Rasse als soziale Realität?

Bildung als Selbstzweck? Kanonische Literatur als geschlossenes System? Elitärer Autismus? Blickt man über den konservativen Tellerrand, mag man erstaunt sein über die thematische wie geographische Bandbreite, welche Philosophie heute bietet. Nichtabendländische, in diesem Fall afrikanische Philosophie hat etwas zu sagen, auch wenn sie (noch) nicht gefragt ist. Von ihr darf, dank anderer Blickwinkel und Hintergründe, eine Dynamik erwartet werden, die in Zukunft hoffentlich maßgeblich den wissenschaftlichen Diskurs - auch in Europa - beeinflussen wird. Philosophen (leider eher selten Philosophinnen), die nicht aus Europa oder den USA stammen, sind keine Paradiesvögel. Auch sie müssen - und wollen - kritisch betrachtet werden; falsche Scheu wäre kein Weg der Anerkennung.

Kwame Anthony Appiah entlarvt in seinem Werk "In My Father's House" (1992) den Rassebegriff als soziales Konstrukt, unwissenschaftlich und willkürlich; äußerliche Unterschiede lassen nicht auf soziales Verhalten und Charakter schließen. Appiah schlägt die ersatzlose Streichung des Begriffes "Rasse" vor. Seine Position kann man als humanistisch und damit auch als universalistisch bezeichnen, da im Grunde jeder Mensch in seinem Menschsein als gleichwertig betrachtet wird - bei gleichzeitiger Würdigung seines individuellen Andersseins. "Unity in diversity" lautet das entsprechende Schlagwort, in die politische Praxis eingegangen ist es etwa in der neuen Verfassung der "rainbow nation" Südafrika.

Wie aber, hält dem Mabogo P. More in seinem Essay "Outlawing racism in philosophy: On race and philosophy" (1997) entgegen, können Unterdrückte gleich welcher Art - ob Farbige, Frauen, Homosexuelle etc. - darauf antworten? Rasse etwa erkennt More als soziales Konstrukt an, doch ist sie nicht nur seiner Meinung nach (s. Lucius Outlaw "On race and philosophy" (1996)) auch soziale Realität. Gerade in einer Gesellschaft, deren Geschichte ausdrücklich von Rassenzugehörigkeit und Rassenbewußtsein geprägt ist - wie etwa der südafrikanischen oder der US-amerikanischen - lassen sich hieraus resultierende Balanceverschiebungen nicht durch das bloße Streichen des Wortes "Rasse" aus dem wissenschaftlichen wie dem alltagssprachlichen Lexikon korrigieren. Eine benachteiligte 'Rasse' bleibt - wie andere Gruppen von Unterdrückten auch - in ihrer Substanz durch zwei Tendenzen bestehen. Erstens bilden Angehörige einer dieser Gruppen gemeinsame Identitäten aus, zweitens werden sie gesamtgesellschaftlich nicht als Individuum - wie das die Position Appiahs fordern würde - sondern eben als Teil ihrer Gruppe wahrgenommen. Während das Ungleichgewicht von Macht- und Ressourcenverteilung in einer Gesellschaft stabil bleibt - auch wenn sie sich als 'rainbow nation' bezeichnen mag - verliert die unterdrückte 'Rasse' die philosophische Legitimation zum kollektiven Widerstand, da sie im propagierten 'unity in diversity'-Konzept für nicht länger relevant beziehungsweise für nicht existent erklärt wird. Auch anderen Gruppen könnte man - trotz tatsächlicher Diskriminierung - entgegnen, eine Diskriminierung bestehe nicht, da sie verfassungsrechtlich ausgeschlossen sei.

More hält die Position Appiahs für allzu angreifbar im Kampf gegen den aufkommenden Neo-Rassismus - einer entsprechenden Reaktion rassistischer Vorstellungen, die ohne die Verwendung des Wortes 'Rasse' auskommt. Der sprachlich kodierte Neo-Rassismus, so More, macht Diskriminierung in erster Linie an kulturellen, denn an 'rassischen' Unterschieden fest; in der internationalen Politikwissenschaft sind solche Inhalte ja als 'Kulturkampfthesen' oder ähnliches bekannt. Aus dem Ignorieren von 'Rasse' könnte man, nach More, darauf schließen, daß es keine Rassenprobleme gibt - dem aber ist nicht so.

Ein Universalismus der Partikularismen, schließt einen wichtigen Aspekt menschlichen Lebens in komplexen Gesellschaften aus. Menschen müssen auch weiterhin als soziale und nicht nur als rein individuale Lebewesen gesehen werden. More schlägt sich auf die Seite von W.E.B. Du Bois und Lucius Outlaw, die die Möglichkeit des Widerstandes und der Umverteilung vor allem in der Solidargemeinschaft 'Rasse' sehen. Bildungsprogramme wie die "affirmative action" lassen sich laut More nur durch einen neuen Rassebegriff rechtfertigen, zu einem "unity in diversity"-Konzept stehen sie in Opposition, da dieser eine Beurteilung nach Hautfarbe, Geschlecht etc. nicht anerkennt. More bekennt sich zur "affirmative action" als einem schlagkräftigen Instrument der gesellschaftlichen Transformation.

Allerdings ist ihm auch die Gefahr bewußt, die ein neuer - selbstzudefinierender - Rassebegriff mit sich bringen kann: Wiederaufladung mit bekannten Stereotypen in der konservativen Propaganda - ein Risiko, das er eingehen würde.

Nun sind es nun einmal zwei verschiedene Dinge, ob ein schwarzer Musiker in Brooklyn das Wort 'nigger' gebraucht oder ein Skinhead in Magdeburg - um ein drastisches Beispiel zu nennen. Gäbe es schwarze Kultur in den USA oder 'black consciousness' in Süd- beziehungsweise in ganz Afrika ohne eine wenigstens in allgemeinsten Zügen gemeinsame Identität, auf der nicht zuletzt die verschiedensten Widerstandsideen basierten und noch basieren? Wohl kaum. Während More eine gewisse Stringenz zugestanden werden muß, obwohl er der Komplexität der weltweiten, mehr oder weniger 'schwarzen' Bevölkerung in keiner Weise gerecht werden kann, sollte man wohl andererseits als Außenstehender die Finger von neuen Rassenkonzepten lassen, ob sie nun gut gemeint sind oder nicht. Tatsächlich ist hier der farbenblinde Liberalismus Appiahs angebrachter - was das Anerkennen von Unterdrückung nicht notwendigerweise ausschließt. Umfassende Aufklärung über die wissenschaftliche Unhaltbarkeit des Rassebegriffes muß ein dauerhaftes Bildungsziel werden, wo es dies noch nicht ist. Offen - und uns zur Reflexion einladend - bleibt die Frage, inwieweit das, was More als 'Rasse' bezeichnet, auf andere unterdrückte Gruppen übertragbar ist.

Magnus Treiber


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 9. Januar 2000.