Studentische Praxis, 68 und heute

I

Im Januar dieses Jahres wurde im Lichthof der Münchener Universität eine Ausstellung gezeigt, die die Studierendenproteste von 1997, damals "Streik" oder "kreativer Ausstand" genannt, mit denen von 1968 verglich. Eigentlich kann von einem Vergleich aber kaum die Rede sein, beeilten sich doch nicht nur die VeranstalterInnen und die StreikaktivistInnen, sondern auch die eifrigst zu dem unter dem Titel "Podiumsdiskussion" laufenden Klassentreffen angereisten 68er auf die Unvergleichbarkeit hinzuweisen.

Bei soviel Einigkeit ist man zunächst geneigt, die Gemeinsamkeiten von 68 und 97 zu betonen. Die Negation einer falschen Analyse ist aber noch nicht besonders richtig. Es liegt nahe, daß es bei dem Streit zwischen 68 und 97 um etwas ganz anderes geht, als den Vergleich zweier Generationen von StudentInnen. Richtig ist, daß der geregelte Universitätsbetrieb 1997/98 (zwar nicht einmal partiell unterbrochen, aber punktuell) für drei Wochen gestört wurde, 1967/69 aber für drei Jahre. Daß es in drei Jahren mehr Aktionen, mehr Proteste, ja auch mehr "inhaltliche" Arbeit geben kann, als in drei Wochen sollte nicht überraschen; daß neben diesem quantitativen Unterschied auch ein qualitativer besteht wäre erst noch nachzuweisen. Gerade etwaige Unterschiede lassen sich nämlich erst auf der Grundlage einer Gemeinsamkeit erkennen: 68er und 97er beruhten auf Aktionen unzufriedener Intellektueller, die zwischen affirmativem Reformismus und ebenso affirmativem Utopismus schwankend die kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft vermieden. Statt den vorgefundenen Kapitalismus und seine Gesellschaft zu analysieren, meinten sie erst "Mängel", die sie nicht als notwendige Folge des Kapitalismus begriffen, beseitigen zu können und stellten dann in der Resignation die auf ihr zwangsläufiges Scheitern folgte, Utopien einer "besseren Welt" als Politik vor.

Warum berufen sich die StudentInnen von 1997 auf etwas, das vor 30 Jahren passiert ist? Warum werden sie ständig verglichen?

II

Die kapitalistische Gesellschaft hat 20 Jahre gebraucht um die Ereignisse von 68, aber nicht mal ein Jahr für den "kreativen Ausstand" für sich zu vereinnahmen (dann aber gründlich). Diese Unterschiede sind der Aneignung ist von der Ausstellung selbst nicht thematisiert worden; dies wäre um so nötiger gewesen, als sich die Ausstellung ja selbst an dieser Aneignung beteiligt hat; trotz oder gerade weil die VeranstalterInnen zum größten Teil auch AktivistInnen der Studistreiks von 97 waren.

Daß die Ausstellung schon deshalb verfehlt sei, weil sie der Vereinnahmung der Proteste durch die Gesellschaft Vorschub leistet, setzt voraus, daß sich die Proteste gegen die Gesellschaft oder zumindest Teilen davon richteten, daß sie also, bei allem Opportunismus, einen systemfeindlichen Rest aufgewiesen hätte. Dieser Vorwurf geht schon deshalb ins Leere, weil die Möglichkeit der Vereinnahmung ja erst mal bestehen mußte, also nicht erst in der Darstellung geschaffen wurde, sondern schon in der Natur des Dargestellten begründet war. Einen "politischen Rest" der sich der Darstellung entzogen hätte gab es eben nicht. Fraglich ist nur, ob es ihn jemals gegeben hatte. Wenn überhaupt, so wäre dieser Rest nicht in Anspruch und Analyse der StudentInnen zu finden, sonden nur in der Frage zu finden, warum es überhaupt zu einem studentischen Protest ohne politische Substanz kam. Der Vergleich mit jeweils früheren Protesten hilft da nicht viel weiter. 1989 haben die Studis gegen ihre phantasierte Verwertbarkeit protestiert, 1997 ebendafür; was sich hier einmal als hoffnungsloser Utopismus, einmal als affirmativer Reformismus äußert hat doch immer eines gemein: nicht bloß das Fehlen, sondern auch den Verzicht auf jede Analyse in der sich die Studierenden über die Ursachen und Gründe ihrer Situation und der Möglichkeit deren Überwindung verständigen könnten - jenseits der Projekte unter denen der Staat Politik betreibt.

Freilich, manch einer blickt mit gewisser Wehmut auf die Streiktage Ende 1997 zurück. Immerhin begann damals ein Stück sinnvoller menschlicher Praxis: Zumindest die AktivistInnen des Streiks waren nicht mehr gänzlich vereinzelt den abstrakten Gesetzen des Markts unterworfen, sondern versuchten ihre Umwelt aktiv und in persönlichen Beziehungen zu anderen zu gestalten. Kurzfristig war es ihnen möglich, Freiräume zu erkämpfen und diese Freiräume durch selbstbestimmtes Lernen etwas menschlicher zu gestalten. Diese Momente von Freiheit und Selbstbestimmung machten die positive Seite des Streiks aus; sie ließen sich aber nach dem Streik nicht fortsetzen, eben weil sie nicht für sich sinnvoll sind, sondern nur als Teil einer politischen Praxis. Hinweise darauf, wie diese Praxis fortzusetzen wäre ergeben sich daraus, daß Bildung nicht allein der Wirtschaftsleistung dient, sondern auch Beginn sozialer und politischer Emanzipation sein kann. Grundlage von Veränderung ist es, die positive Lehre in Frage zu stellen, die - als instrumentelle Vernunft - die Wirtschaft mit den nötigen geistigen Ressourcen versorgt.

Keine der damaligen Forderungen wurde auch nur im Ansatz verwirklicht. Abgesehen von den Mängeln der inhaltlichen Analyse ist das auch eine Folge der Form des Protests: Ein Protest richtet sich ja schon seinem Wesen nach nicht gegen ein abstraktes Etwas, sondern gegen einen konkreten Jemand. Schließlich protestiert man doch! Aber gegen wen? Wenn sich da niemand ausmachen läßt, sondern im Abstrakten bleibt, kann man ebensogut gegen Umweltkatastrophen, Winterkälte und nächtliche Dunkelheit demonstrieren. Verbesserungen werden nur umgesetzt, wenn sie im Interesse der Herrschenden liegen. Ein Protest, der sich darauf beschränkt, Probleme bei der Öffentlichkeit zu Gehör zu bringen verkennt diesen Zusammenhang. Die Form der studentischen Proteste beruhte auf der Überzeugung ein legitimes Interesse zu vertreten und versuchte der Öffentlichkeit zu vermitteln, wie wichtig das Gut "Bildung" doch sei. In dem Maße, wie die Politiker diesen "Protesten" keine Beachtung schenkten, wurden die Aktionen der Studiker immer und immer origneller, auf daß die Öffentlichkeit und die Politiker das für die Studierenden immer schon selbstverständliche einsehen, nämlich wie wichtig gut ausgebildete Akademiker für die Zukunft der Nation seien. Die Tatsache, daß die Politiker den berechtigten Studiinteressen kein Gehör schenkten, sondern im Gegenteil meinten, jetzt eben mal mit weniger Hochschulabsolventen auszukommen, erklärten sich die AktivistInnen der Studikerbewegung dadurch, daß die Politiker dummh seien oder zumindest kurzsichtig denken, übermäßig durch Wirtschaftsinteressen beeinflußt oder letztlich bösen Willen seien. Nur auf die Idee, daß "die Politiker" (sprich der Staat) genau so handeln, wie sie handeln müssen, kam keiner. Damit begingen sie den gleichen Fehler wie ihre Vorgänger 1968, die auch damals schon die Demokratie mit ihreren eigenen Idealen über die Demokratie konfrontiert haben und damit nicht die Demokratie an den Idealen, sondern nur ihre Ideale an der Wirklichkeit blamiert haben.

III

Das Scheitern der StudentInnenproteste von 1997 läßt sich nur auf dem Hintergrund des Scheiterns der Proteste von 1968 verstehen. Eine beliebte Legende der Alten Herren (und Damen) von 68 wird von den heutigen StudentInnen, die gerne "mehr" (wovon ist unklar) gemacht hätten und nostalgisch auf vermeintliche vertane Chancen zurückblicken, fleißig nachgebetet: 1968 wäre im Vergleich zu 1997 etwas "ganz anderes" gewesen, was wohl heißen soll, daß sich Grund, Anlaß, Analyse und Zweck unterschieden.

Ebenso wie die 97er haben die 68er keine ihrer Ziele erreicht. Die heutige Legende, die 68er hätten sich um´s Gemeinwohl verdient gemacht, steht im heftigen Gegensatz zur Wertschätzung in der die bewegten StudentInnen 1968 standen. Nur war deren damaliger Ruf des Bürgerschrecks gar nicht inhaltlich verdient, sondern entsprang dem Schein ihrer Protestform.

Die StudentInnen von 1968 verwechselten die demokratischen Ideale mit der realexistiernden Demokratie und erwarteten von der BRD die Einlösung ihrer Versprechungen. Die drei inhaltlichen Schwerpunkte entsprachen gleichzeitig den drei Fehlern der damaligen Analyse (siehe z.B. MSZ 88/6,7):

An den Universitäten forderte man von den Wissenschaften, sich auf ihre gesellschaftliche Verantwortung zu besinnen und damit ihre Folgen wie auch ihre Voraussetzungen zu reflektieren. Das führte zu einem eifrigem Befragen der Theorien auf ihre Methodik, aber gerade nicht zu einer Wissenschaftskritik, die Fehler der herrschenden Lehre zu ermitteln erlaubte. Das führte andererseits zur Vorstellung, die an Hochschulen gelehrten Ideologien wären irgendwo in der Wirklichkeit anwendbar und stützte damit die herrschende Meinung von der Bedeutung der "Wissenschaft" und der sie lehrenden und erzeugenden Elite.

Von der Demokratie forderten die StudentInnen die Einlösung der Ideale, die sie darüber hatten. Der Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit existierte aber nur in ihrer Einbildung: sie sahen nicht, daß die von ihnen erkannten "Mißstände", Konsequenz und Notwendigkeit der demokratischen Art Staat zu machen sind.

Auch die Außenpolitik wurde an den Idealen der Demokratie gemessen. Was die offiziellen Mächte und die Freiheit von Gewalt und Geschäft vollbringen wurde auch hier als undemokratisch, also als Mangel der bestehenden Demokratie mißverstanden. Den im Einzelfall mehr oder weniger verabscheuungswürdigen Staatsgästen in Bonn wurde mehr Aufmerksamkeit geschenkt als der Frage, was sie denn eigentlich mit den Politikern der BRD zu tun hatten.

Die Gesellschaftskritik der 68er war bestimmt von dem Fehlurteil, man stünde keiner funktionierenden, sondern einer noch nicht verwirklichten Demokratie gegenüber und verkannte damit, daß Sozialstaat und das Gerede von Gleichheit und Freiheit untrennbar zum Klassenstaat gehören und daß immer von der Produktionsweise abhängt, was unter Gerechtigkeit verstanden wird.

Bei den "Massen" fand der Wunsch nach sozialverträglicher Ausgestaltung der Demokratie keinen großen Anklang. Damit begann die letzlich theoriefeindliche Einstellung gerader linker Gruppeirungen bis heute, die mitverantwortlich ist für das scheitern oppositioneller Bewegungen nicht nur in der BRD. Die Auffassungen der Massen wurden nämlich nicht geprüft und kritisiert, sondern statt dessen durch eine letztlich elitäre Manipulationstheorie erklärt, die sich ihren Ausweg in erziehungspschologischen Gegenmanipulationen erhoffte.

IV

Die Einigkeit, mit der die Ereignisse von 97 als mit 68 als unvergleichbar erklärt wurden, beruht darauf, daß sie natürlich der Legende von 68 nicht gerecht werden. Der kreative Ausstand war eine für ein paar Wochen tolerierte Normabweichung, die von wenigen, aber immerhin einer "Masse" mitgetragen, von vielen ignoriert und nur von einzelnen "Spießern" kritisiert wurde. Wie Loveparade und Fasching blieb auch der Studistreik im Rahmen und wurde nur von ein paar Ausnahmefällen übertrieben. Die Studis haben zwar erkannt, daß sie 97 von den Medien geliebt wurden (was ihnen übrigens auch wieder nicht recht war, obwohl sie doch in der Öffentlichkeit für ihre Forderungen Verständnis finden wollten) und daraus den ganz richtigen Schluß gezogen, daß es sich um keine radikale Bewegung gehandelt haben kann. Ihr Mißverständnis liegt darin, daß sie meinten, sie wären von der Öffentlichkeit mißverstanden worden. Ihr Lösungsversuch war, sich (unter anderem) an 68 zu orientieren, ohne zu verstehen, daß deren Radikalität allein in der Form aber nie in den Inhalten der Proteste lag. Der Vorwurf, den die Medien nach Zwischenfällen auf Demonstrationen erhoben, daß hier einzelne Chaoten die Studierendenproteste mißbraucht hätten, ist daher alles andere als falsch: wer versucht das Ausbildungsproblem zu lösen, wer sich am "Projekt Bildung" beteiligt, der kann sich keine Auseinandersetzung mit dem Staat liefern -- schließlich steht man ja auf der selben Seite.

Der Streik für eine bessere Ausbildung dient letztlich der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung. Erstens, weil sie auf die Behebung eventueller "Mängel" des Systems abzielt; zweitens, weil sie die Kritiker auf die Mitwirkung an einem der Projekte der Nation verpflichtet und deren prinzipielles Rechnen für den Standort immer schon voraussetzt.

Die Forderung nach einer "guten" oder gar "besseren" Ausbildung ist immer schon standortpolitisch. Erstens schließt die Identifikation mit der eingebildeten Verwertbarkeit jede Kritik am System der warenproduzierenden Gesellschaft aus. Zweitens ist diese Art der Interessenvertertung immer mit einem Ausgrenzungsprogramm gegenüber wirklichen oder vermeintlichen KonkurrentInnen verbunden. Drittens beruht die Forderung nach einer effizienteren Ausbildung auf dem Irrtum, jemand wolle die HochschulabsolventInnen verwerten; das Wesen der gegenwärtigen Krise beruht gerade darauf auf dem Abbau von Sozailleistungen, Nischen und Freiräumen. Die StudentInnen sind nicht mehr alle verwertbar. Die Forderung nach Arbeit (also Eingliederung in den Produktionsprozeß) um jeden Preis dient nur der kurzfristigen Krisenverwaltung, der Zunahme von Konkurrenz und damit dazu, jede Kritik am bestehenden zu verhindern.

Weiterreichende Forderungen, sofern sie überhaupt vorkommen, setzen ein Weiterfunktionieren der kapitalistischen Dynamik voraus, sind aber nicht mal in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität zu finanzieren. Sie werden daher auch ganz folgerichtig gar nicht ernst genommen und dienen bloß dazu, die Illusion auf bessere Verhältnisse innerhalb der Bestehenden wachzuhalten. Die studentische Politik bewegt sich also zwischen unernstem Utopismus und bornierter Interessenpolitik - emanzipatorisches Potential könnte sie aber nur gewinnen, wenn sie sich nicht mehr von den unbegriffenen Mechanismen der kapitalistischen Gesellschaft leiten lassen, sondern die Funktionsweise von Gesellschaft und Ökonomie begriffen haben. Forderungen wie die nach Verweigerungen gegen über der Waren- und Verwertungslogik können immer nur taktische Maßnahmen im politischen Kampf sein. Selbst bei vorgeblich theoretischer Arbeit verschwimmt der Unterschied zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und weltanschaulichem Bekenntnis, wenn jeder Satz auf seine politische Verwertbarkeit und das eigene praktische Interesse hin abgeklopft wird.

Wie 1968 war der studentische Protest 1997 von dem Gefühl getragen, im Recht zu sein. Diskussionen in Vorlesungen wurden von deren Sprengung gefolgt, erfolglosen Demonstrationen von Regelverletzungen, symbolischer Gewalt (Bannmeile!), Farbbeuteln und ähnlichem. Die Aktionen sollten verdeutlichen, daß die Demokratie noch gar nicht verwirklicht war (und der Staat sein wahres, undemokratisches Gesicht zeigte). Die zwangsläufigen Repressionen bestätigten dann diese These

Florian Beck


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