Kurz & Co

  1. Kurz vorzuwerfen, er wolle nicht auf die klassische Revolution hinaus, ist verkehrt: das gibt er nicht nur selber zu, sondern das ist auch eine notwendige Folgerung seiner Thesen. Eine Art Revolution will er aber schon: Daß seine Thesen stattdessen einen dritten Weg implizieren, wäre schon nachzuweisen.
  2. Seine Krisentheorie, so falsch sie ist, ist theoretisch ganz unverbunden mit seiner Theorie sozialer Bewegungen. Die Verbindung kommt über die damit verbundene Absicht ins Spiel: nämlich etwas neues zu präsentieren, was sich von der traditionellen Linken abhebt.
  3. Kurz geht seinem eigenen Arbeitsfetisch auf den Leim: Auch wenn es noch so große Produktivitätssteigerungen gibt, geht es ohne Arbeit, und zwar genau im Sinne von Mühsal und Plackerei nicht ganz ab. Ob man sie sinnvoll organisieren kann und ob jemand dank seine Selbstverwirklichung findet, tut nichts zur Sache - zu leisten ist sie nämlich so und so. Bei Kurz gibt es nun nur mehr sinnstiftende Tätigkeiten. Das notwendige Übel Arbeit will auch Kurz nicht sehen.
  4. Kurz geht's ja nicht um die materiellen Bedürfnisse, nicht ums Geld. Seiner Meinung nach arbeiten die Leute ja nicht wegen dem Geld, sondern zum Selbstzweck. Letzten Endes geht's um Sinnstiftung. Die Arbeit soll als falsches Mittel der Sinngebung entlarvt werden und durch die freie selbstbestimmte Tätigkeit ersetzt werden.
  5. Kurz ist Religionsgründer. Er kritisiert nicht die den Menschen als Naturgesetze gegenüberstehenden Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus und die abstrakte Arbeit als reale Abstraktion dem der Arbeiter unterworfen ist, sondern er träumt von einer schönen neuen Welt selbstbestimmter Tätigkeiten, die er scheinbar mit Marx begründet. Marx hat aber gerade nicht die abstrakte Arbeit kritisiert, sondern die Folgen, die aus dem Doppelcharakter der Arbeit entspringen. Wenn man das mal begriffen hat, also im Kapital über den ersten Abschnitt hinausliest, sieht man, daß die von Kurz dargestellten Phänomene (Arbeitslosigkeit - Krisen - Kreditsektor, etc.) aus diesem Doppelcharakter folgen und keineswegs mit dem sogenannten Arbeitsfetisch in Konflikt geraten.
  6. Allgemein zur Krise: Eine Krise im Kapitalismus ist was ganz anderes als die Krise des Kapitalismus; und Arbeitslosigkeit ist noch nicht mal eine Krise im Kapitalismus. Daß das Leute arbeitslos sind, schadet dem Kapitalismus nämlich kein bißchen, allenfalls der Ideologie von der sozialen Marktwirtschaft. Und wenn's im Kapitalismus tatsächlich mal drunter und drüber geht, wenn Kapital vernichtet wird, dann geht's danach eben wieder auf neuer Reproduktionsstufe weiter - nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten. Selbst wenn irgendwo ganze Volkswirtschaften zusammenbrechen - warum soll's danach nicht mehr kapitalistisch zugehen? Weil Kurz meint, so kann's nicht mehr weitergehen.
  7. Kurz ist ein Modernisierer. Er bringt die Linke auf den neuesten Stand und macht sie mit dem Standort Deutschland kompatibel. (fb)


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 9. August 2000.