Vossencools Elite

Vom sinnvollen Philosophiestudiun

Eine Binsenweisheit: Philosophie ist eine brotlose Kunst. Aber auch: Neun von zehn Philosophiestudentinnen studieren nur zum Schein. Der Reformstudiengang möchte den abhelfen: Auch in Philosophie soll gelernt werden, was im späteren Arbeitsleben "von unmittelbarer Relevanz" ist. (Daß dies argumentative und analytische Fähigkeiten sein sollen, ist schon ein Hinweis, daß sich den neuen Studiengang die Philosophen selbst ausgedacht haben.) "Brotlos" soll das Studium dann nicht mehr sein. Freilich, wem das Zeug denn nützen soll, das sich die PhilosophInnen so ausdenken, ist nicht Gegenstand der Überlegung. Hauptsache man kann damit Geld verdienen. Ebensowenig geht´s um die Frage, zu welchem Schein und warum denn neun von zehn Studis eingeschrieben sind. (Tatsächlich wird's um den Schein der hohen Zahl von Philosophiestudentinnen gehen, der an der Realität vorbeigeht, daß das Institut nur für Studentinnen innerhalb der Regelstudienzeit Mittel zugewiesen bekommt.)

Vom Institutsvorstand bis zur Fachschaftssprecherin sind sich alle einig, daß das Philosophiestudium sinnvoll sein soll und darum reformiert gehört. Strittig ist bloß, wie ein so reformierter Studiengang aussehen soll: ob nun angesichts der Ressourcenknappheit, schweren Herzens natürlich, solche Studis rausfliegen, die nebenher arbeiten müssen oder ob man ein paar von ihnen durchfüttert; ob das Philosophiestudium auf einen Kanon von analytischer Philosophie und deutschem Idealismus festzulegen ist oder auch christliche Mystik des Mittelalters und buddhistische Philosophie zum Zuge kommen sollen; ob ein neuer, verschulter Studiengang eingerichtet oder der bisherige ein wenig verschulter werden soll.

Als darüberhinausgehende Kritik gemeint ist allerdings der Vorwurf, mit einem so verschulten und vorab eingegrenzten Studium sei Wissenschaft nicht zu machen. Das ist zwar richtig, taugt aber allenfalls als Hinweis darauf, daß es beim Philosophiestudium halt um was anderes gehen wird. Das Philosophiestudium wird nach einer eventuellen Reform ebenso eine ihm entsprechende Form haben wie zuvor. Da können wir ganz beruhigt sein.

Nachwuchsförderung - neue Elite?

Neu ist so manches an Vossenkuhls Projekt. Das Studium dauert genau acht Semester, der Studienplan ist vorgegeben, Auslandsaufenthalt ist nur im fünften und sechsten Semester möglich (und auch das nur unter bestimmten Voraussetzungen), jedeR StudentIn bekommt einen "Studienbetreuer". Der Aufschrei ist natürlich groß gewesen. Das Recht auf Bildung sei in Gefahr. Eine neue Elite sollte entstehen. Natürlich bleibt das Recht auf Bildung bestehen - wie nach jeder Reform unseres Hochschulwesens; allenfalls ein wenig schwieriger wird´s halt.

Die StudentInnen haben nie überwunden, daß sie nicht länger zur Elite der Gesellschaft gehören. Gerade die sich gern gesellschaftskritisch gebende Studentenbewegung hat ständig über diesen Verlust gejammert. Heute sind die StudentInnen keine Elite mehr, sie gehören zur künftigen. Das ist alles, was sich geändert hat. Dem Schicksal, Arbeiter werden zu müssen, sind sie mit dem Abitur schon entgangen.

Die Hochschule ist natürlich schon vor jeder Änderung der Hochschulgesetze ein Instrument des Staates gewesen. Diesem Zweck genügt auch der Reformstudiengang Magister Philosophiae. Wie in anderen Fächern bekommt man in Magister Philosophiae künftig zunächst die "Grundlagen" vermittelt, mit dem Unterschied freilich, daß man in anderen Fächern mit diesen Grundlagen tatsächlich was über Natur und Gesellschaft lernt.

Generell ist das Anliegen, das der Staat an die Hochschulen hat immer schon viel grundlegender verwirklicht als es sich in den Details der Reformen und Novellierungen zeigt. Daß es eine Elite gibt, ist mit der Existenz der Universitäten schon gegessen: Die einen stehen am Fließband, hinterm Schalter oder auf der Straße, die anderen sitzen im Hörsaal. Später arbeiten die einen immer noch im Büro oder der Fabrik - und das gewisse Etwas fehlt ihnen zum Pfaffen, Richter oder Professor doch recht deutlich. Was sich mit irgend einer Novellierung der Hochschulgesetze ändert, ist bloß, wie schwierig es ist, dazuzugehören.

Und das behagt so manchem Studi, ob er nun Philosophie oder sonst was studiert, gar nicht so recht. So rechtes Zuckerschlecken war das Studium doch bisher auch nicht. Und jetzt soll´s noch schwieriger werden, damit zum Erfolg zu kommen? Die Mühe sollte schon im rechten Verhältnis zum Nutzen stehen; da kann man Auslesegespräche genausowenig brauchen wie Studiengebühren, die man sich ja auch per Volksentscheid durch die arbeitende Bevölkerung verbieten lassen möchte. Daß Philosophinnen durch Studium wie andere durchs Leben möglichst leicht kommen wollen, ist verständlich. Nur macht das ihr Anliegen weder "gerecht" noch "fortschrittlich". Für eine kleine Ausnahme von der allgemeinen Konkurrenz konkurrieren sie auf politischer Ebene mit anderen Gruppen und dem staatlichen Interesse an der Konkurrenz.

Naheliegend: Bevor man sich damit befaßt wie und unter welchen Bedingungen zu studieren ist, sollte man sich mal überlegen was man in einem Studium eigentlich so lernt, aus welchem Grund und zu welchem Zweck der universitäe Betrieb eigentlich existiert. Doch damit sieht´s traurig aus:

Die Reproduktion höheren Blödsinns

Da PhilosophInnen sowieso nichts lernen, was im Produktionsprozeß verwertbar wäre, ist es kein Wunder, wenn sie ihre Elite-Arbeitsplätze an den Nahtstellen zur öffentlichen Meinung finden, wo der höhere Blödsinn gefragt ist, den sie jahrelang gelernt haben. Nun ist es nicht besonders orginell, den PhilosophInnen vorzuwerfen, sie würden nichts brauchbares studieren: sie machen sich so ihre Gedanken, aber was bringt so abgehobenes Zeug im praktischen Leben. Daß der Vorwurf einige Verbreitung genießt, macht in nicht unbedingt falsch. Nur: sinnlos und unbrauchbar ist die Philosophie ja gar nicht. Daß die Gesellschaft schon ganz vernünftig eingerichtet ist, daß es unbedingt einen Staat braucht, daß es in der bürgerlichen Demokratie gerecht und vernünftig abgeht, daß es vernünftig ist, aus Pflicht gegen die eigenen Interessen zu handeln: all das nutzt denen, die sich´s in der bürgerlichen Gesellschaft ganz behaglich eingerichtet durchaus. Das Zeug zu beweisen klapp natürlich nicht so richtig. Deshalb lernt man auch erst einmal, daß der Mensch sowieso nie sicher sein kann. Einer Prüfung der Sätze, die eine Philosophiestudentin im Laufe ihres Studiums so von sich gibt, hat man dann schon fast abgewehrt. Wenn jeder Unsinn eine "mögliche Sicht" ist und der Verweis auf "viele andere" schon als Argument dagegen gilt, für die Wahrheit einer These allzu vehement zu streiten, dann hat man die gewünschte Rechtfertigung der bestehenden Zustände schon im "universe of discourse" und kann sich bei ihrer Durchsetzung damit begnügen, auf den eigenen Realismus hinzuweisen, der sich darin äußert, das zu rechtfertigen, was eben ohnehin besteht.

Naiv ist es schon, den Zustand der Universitäten ebenso wie Versuch, sie zu reformieren, mit einem Hinweis auf das zu kritisieren, was eigentlich sein müßte. Daß sich die Unis von der Politik instrumentalisieren und von der Wirtschaft verwerten lassen, wird schon seinen Grund haben. Wer öffentlich darauf hinweist, daß die Bildungsanstalten ihrem eigentlichen Zweck nicht gerecht werden, verwechselt den Zweck der Bildung mit den darüber bestehenden Ideologien. Weil sie das nicht sehen, kommen sie auch nicht auf die Idee, den Zweck von Wissenschaft und Bildung zu kritisieren, statt sie bei der Bemühung um ihren eingebildeten Zweck zu unterstützen.

Die Legalisierung der Bücherwürmer

Was mit dem Reformstudiengang eigentlich abläuft, ist ja nicht neu. Schon bisher haben Professoren SchülerInnen um sich geschart. Schon bisher wußten sie das ein oder andere Seminar durch geeignete Voraussetzungen (Altgriechisch, persönliche Anmeldung, esoterische Ankündigung) klein und die Betreuung ihrer Jünger entsprechend groß einzustellen. Schon bisher waren die Bücherwürmer als Bibliotheksaufsicht oder HiWi eingesetzt. Schon bisher war ein regelmäßiger persönlicher Kontakt zum Professor für die akademische Karriere ganz nützlich. Schon immer gab´s das alles nur, wenn ein Professor Gefallen an dir gefunden hatte; oder anders ausgedrückt: neben einem gewissen Engagement darf der Professor bei seinem Schüler schon ähnliche Interessen voraussetzen; oder nochmals anders ausgedrückt: was sein Professor über Natur und Gesellschaft so glaubt, muß sein Schüler als Prämissen mitbringen - dann gibt´s auch keine unnützen Streitereien.

Zur neuen Studienordnung

"Der Studiengang mit dem Ziel des Erwerbs des akademischen Grades ,Magister Philosophiae' an der Ludwig-Maximilians-Universität München ist ein Reformstudiengang, der die Vorteile sowohl der deutschen als auch der angelsächsischen Hochschultradition miteinander verbinden soll."

Das sind wir ja mal gespannt, was das für "Vorteile" sein sollen. Und für wen sie einen Vorteil darstellen. Daß wir irgendeinen Vorteile aus zumindest deutschen Hochschultraditionen ziehen würde, wäre uns neu.

"Von der deutschen Tradition übernimmt er den Standpunkt, daß die Philosophie Probleme behandelt..."

In der Wortwahl ist man zurecht vorsichtig: Daß in einem philosophischen Seminar jemals ein Problem gelöst worden wäre, würde uns auch überraschen.

"...die in je bestimmten historischen und kulturellen Kontexten entstehen..."

Offenbar soll es darum gehen, die Probleme kennen zu lernen und auf einen bestimmten Kontext zu relativieren - damit bloß niemand auf die Idee kommt, man könne sich an eine Lösung machen.

"...daß die Philosophie auch als Tätigkeit und Medium der Selbstfindung studiert werden kann und soll"

Ist ja irre - daß sich im Philosophiestudium orientierungsbedürftige Sinnsucher tummeln geben die nicht nur zu - es soll auch so sein! Heißt das etwa, daß uns, im Massenstudium, in Zukunft verklärte Mädels mit Silberpunkt auf der Stirn erspart bleiben? Oder nur, daß das Studium, weil es kein Erkenntnisobjekt mehr gibt, zum Selbstzweck werden muß?

"Aus der angelsächsischen Tradition übernimmt er die Gedanken, Philosophie als problemorientierte Wissenschaft zu betreiben."

Wie gesagt, daß hier irgendjemand Probleme lösen wollte, wäre uns neu, weil´s aber sogar in dem was uns hier als Wissenschaft verkauft wird ganz ohne "Probleme" nicht abgeht, ist problemmaximierende Textexegese angesagt.

"...analytische und argumentative Fähigkeiten zu vermitteln, die insbesondere auch im späteren Berufsleben von unmittelbarer Relevanz sind."

Um sich analytische und argumentative Fähigkeiten anzueignen sollte man Analyse uns Argumentation kennenlernen. Was Philosophie da helfen sollte, ist uns ziemlich schleierhaft. Apropos Berufsleben: Man braucht schon eine verdammt gute Entschuldigung dafür, Philosophie stuidert zu haben, um an einen Beruf zu kommen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Philosophie ist nicht sinnlos, sondern kann seinen Teil zur Reproduktion der herrschenden Ideologie leisten. Insofern es freilich in Magister Philosophiae wie in allen anderen Studiengängen (und in Philosophie eh schon immer) auf blindes Gedächtnis (wer hat wann was gesagt) und freiwillige Disziplin beim Auswendiglernen widersprüchlicher Theorien ankommt, taugt Philsosophie so gut wie alle anderen.

Was ist eigentlich daran falsch, das Zweck des Studiums darin zu sehen, wissenschaftlich arbeiten zu können, diese Fertigkeit dann durch eine wissenschaftliche Arbeit zeigt und durch Teilnahme am wissenschaftlichen Arbeiten anderer lernt? Oder sollte es am Ende um's wissenschaftliche Arbeiten gar nicht gehen?

Auf den ganzen Detailkram lohnt sich weiter einzugehen. Wer sein Studium in 8 Semestern durchziehen muß, kann natürlich nebenher nicht groß arbeiten. Aber daß Leute aus Arbeiterfamilien auch wieder da landen, wo sie herkommen, ist ja weder neu noch ein Fehler im System.

Florian Beck


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 9. Januar 2000.