Antwort der Redaktion

Lieber Genosse Kommissar!

Du findest die "linke Auseinandersetzung" in unserer Zeitung "gut". Das ist zwar schmeichelhaft für uns, aber wir sollten uns nicht falsch verstehen: Wir haben nie gesagt, eine "linke Auseinandersetzung" führen zu wollen. Für Gesinnung haben wir nämlich genausowenig übrig wie für Moral. Wenn du uns als links bzw "links" bezeichnest haben wir zwar nicht dagegen, aber wir schreiben unser Zeug nicht weil wir's für links halten, sondern weil wir's für richtig halten.

Tja, so ganz haben wir uns wohl wirklich nicht verstanden, wenn du meinst, wir wollen uns Gedanken über die universitäre Routine machen. Sich fernab aller Konsequenzen über dieses und jenes so seine Gedanken zu machen, mag beim kritischen Studiker von heute, wenn er nicht gerade BWL studiert, immer noch angesagt sein (wenn er etwas abgeklärter ist oder Philosophie studiert "reflektiert" er dann nur noch über die Bedingungen der Möglichkeit seiner Routine). Uns sind die "Gedanken" über die routinierte Selbstbefindlichkeit nachwachsender AkademikerInnen ziemlich wurscht. Wir wollen uns nämlich Grund und Zweck der bürgerlichen Wissenschaft erklären und in welcher Form und mit welchen Aufgaben die Hochschule auftritt.

Was dir daran unklar oder beliebig erscheint ist uns ein Rätsel. Eine "Möglichkeit eine öffentliche Auseinandersetzung zu führen" ist's eben weil es hier möglich ist. Mag ja sein, daß du noch andere Möglichkeiten kennst an Wissenschaft, die sich auf Streit einläßt und nicht immer schon den Zweck bürgerlicher Wissenschaft voraussetzt -- wir nicht, deshalb machen wir ja die Zeitung. (Daß wir statt Wissenschaft oder Philosophie eher das machen, was du Gesellschaftskritik nennst, liegt übrigens an der Philosophie, der Wissenschaft und der Gesellschaft.)

Wenn der Name unter dem unsere Zeitung läuft auch eine "Rubrik der 'Jungen Freiheit'" sein könnte -- sollen wir da jetzt erbleichen? Um's nochmal zu sagen: Eine Zeitung für Moral und Gesinnung ist nicht unser Ding -- das mußt du schon selber machen. Wenn wir Analysen der Jungen Freiheit kritisieren (falls es da welche geben sollte), dann nicht weil sierechts sind, sondern weil sie falsch sind.

Mit lebendiger Diskussion meinen wir halt nicht den abgelutschten Begriff, den man mit "lebendiger Diskussion" verbindet, sondern tatsächlich eine lebendige Diskussion. Deswegen hatten wir die Zeitung auch "Zeitung für Philosophie" genannt. Die Zeitung hat nämlich, und da werden wir nichtmal rot, einen wissenschaftlichen Anspruch. Weil man weder einen Doktortitel braucht, noch sich an akademische Rituale zu halten braucht, um sich zu einer Sachfrage zu äußern. Das ganze soll deshalb "fernab von akademischen Konventionen und Voreingenommenheiten" stattfinden, weil wir Form und vor allem Inhalt des akademischen Betriebs zuallererst für kritikabel halten. Daß rechte Tabubrecher gegen akademische Konventionen verstoßen macht weder die rechten Theorien wahr, noch die akademischen Ideologien verteidigenswert. Und nochmal: Streitblatt ist keine Gesinnungszeitung. Wir sehen keinen Sinn darin irgendwas falsches "gegen rechts" zu verteidigen.

Die "sehr aktuelle Diskussion (!)" rechter Tabubrecher ist erst möglich geworden durch die postmoderne Geisteshaltung alles für akzeptabel und tolerabel zu halten. Wenn wissenschaftliche Auseinandersetzungen (aus gutem Grund) nicht geführt werden (und davon zeugen die widersprüchlichen Aussagen, die man wohl nicht nur in Philosophieseminaren hört), sondern sich in müden Witzen und Sticheleien gegen den Kontrahenten erschöpfen, dann nimmt man bald auch den Glauben von Wünschelrutengängern, Christen, Homöopathen, Spiritualisten, neuen Heiden und wie sie alle heißen hin: Es ist halt ihre freie Meinung, da darf man sich nicht einmischen. Nicht überraschen sollte, wenn dieses Recht dann auch Bassisten und Nationalisten für sich in Anspruch nehmen. Was an dem Zeug falsch ist, will aber (ebenfalls aus gutem Grund) niemand erklären. Und wer sich den Faschismus partout nicht erklären will, dem bleibt dann nichts mehr anderes übrig als über die Tabubrecher zu lamentieren.

Wir haben geschrieben, daß der Inhalt der Zeitung letztlich von Euch abhängen wird. Irgendwas scheint dir daran nicht zu passen. Was ist uns nicht ganz klar. Wir sind ja sonst nicht auf den Kopf gefallen, aber warum uns das zu Kleinbürgern, Esoterikern, Reformisten und Utopisten macht, mußt du uns schon ein wenig genauer erklären. (Übrigens, auch das mit dem Haufen stimmt nicht.)

Vielleicht haben wir uns auch nicht ganz klar ausgedrückt: Daß man jede beliebige Meinung vertreten kann, solange man tolerant genug ist auch alle anderen jeden Mist verzapfen zu lassen, halten wir für eine Ideologie. Unserer Meinung nach hat jede Wissenschaft einen bestimmten Gegenstand, den sie erklärt, und wenn wir eine Erklärung, die uns zugeschickt wird, für falsch halten, werden wir's Maul schon aufmachen; was wir so von uns geben halten wir übrigens für richtig -- und weil wir auch bereit sind für unsere Thesen zu streiten, haben wir das Angebot gemacht, uns zu kritisieren.

Mit dem Untertitel, lieber Genosse Kommissar, hast du nicht ganz unrecht. Wir sind damit auch nicht so recht glücklich. Der blöde Untertitel wollte eigentlich ganz wörtlich genommen sein. "Philosophie" weil wir eben mit Philosophie zu tun hatten und viel davon für kritikabel halten, "Dichtkunst" weil wir denken, daß sich Gedanken auf vielerlei Weise ausdrücken lassen und wir Rangordnungen von höherer und niedrigerer Kunst sowieso für Quatsch halten.

Auch auf die Gefahr hin, den Anschein zu erwecken, wir würden nun auf konstruktive Kritik sogar eingehen, haben wir den Untertitel geändert. Uns in "Zeitung für Philosophie und Dichtkunst" umzubenennen war uns dann doch zu billig.

Die Idee: Hinter dem Streitblatt stehen die selben Ideen wie hinter der Fachschaftszelle (die zeitlich später entstanden ist): (1) Bürgerliche Wissenschaft (und Universität) erfüllt eine bestimmte Funktion im Kapitalismus: die "Verwertungslogik" ist da nur ein Teil, außerdem geht es darum, allen Teilen der Gesellschaft die ihnen entsprechende Erklärung von Natur und Staat zu liefern; (2) daß wir an dem was uns hierzulande als Wissenschaft präsentiert wird manches auszusetzen haben, heißt nicht daß wir uns jetzt in Weltanschauungen flüchten und einen neuen Irrationalismus predigen -- verstehen wollen wir Natur und Gesellschaft nämlich schon; (3) mit der Oberfläche des Wissenschaftsbetriebs sind wir ständig konfrontiert (in unserem Falle in Philosophie) -- sie bildet den Anlaß unserer Kritik.

Das Ziel: Die wissenschaftliche Erkenntnis des Kapitalismus verlangt seine praktische Abschaffung. (Das Argument, damit würden wir das Ergebnis schon vorweg nehmen, stimmt nicht. Eine wissenschaftliche Theorie des Kapitalismus gibt's nämlich schon.)

Der Weg: Oft genug hat die Linke mit Hinweis auf die drängenden Umstände die Theorie zurückgestellt. Weil die Umstände immer drängender werden, kommt sie nie dazu das nachzuholen. Deshalb gilt es sich jetzt, trotz Krieg, Klarheit zu verschaffen. Wir verstehen uns als Alternative sowohl zu Hirnwichsereien im Hinterzimmer als auch zu einem Aktivismus, der nicht einmal über symbolische Aktionen hinauskommt.

Struktur und Planung: Das Streitblatt wird von der Fachschaftszelle Philosophie getragen und erscheint kurz-, mittel- und langfristig semestermonatlich.

Die Readktion


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 9. Januar 2000.