Imperialismus mit gutem Gewissen

Der moderne Intellektuelle ist nicht arrogant. Jedenfalls nicht als Deutscher. Obgleich guter Nationalist, mag er seine Rolle als kritischer Geist mit seinen Volksgenossen nicht teilen. Anders als bei »den Leuten«, die halt nichts verstehen und von den Medien manipuliert werden, sind die Ansichten, die der Intellektuelle so hat, nämlich seine eigne freie Meinung, zu der er nach schwer kritischer Prüfung des Meinungsangebots gekommen ist. Er verfällt deshalb nicht in plumpen Nationalismus und geht mitunter nicht einmal mit gesundem Nationalgefühl hausieren—was freilich nichts daran ändert, dass er Nationalist ist, wovon er bloß kein Aufsehen macht, weil ihm seine Art von Nationalismus eben eine ganz praktische Selbstverständlichkeit ist.

Das heißt natürlich nicht, dass sich der brave deutsche Intellektuelle einen Begriff vom Nationalismus, Patriotismus oder gar dem Staat gemacht hätte. Was ihm selbstverständlich ist und was ihn zu dem Nationalisten macht, der er gar nicht sein will, ist die Ideologie, die er für keine hält: dass es nämlich natürlich sei — will heißen, aus dem Gegenstand selbst komme -, die Menschen nach Rasse, Kultur, Mentalität, Ethnie zu sortieren, oder was der Worte mehr für die gleiche Sache sind. Vom realen Gewaltverhältnis, das diese Sortierung durchsetzt, will er nichts wissen und muss sie gerade deshalb für sich ideologisch reproduzieren.

Die auf den ersten Blick recht sympathische Bewegung der Antideutschen ist darum genauso nationalistisch wie ihre Gegner. Nicht etwa, wie oft behauptet wird, weil sie einen umgekehrten Nationalismus predigen: beim eigenen Staat anzufangen, würde sich schon lohnen. Sondern weil sie an der Menschensortierung gar nichts stört, sondern nur so manch unangenehme Konsequenz. Und diese Konsequenz ist im besonders üblen Nationalismus der Deutschen ausgemacht, ja man könnte meinen: im Nationalcharakter der Deutschen. Mit diesen falschen Erklärungen kommen sie natürlich auch nicht auf die Idee, dass eben die Nation weggehört, und die Klassen- und Produktionsverhältnisse, die sie erfordern. Stock-reaktionär ist darum auch die Verteidigung des Staatsbürgernationalismus gegenüber dem völkischen. Da wird dann gleich die Art der Legitimation zum Kriterium dafür, was man von der legitimierten Sache halten soll. Am Nationalsozialismus wäre demnach nur zu kritisieren, dass er seine Handlungen mit dem Hinweis auf den Volkskörper und nicht mit dem Hinweis auf Globalisierung und Sachzwang gerechtfertigt hat.

Die Nation besteht aus dem Staat und seinem Volk. Was das Staatsvolk ist, wer dazugehört und wer nicht, will genau festgelegt sein: schließlich entscheidet die Zugehörigkeit, wer vom jeweiligen Staat bei der Verfolgung der in- und auswärtigen Interessen betreut wird, bzw. — je nach Klassenzugehörigkeit — zur Mithilfe bei der Erfüllung der vielfältigen Staatsfunktionen herangezogen werden kann. Ob die diesem Staat unterworfenen Subjekte das auch gut und natürlich finden, also einen gesunden Nationalismus entwickeln, ist da erst mal nebensächlich. Die Nation kommt auch ohne (expliziten) Nationalismus aus. Manipulationstheoretiker, kritische Liberale und konstruktive Linke meinen, die Leute seien leichter (oder nur) zu regieren, wenn sie mit falschem Bewusstsein indoktriniert sind. Das Bewusstsein ist aber ein notwendig falsches, also eins, das nicht von außen eingepflanzt ist, sondern der Reim, den sich die Leute auf das Gewaltverhältnis machen, dem sie ohnehin unterworfen sind. An dem würde ein neues Bewusstsein nämlich nix ändern, sondern nur die Abschaffung dieses Verhältnisses. Die Leute, die ihre bürgerliche Gesellschaft an sich ganz gut finden und sich nur an vermeintlich akzidentiellen Eigenschaften stören, kommen von besagtem falschen Bewusstsein darum auch nie runter.

Die Ideologie des Nationalismus rechtfertigt nicht nur das Gewaltverhältnis des Staats über die in seinem Herrschaftsbereich lebenden Menschen, sondern auch die Konsequenzen, die sich aus der imperialistischen Tätigkeit des Staates ergeben.

Wenn sich ein Nationalismus als solcher erklärt—sei es in seiner nicht so gern gesehenen lautstarken und selbstherrlichen Form, sei es als das gesunde Nationalgefühl derer, die immer »Wir« sagen und wissen, dass sie halt zusammengehören—färben die innen- und außenpolitischen Taten ihres Staates auf die kritischen Staatsbürger ab. Mach einer mag darum nur bei den Staaten, die im imperialistischen Geschäft den Ton angeben, einen Nationalismus erkennen; und die unterdrückten Völker und Nationen galten und gelten sowieso als von jedem schlechten Nationalismus frei. Dass der nur wenig oder mittelprächtig funktionierende oder gar nur erträumte Staat international gerade mal nicht viel Unheil anrichten kann, ändert am falschen Bewusstsein der Subjekte freilich gar nichts. Und wenn, wie im Falle sogenannter unterdrückter Völker, die einzige Kritik am staatlichen Gewaltverhältnis die ist, dass sie vom falschen Staat ausgeht, kann man sich aus ausmalen, welche Verhältnisse herrschen werden, wenn's mit dem eigenen Staat mal geklappt hat.

In den imperialistisch erfolgreichen Nationen hat das dazugehörige Nationalbewusstsein einen schwereren Stand. Bei manchen zumindest. Nicht beim Proleten, solange der sich als Volksgenosse fühlt. Auch nicht beim gesunden Demokraten, der wenn er ehrlich ist, schon ganz stolz darauf ist, was wir erreicht haben. Dem kritischen Intellektuellen fallen allerdings einige ungemütliche Begleiterscheinungen des Imperialismus auf, die er im übersteigerten Nationalgefühl seiner Mitdemokraten und der dazugehörigen unerhört nationalistischen Außenpolitik verortet.

Auch wenn er nicht arrogant ist, der moderne Intellektuelle, zynisch ist er schon: Dass da ein paar Milliarden Menschen im Elend leben, alle paar Jahre mal einige Millionen verhungern und die anderen nicht älter als dreißig werden, bedauert er natürlich pflichtgemäß. Da ihm nicht einfällt, wie man das ändern könnte (das ist nämlich halt so, oder Schuld der korrupten Politiker oder der internationalen Großkonzerne oder weil wir glatt zu wenig Entwicklungshilfe leisten), er aber sofort bei sich anfangen will, fängt er an, die armen Leute ganz schwer zu respektieren. Da werden die zurückgebliebenen muschelsuchenden Nischenexistenzen, in denen der Kapitalismus die Menschen und die Gegenden zusammenfasst, zu deren Ausbeutung er sich zu schade ist, flugs in alternative Gesellschaften umgedeutet. Nicht ein Wirtschaftssystem ist dann kritikabel, das den Leuten zuweist (bzw. übrig läßt), was sonst absolut niemand mehr brauchen kann (oder haben sich die Leute irgendwann mal entschieden: »au ja, ich werd jetzt Muschelsucher!«?); kritikabel scheint vielmehr, in den Ergebnissen von Kapitalismus und Kolonialismus einen Vorteil bei denen zu sehen, die andere ausbeuten (ach ja, und ich bin's übrigens nicht, der die Afrikaner oder die Muschelsucher oder sonst wen ausbeutet): Respekt vor den Unterdrückten ist die reaktionäre Rechtfertigung des Klassenstaats, in dem jeder seinen (gottgegebenen) Platz hat und nur der verwerflich handelt, der gegen die natürliche Ordnung rebelliert. Mein Bauch gehört mir, was auch für den Afrikaner gilt, der eben deswegen auch als Verhungernder respektiert sein will; darum reagiert der moderne Intellektuelle auch allergisch, wenn einer den Afrikaner Neger nennt, weil das ja fast so verächtlich klingt, wie der tatsächlich behandelt wird.

Der Relativismus, der sich im albernen Respekt vor »Naturvölkern« (welch Blödsinn!) oder der dämlichen Kritik an angeblichem Eurozentrismus zeigt, begeht eine Reihe von Fehlern:

Erstens wird dabei ein Nebeneinander der verschiedensten Gesellschaften halluziniert, das nicht existiert. Als wenn es irgendwelche Idyllen gäbe, die sich unabhängig vom Weltmarkt erhalten könnten; selbst da, wo die gesellschaftliche Form nicht durch den Kapitalismus gesetzt ist, findet eben doch eine Funktionszuweisung statt, und wenn es nur die ist, sich ruhig zu verhalten und nicht zu stören. Eine Idylle wird erst im Hirn moderner Intellektueller daraus, die die Parias des Weltmarkts zu in gewissem Sinne uns ebenbürtigen Gesellschaften umdefinieren. Die objektive Funktion dieser Ideologie ist die Rechtfertigung von Ausbeutung und Hungertod, die subjektive das gute Gewissen, beim nächsten Urlaub oder der nächsten Feldforschung oder beim Selbsterfahrungstrip mal ein Jahr in einer ganz anderen Kultur zu verbringen.

Zweitens beruht der Relativismus darauf, statt den gesellschaftlichen Verhältnissen, denen die Leute unterworfen sind, sich nur den ideologischen Überbau anzusehen, die Art und Weise also, wie die (Re)Produktion organisiert wird und ihre Probleme bewältigt werden. Da sich solch ideologischer Überbau zwar aus dem gesellschaftlichen Sein des Menschen ableiten lässt (und das wäre die eigentliche wissenschaftliche Aufgabe), aber—besonders in den Formen von Moral, Sitte, Religion, Mythen, etc—gerade nicht in sich rational begründen lässt, erscheinen die Gesellschaften alle gleich unbegründet bzw. eben nur relativ begründet. Wozu diese Relation besteht, ob zu Tradition, Diskurs, Kultur oder Rasse ist nebensächlich und dem Geschmack des Protagonisten überlassen.

Drittens wird dementsprechend dieser ideologische Überbau gerechtfertigt, der doch zu kritisieren wäre: als dem Menschen nicht würdige Unvernunft von den Humanisten, aber vor allem als Rechtfertigung im eigentlichen Sinne unmenschlicher Gesellschaft: denn wie auch immer die Sitten, Regeln, etc beschaffen sein mögen, sie haben doch immer eines gemeinsam (und das ist ja auch der Grund ihrer Existenz): dass es eben nicht um die Bedürfnisse der Menschen geht, sondern darum, welche Bedürfnisse die Menschen haben sollen, wie sie (und wie sie nicht!) befriedigt werden dürfen, wie ihre Einschränkung gerechtfertigt wird, usw.

Viertens wird die objektive Grundlage der Gesellschaften ausgeblendet: die Bedingungen, unter denen diese Gesellschaft produzieren und die sowohl bestimmen, welche Bedürfnisse die Menschen mit welcher Mühe befriedigen können, als auch, welche Bedürfnisse sich überhaupt erst entwickeln können. Diese objektive Grundlage gibt auch die Basis ab, auf der die darauf aufbauende Ideologie kritisiert werden kann, und zwar ganz gleich ob Schamanismus oder eine der Weltreligionen, Dorfältester oder Parlament, Astrologie oder Ulrich Beck. Das Beharren auf der relativen Richtigkeit, den solche Phänomene in anderen Kulturen angeblich haben soll, ist nichts anderes als die Affirmation eines Gesellschaftsverhältnisses, das sie braucht. Respekt vor einem Medizinmann, bloß weil der aus einer anderen Kultur kommt ist genauso überflüssig, wie mit einem bekennenden Katholiken zu diskutieren.

Verglichen werden kann diese ökonomische Grundlage übrigens schon. Wenn mehr Güter mit weniger Mühe hergestellt werden können ist das durchaus von Vorteil (und in diesem Sinne ist auch der technische Fortschritt ein echter Fortschritt, auch wenn im Kapitalismus der Arbeiter davon nichts hat). Soweit die Produktivkräfte. Ein Vergleich der Produktionsverhältnisse ist dagegen eher müßig, weil die nicht willkürlich ausgetauscht werden können. Die Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen muss daher aus diesen bestehenden kommen und nicht aus dem Vergleich mit anderen möglichen. Das macht übrigens die gesellschaftliche Entwicklung aus. Die beruht nämlich auf den Entwicklungsimpulsen (Widersprüchen) der bestehenden Gesellschaft. Das heißt aber auch: (1) Die Berufung auf irgendwelche vergangenen Traditionen hat nichts mit Materialismus zu tun, sondern ist eine reaktionäre Ideologie. (2) Eine statische Gesellschaft, deren Produktionsverhältnisse keine Entwicklung ermöglicht, mag sich zwar glücklich fühlen, ist aber, entsprechend ihrer Produktivverhältnisse, objektiv unterentwickelt. (3) Gesellschaften, die sich nicht entsprechend ihrer Produktivverhältnisse entwickelt haben, sondern diese von außen zugewiesen bekommen haben, können sie auch nicht selbständig ändern (um Missverständnisse zu vermeiden: anders als der moderne Intellektuelle denkt, sind die Industriestaaten nicht dem Weltmarkt unterworfen, sondern unterwerfen mittels des Weltmarkts alle anderen Staaten; die Entwicklungsländer dagegen bekommen ihre Funktion vom Weltmarkt zugewiesen, von ihnen wird eine neue gerechte Welt nicht ausgehen). (fb)


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 9. August 2000.