Über kleinbürgerlichen Utopismus

Liebe Kommilitonlnnen,

gerade habe ich die Lektüre Eurer Zeitung für Dichtkunst und Philosophie beendet und sehe mich durch Euren Aufruf dazu bemüßigt meinen Senf dazu zu geben.

Gut finde ich, daß sich einige Leute jenseits der (Uni-) Routine, aber am Ort der routinierten Praxis, Gedanken über jene (eigene) Routine machen.

Gut finde ich, daß die Ergebnisse dieser mehr oder weniger autonomen und freiwilligen (i. S. V. nicht notwendig für eine erfolgreiche Akademikerkarriere) geistigen Arbeit allen zugänglich gemacht werden, mit der Aufforderung sich zu beteiligen. Also eine Zeitung zur Animation und Diskussion.

Gut finde ich die "linke" Auseinandersetzung mit Wissenschaft und Verwertungslogik.

Gut finde ich, daß die Artikel nicht bei oberflächlicher Polemik stehen blieben, sondern um eine (mehr oder minder gelungene und/oder verständliche) Analyse bemüht waren.

Gut finde ich im Großen und Ganzen das Layout.

Warum würde ich das Streitblatt so jedoch nicht abonnieren?

Aus den paar Zeilen am Ende des Vorworts, wurde mir die Konzeption der Zeitung nicht klar. Das ganze erscheint mir doch ein wenig beliebig, "Wir verstehen uns als Möglichkeit eine öffentliche Auseinandersetzung zu führen - fernab von akademischen Konventionen und Voreingenommenheiten." Soll ich "eine Möglichkeit" als die ein(zig)e Möglichkeit oder als "eine (von vielen) Möglichkeit" verstehen. Wie auch immer, es ist ja nicht so, daß es keine anderen Zeitungen, auch mit ähnlichem Thema und Inhalt, gäbe.

Was ist nun das Besondere an Streitblatt, bzw. wie soll es sich, im Verhältnis zu anderen ähnlich gelagerten Zeitungen, besonders entwickeln?

Es gibt durchaus eine sehr aktuelle Diskussion, die auch mit "akademischen Konventionen und Voreingenommenheiten", mit Denkverboten, aufräumen möchte. Diese führt die neue Rechte und das sympathisierende Bürgertum (siehe Dohnanyi). Ich möchte Euch nicht in diese Ecke schieben, aber "Zeitung für Dichtkunst und Philosophie", "Lebendige philosophische Diskussion", "produktiver Diskurs" ist halt dann doch alles und nichts und könnte genau so gut eine Rubrik der "Jungen Freiheit" sein.

"Streitblatt ist nicht unabhängig, es hängt von Euch ab was geschrieben wird".

Daß es Unabhängigkeit, also Objektivität als solche, nicht gibt, macht ihr eigentlich in Euren Artikeln klar, was soll dann das?

Druckt ihr alles und zwar so wie es reinkommt? Und außerdem haben wir uns alle lieb, biep, biep;

Entweder wollt Ihr uns hier für dumm verkaufen, oder ihr seid doch nur ein kleinbürgerlicher, esoterischer Haufen reformistischer Utopisten.

"Wir sind bemüht, das Thema der jeweiligen Ausgabe an der Resonanz auf die jeweilige Ausgabe zu orientieren [...]"

Seh' ich das richtig, daß ihr uns nicht so viel zu sagen habt, sondern, daß Ihr uns nur dabei helfen wollt damit wir uns selbst das sagen können was wir uns schon immer sagen wollten? Danke BärbeI, danke Arabella, danke Andreas, danke Nicole, danke Jörg, danke Vera, danke Sonja, danke Fliege, danke Hans, und morgen dann wieder an die Maschine.

Ich weiß nicht wie eingehend Ihr Euer Zeitungsprojekt diskutiert und geplant habt. Letztlich spielt es für mich auch keine Rolle und es ist u.U. besser aus einer Laune heraus eine belanglose Zeitung zu machen, als größeren Schaden anzurichten.

Bloß von einer (Mitmach-) Aktion möchte ich schon genauer wissen,

(1) Weiche politisch - soziologisch - philosophische Idee steckt dahinter?

(2) Was ist das Ziel?

(3) Wieso dieser Weg?

(4) Wie sieht die tragende Struktur aus?

(5) Wie sieht die kurz-, mittel- und langfristige Planung aus?

in diesem Zusammenhang hat mir der Kasten "Fachschaftszelle Philosophie" außerordentlich gut gefallen, wenngleich es da sicher noch viel mehr zu zusagen gäbe.

Weitere konkrete Anmerkungen,

(1) Der Untertitel "Zeitung für Dichtkunst und Philosophie" spricht mich nicht an, sondern schreckt mich eher ab. Doch gerade das ist eine Stelle die für mich relativ wichtig ist, denn sie entscheidet ob ich mir die Zeitung genauer anschaue oder nicht, sie entscheidet ob ich mich mit ihr tiefergehend auseinandersetzen werde oder nicht.

Was die Dichtkunst anbelangt, bin ich eine totale Banause und bei Philosophie reicht mir das Papier nicht aus, um all die Vorurteile und negativen Erfahrungen, die ich damit verbinde, aufzuschreiben. Der (Unter-)Titel erscheint mir zu exklusiv, aber vielleicht soll er das ja sein. Also mit so etwas wie, "(Hochschul-) Zeitung für das freie Wort und (linker/progressiver) Gesellschaftskritik" könnte ich mehr anfangen (wobei das jetzt auch nicht genial ist - aber aussagekräftiger). In der jetzigen Form ist mir nicht klar wer angesprochen werden soll und wer sich einmischen darf.

(2) Persönlich mag ich es, wenn ich in einer Zeitung verschiedene mich interessierende Themenbereiche (als solche) vorfinde. Gewisse Rubriken sind meines Erachtens deshalb ganz sinnvoll, so wie ein Diskussionsforum, Veranstaltungsankündigungen und -kritiken, Themenschwerpunkt, Hochschule intern und was sich sonst noch anbietet.

Wenn ich das ganze eher künstlerisch auffasse, wäre es auch mal interessant ohne Struktur zu arbeiten, also jedesmal ein anderes Layout/Namen, unregelmäßiges Erscheinen, keine feste Redaktion, sowie Konventionen des Mediums durchbrechen, sozusagen die Nicht-Struktur zur Struktur erheben.

(3) Prinzipiell fehlt mir eine linke (Massen-) Zeitung, nicht nur an der Uni. ich würde mir ein Blatt, das mindestens zweimal im Semester, möglichst monatlich erscheint, in dem eine Diskussion relevanter Themen stattfindet, wünschen. Die Themen die zur Gegenuni angeboten werden sind dabei auch meine Themen. Diese sollte allerdings auch vom einfachen Dumpfstudi, wie mir, verstehbar sein. Damit möchte ich nicht einem wie auch immer gearteten Populismus das Wort reden, doch bin ich der Meinung, daß eine sinnvolle Analyse durchaus in einfachem Hochdeutsch, ja auch in Mundart ausgedrückt werden können muß (Sollte dies einmal nicht der Fall sein, so müßte uns das zu denken geben!). Wir müssen nicht ohne Zwang die Wissenschaftsmachtverhältnisse mit ihren Sprachbarrieren reproduzieren.

In einem derartigen Blatt wünsche ich mir gut recherchierte, aktuelle Information und Anregungen, nachvollziehbar analysierte Bewertungen und ein Diskussionsforum. Wobei ich nur an einem uniweiten interdisziplinären interessiert bin. Um es noch einmal zu betonen, ich habe keinen Bedarf nach einer Zeitung voll von reformistischem oder neoliberalem Geschwätz oder einer Bühne auf der sich linke und rechte Pappnasen ankeifen.

Kann und will das das "Streitblatt" leisten? Schau ma mal dann seng ma's scho!

So zu einer Kritik der einzelnen Artikel habe ich keine Lust mehr, aber ich glaube ihr wolltet auch erst einmal allgemein zum Streitblatt Meinungen einholen.

msg
Genosse Kommissar

Antwort der Streitblatt-Redaktion


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