ihrer Ferien auf Farmen auf dem Land.

Der Staat muß im Ujamaa-Modell garantieren, daß der Besitz an Land und Produktionsmittel verboten bleibt und die geleistete gemeinsame Arbeit keine Ausbeutung darstellt, sondern allen zu Gute kommt. Darüber hinaus liegt die konkrete, schrittweise Umsetzung bei den Menschen selbst, die auf sich selbst vertrauend, Lösungen finden sollen. Dies ist kein Alleinlassen, sondern ein humanistisches Konzept zur materiellen und ideellen Überlebenssicherung der einfachen Menschen - in einer Welt, die sich so schnell nicht ändern läßt. Nyerere setzt hier auf Überzeugungsarbeit durch Partei und Staat, nicht auf Gewalt. Daß die Ujamaa-Dörfer schließlich nicht flächendeckend zum herausragenden Kennzeichen tanzanischer Landwirtschaft wurden, liegt zum einen daran, daß die Nyerere-Verwaltung letztlich mit bürokratischer Verstocktheit dann doch umstrukturiert hat, was umzustrukturieren war, und damit einigen Widerstand hervorgerufen hat, zum anderen daran, daß Mißtrauen und Egoismus ein universal-menschliches Problem sind: Wer gibt schon gerne was an alle ab ohne Sorge, weniger zurückzubekommen? Ein beträchtlicher Teil der TANU-Führungskräfte etwa setzte lediglich auf das Zauberwort 'Unabhängigkeit', ohne das danach zu überdenken bzw. in der Hoffnung persönlichen Wohlstandes im Zuge einer Afrikanisierung des Staats- und Verwaltungsapparates. Der Versuch, eine kolonisierte in eine sozialistische Gesellschaft umzubauen brachte Nyerere so nicht gerade nur Freunde - besonders nachdem er in der erfolgreich abgestimmten Arusha-Erklärung 1967 die persönliche Bereicherung innerhalb der TANU verbieten lassen konnte.

»We must spend our brains, we must spend sleepless nights to see how we are going to give our people the water they need, to give them the schools they need, how we are going to give the people the health they require. It is easy to go out and talk about uhuru [Freiheit] and arouse people. You cannot annoy anybody if you talk of uhuru. We have to talk now of the road ahead of us...« (Uhuru na Umoja. Africanization of the Civil Service 1960)

Der Ein-Parteien-Staat

Die Konsequenz der afrikanischen Palaver-Demokratie ist für Nyerere der postkoloniale Einparteienstaat. Die 'klassenlose' Gesellschaft braucht keine Westminster-Demokratie (als kolonialherrschaftliches Vorbild zum einen und Minimalparteiendemokratie zum andern), erst Unabhängigkeit, dann Sozialismus sind gesellschaftliche Ziele, welche Plattform für alle sein können. In Europa wuchsen Parteien entlang der Konfliktlinie 'haben' und 'nicht-haben', das automatisiertes Für- und Wider-Spiel zweier Gruppen in einem künstlichen Zwei-Parteien-System wäre in Afrika absurd, ja sie würde die antikoloniale Allianz aller Afrikaner durch Spaltung schwächen - und da auch eine erste unabhängige Regierung (jedenfalls in Tanzania) gewählt ist, was soll hieran undemokratisch sein? Wer die Grundsätze der TANU (in den Jahren vor und nach der Unabhängigkeit) nicht anerkennt, ist nicht einfach ein politischer Gegner, sondern hat ein Interesse an der Abhängigkeit und Unterdrückung der Bevölkerung Tanzanias. Eine künstliche Opposition, von der früheren Kolonialherrschaft aufgebaut und unterstützt, muß verhindert werden.

»An organized opposition may arise, or it may not; but whether it does or it does not depends entirely upon the choice of the people themselves and makes little difference to free discussion and equality in freedom.« (Uhuru na Umoja. The African and Democracy. 1961)

Afrika

Die postkolonialen Nationalstaaten Afrikas (im frankophonen Bereich das Werk kurzfristiger, doch wohlberechneter Zerstückelung) müssen Zwischenstationen auf dem Weg zu den Vereinigten Staaten von Afrika bleiben, da nur so effektiv gegen Neokolonialismus und Imperialismus Front gemacht werden kann. Im Gegensatz zu Kwame Nkrumah, der als erster Präsident Ghanas die kompromißlose politische Vereinigung als zwingend ersten Schritt zu darauffolgender wirtschaftlicher Integration propagiert (und scheitert), ist für Nyerere jeder Schritt in Richtung kontinentale Integration ein richtiger. Aus diesem Grund liegt im in den Anfängen seiner Präsidentschaft ebenso an der Vereinigung Zanzibars mit Tanganyika (1964), an einer East African Federation mit Uganda und Kenya (nur sporadisch gelungen) wie an der Organisation Afrikanischer Einheit (OAU), die 1963 nur als eine schwächliche Ausgeburt der Pläne der Panafrikanisten geboren wird und dies - mindestens bis zur Präsidentschaft Bouteflikas (1999/2000) - auch bleibt.

Anti-Kapitalismus

»Yet we are still in danger of being attracted by the idea of 'wealth' as represented by all the consumer goods we see advertised in foreign magazines (and even Tanzanian ones), or in the films, etc. We are still in danger of accepting the idea that the greatest production of consumer goods is the criterion by which a nation, or an economic system, should be judged.« (Uhuru na Ujamaa. Introduction).

Die kapitalistische Produktionsweise zielt auf die Vergrößerung des jeweils erwirtschafteten Mehrwerts ab, hierbei wird vom ursprünglichen Gebrauchswert der produzierten Ware abgesehen. Gibt es einen entsprechenden Markt bzw. läßt ein solcher sich schaffen, so können Waren gefertigt werden, deren Gebrauchswert im Sinne einer Notwendigkeit gering oder praktisch nicht mehr nachvollziehbar sein kann. Das Befriedigen von Bedürfnissen des täglichen Überlebens hängt in der kapitalistischen Gesellschaft von der Möglichkeit ab, ob diese auch bezahlt werden können. Je reicher, desto eher können scheinbare Bedürfnisse befriedigt werden, die mit dem Überleben nichts mehr zu tun haben. Für Nyerere, der in einer Gesellschaft gelebt hat, in welcher der Hungertod für die meisten nie auszuschließen war und ist, bedeutet die Produktion von solchen Luxusgütern vor Befriedigung der Grundbedürfnisse aller zynische Dekadenz.

»To a socialist, therefor, there is no virtue in 'creating a market' for something which people have never thought of wanting and really have no need for, but which someone hopes to make a profit by producing. This happens all the time in capitalist societies; it is an inherent part of them. [...] In some societies it is a matter of pride, I am told, to buy an electric tooth-brush - presumably the energy required to clean one's mouth properly is beyond the strength of well-fed men and women!« (Uhuru na Ujamaa. Introduction).

Kapitalismus widerspricht dem Postulat des sozialen Für- und Miteinanders, der Solidarität unter gleichen Menschen; er fordert und erzieht hingegen zu »individualism, social aggressiveness, and human indignities« - kein Grund also für Nyerere den Kapitalismus in europäischer Histomat-Tradition als zwingende Durchgangsphase auf dem Weg hin zu einer sozialistischen Gesellschaft anzunehmen. Sozialismus ist ein universales Konzept, seine Ausformulierung erfährt er vor Ort, auch und gerade in der afrikanischen Agrargesellschaft, die im Gegensatz zu – von außen mit dem Argument der schnelleren Entwicklung geforderter – kapitalistischer Wirtschaftsweise tatsächlich zu einer umfassenden und langfristigen Entwicklung führt. (Eine spätere Industrialisierung lehnt Nyerere nicht ab, hält ihre sofortige Einleitung jedoch im postkolonialen Zustand für schädlich, da eine Auseinanderdifferenzierung der Gesellschaft zu erwarten ist, und verschwenderisch, was die knappen Ressourcen des Landes betrifft.)

Gescheitert?

Julius Nyerere wurde im Westen vor allem - und bei gleichzeitiger Erwähnung seines scheinbaren wirtschaftspolitischen Versagens - für seinen freiwilligen Rücktritt vom tanzanischen Präsidentenamt 1985 gelobt. Tatsächlich hatte er schlicht die Schnauze voll, nachdem die Weltbank unnachgiebig die Zustimmung zu Strukturanpassungsprogrammen forderte, welche bekanntlich nachdrücklich in die Politik des betroffenen Staates hineinregieren. Außerdem wurde das Ende des Einparteienstaates verlangt. Was Nyerere geschaffen hatte, rechnete sich nicht mehr und widersprach den Definitionen von Demokratie in der westlichen Welt. Hatte es in den 60er Jahren Nyerere geschafft, sich gegen die Kolonialmacht durchzusetzen, so schlug die Keule des Neokolonialismus 25 Jahre später zurück. Mitte der 60er hatte Nyerere noch drauf geschissen, daß Westdeutschland ein fünfjähriges Ausbildungsprogramm mittendrin abbrach und seine Techniker über Nacht zurückzog, weil man nach der Vereinigung Zanzibars, das die DDR diplomatisch anerkannt hatte, der DDR weiterhin ein Generalkonsulat einräumte:

»The choice before Tanzania was then clear; we could either accept dictation from West Germany and continue to receive economic aid until the next time we proposed to do something they did not like, or we could maintain our policies and lose the aid immediately. In effect, therefore, we had to choose whether to become a puppet state of Germany in return for any charity she cared to give to us. The Government of Tanzania believed, and still believes, that to have agreed with the West German demands would have been to nullify our real independence.« (Uhuru na Ujamaa. Principles and Development).

Eine hohe Alphabetisierungsrate, Krankenstationen in jedem Städtchen und ein unermeßliches Ansehen in der tanzanischen Bevölkerung - als 'Mwalimu' (Lehrer) - sind das, was von Nyerere geblieben ist. Die flächendeckende Umsetzung seiner Ideen ist in der Tat nicht gelungen, aber an ihm gelegen hat es nicht. (mt)

Literatur:

Nyerere, Julius K.: Freedom and Socialism - huru na Ujamaa. A Selection from Writings and Speeches 1965-1967. Dar Es Salaam u.a. 1972.
Ders.: Freedom and Unity - Uhuru na Umoja. A Selection from Writings and Speeches 1952-65. [1973] 5. unveränderte Aufl. Dar Es Salaam u.a. 1973


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