Obwohl Konrad überzeugt war, ein Fisch zu sein, konnte er es nicht unterlassen, ab und zu aufzutauchen und tief durchzuatmen

"Mit Idealismus und Metaphysik kommt man in der Welt am leichtesten durch; denn man kann dann soviel Unsinn zusammenschwatzen wie man nur will, ohne sich auf die objektive Realität stützen zu müssen und ohne der Prüfung durch diese unterworfen zu sein. Materialismus und Dialektik erfordern hingegen Anstrengungen, da muß man sich auf die objektive Realität stützen und die Prüfung durch diese bestehen; unternimmt man keine Anstrengungen, dann wird man in Idealismus und Metaphysik abgleiten." (Mao Tsetung)

Die Frage ist diese: Kann man die Welt nur verändern, wenn man sie anders interpretiert? Zunächst ist klar, daß es sich beim anders interpretieren der Welt keineswegs um eine hinreichende, sondern wenn überhaupt, dann um eine notwendige Bedingung handelt, die Welt zu verändern. Allerdings ließe sich die Frage auch ganz einfach beantworten. Wenn ich die Welt interpretiere, wie ich es in der Schule gelernt habe, dann brauch ich sie jedenfalls nicht anders zu interpretieren um sie irgendwie zu verändern. Es reicht z.B. aus, eine Hundehütte zu bauen. Schon ist die Welt verändert. Nun bleibt nur noch die Frage, ob man das Bauen einer Hundehütte etwa als interpretieren der Welt verstehen kann. Allerdings würde man sich schon ein bißchen veralbert vorkommen, wenn man jemanden sieht, der mit ein paar Brettern unter dem Arm aus dem Baumarkt kommt und ihn fragt, was er denn damit vorhat; und der antwortet: "Ich werde die Welt anders interpretieren." Man käme sich jedoch wohl ähnlich veralbert vor, wenn er sagen würde, er wolle die Welt verändern - mit den paar Brettern! Jedenfalls denke ich, das Karl Marx etwas anderes meinte, als er schrieb die Philosophen hätten die Welt nur verschieden interpretiert, es käme darauf an, sie zu verändern. Hier war wohl nicht die Rede davon, die Welt um eine Hundehütte zu bereichern. War die ganze mühevolle Arbeit der Philosophen am ende überflüssig?

Laut Marx kommt es darauf an, die Welt zu verändern, aber kommt es überhaupt nicht darauf an sie zu interpretieren? Diese Frage ist schon nicht mehr so einfach zu beantworten. Zunächst ist es hier ratsam, den Begriff der Interpretation zu bedenken. Was interpretiert man denn normalerweise? - Die Welt zu interpretieren ist eine vorwiegend unter Philosophen beliebte Tätigkeit. Was interpretiert aber z.B. ein Fußballfan? - Typische Situation im Fußballstadion: Zwei Fans der jeweils gegnerischen Mannschaft diskutieren darüber, ob die Abseitsentscheidung gegen die Mannschaft von Fan A gerecht war, oder ungerecht. B ist der Meinung, die Entscheidung sei gerecht gewesen; weil der Stürmer tatsächlich im Abseits stand, wurde die Torchance gerechterweise durch den Schiedsrichter vereitelt. A ist anderer Meinung. In seinen Augen hat der Schiedsrichter Tomaten auf den Augen, und es hätte eigentlich ein Tor werden müssen, weil der Vorstopper im Moment der Ballabgabe noch näher am Tor stand als der Stürmer, der die Chance sicherlich verwertet hätte. Ist die Meinungsverschiedenheit zwischen A und B die Folge zweier verschiedener Interpretationen, oder fand hier gar keine Interpretation statt? Am ehesten kann man wohl im bezug auf das Urteil des Schiedsrichters von einer Interpretation sprechen. A interpretiert es als ungerecht, während B es als gerecht interpretiert. Die beiden Fans sind jeweils fest von ihrer Meinung überzeugt. Die von A ist diese: Auf die Ereignisse auf dem Spielfeld muß der Schiedsrichter das geltende, gerechte Gesetz (die Fußballregeln) anwenden. Wenn der Stürmer tatsächlich im Abseits steht, dann ist es folglich gerecht, daß der Schiedsrichter das Spiel abpfeift. B teilt As Meinung soweit. Aber B meint im Gegensatz zu A, daß der Stürmer wirklich im Abseits stand; A meint dem wäre nicht so gewesen. Wenn die Beiden also die Entscheidung des Schiedsrichters interpretiert haben, dann scheint sich diese Interpretation auf ein Urteil darüber, was tatsächlich passiert ist reduzieren zu lassen. Es scheint demnach möglich, daß obwohl Beide nebeneinander zur selben Zeit im selben Stadion, dasselbe Spiel beobachteten, sie eine Abseitsentscheidung verschieden Interpretieren - oder zumindest über ein Ereignis verschieden urteilen.

Wenn man Marx glaubt, daß die Philosophen die Welt verschieden interpretiert haben, dann muß man auch glauben, daß es geht ein und dieselbe Sache verschieden zu interpretieren. Insofern könnten A und B tatsächlich eine Interpretation vorgenommen haben. Die Sache, die Interpretiert wurde, ist die Entscheidung des Schiedsrichters. Darüber besteht genausowenig Uneinigkeit unter den Fans, wie Uneinigkeit unter den Philosophen darüber besteht, daß sie es mit einer Welt zu tun haben. Desweiteren haben die Fans einen Raum von möglichen Interpretationen, der aus "gerecht" und "ungerecht" besteht.

Bei den Philosophen ist dieser Raum wohl etwas umfangreicher. Die allgemeinst mögliche Eingrenzung ist "alles Denkbare". Es gibt in der Geschichte der philosophischen Theorien diverse Versuche diesen Raum auszuloten. Kant hat in seiner "Kritik der reinen Vernunft" unter anderem versucht, die Frage zu beantworten was denn die Bedingungen der Möglichkeit für apriorische, synthetische Erkenntnis seien. Einfacher gesagt; unter welchen Bedingungen die Seele denn außer sich selbst überhaupt etwas erkennen könne. Wittgenstein glaubte an die am Ende seines "Tractatus logico-philosophicus" an besagte Grenze gestoßen zu sein: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen." Welche Gesetze gelten um der gegebenen Sache ein Element aus dem gegebenen Raum zuzuordnen, ist bei A und B ganz klar. Es sind die Fußballregeln. Bei den Philosophen ist es wieder komplizierter. Allerdings liegt die Lösung auf der Hand: die Gesetze des Denkens. Um zu etwas Denkbarem zu gelangen, muß man denken. Wie man nun richtig oder falsch denkt, darüber wurde sich auch schon des öfteren der Kopf zerbrochen. Ebenso über die Fußballregeln. Das "regelgerecht" und "nicht den Regeln gemäß" der Fans entspricht in dieser Analogie also dem "richtig" und "falsch" der Philosophen. Das Kriterium für diese Unterscheidung sind einerseits die Fußballregeln, andererseits die Regeln des Denkens. Beide, sowohl die Fans als auch die Philosophen, wenden diese Kriterien an, um ihren Gegenstand zu untersuchen. Den Philosophen wird allerdings oft von anderen Philosophen vorgeworfen, sie machten Fehler beim Denken. Beispielsweise hat Gilbert Ryle den Begriff des "Kategorienfehlers" geprägt. Er wirft damit quasi manchen anderen Philosophen vor, sie würden unzulässigerweise aus der einen, in eine andere Kategorie schließen. D.h. obwohl diese Philosophen richtig schließen, also nicht gegen irgendeine logische Regel verstoßen, ist ihre Schlußfolgerung falsch, oder zumindest nicht notwendig richtig, weil sie erst zeigen müßten, daß es zulässig ist beim Schließen Begriffe aus verschiedenen Kategorien zu vermischen. Ryle postuliert quasi eine neue Regel des Denkens: Schließe nur innerhalb einer Kategorie. Die Fans haben keine derartigen Probleme mit den Fußballregeln; andererseits haben diese sich auch entwickelt und werden permanent verändert (besonders was Regelauslegung etc. betrifft; aber auch die Regeln selbst. Das erste bekannte Regelwerk für ein fußballartiges Spiel stammt aus dem sechzehnten Jahrhundert, die Abseitsregel wurde zuletzt 1923 wesentlich verändert.).

Die Tätigkeit des Interpretierens selbst, scheint bei den Philosophen darauf hinauszulaufen, dem Gegenstand, der interpretiert wird, eine der Interpretationen aus dem Raum der möglichen Interpretationen zuzuordnen. Ebenso bei den Fans. Sofern diese sich über die Fußballregeln einig sind, wenden sie die auf die Entscheidung des Schiedsrichters (=Gegenstand) an und bezeichnen die dann als "gerecht" oder "ungerecht". Die Argumente für ihre jeweilige Interpretation (ich nehme mal an es handle sich dabei um eine) beziehen sie aus dem, was wirklich passiert ist. Die Uneinigkeit darüber ist entscheidend für die Verschiedenheit der Interpretationen. Allerdings müssen die Fans sich auf gegenseitiges Versichern beschränken, wenn ihr jeweiliges Urteil darüber, was tatsächlich passiert ist bekräftigen wollen. Bei den Philosophen verhält es sich nun ähnlich, jedoch ist noch nicht geklärt, woraus sie ihre Argumente nehmen. Als Gegenstand haben sie die Welt, als Regeln des Verknüpfens mit dem Raum der möglichen Interpretationen, die Regeln des Denkens. Wenn diese sich nun im bezug auf "Interpretation" tatsächlich analog zu den Fußballregeln verhalten, wenn also A und B die Entscheidung des Schiedsrichters interpretiert haben, dann wäre es folgerichtig, daß die Philosophen sich ihre Argumente für die eine oder andere Interpretation einfach denken. Da sich ja die Fans ihre Argumente (A: "der Vorstopper war im Moment der Ballabgabe näher an der Torlinie, als der Stürmer."; B: "Nur noch der Torwart war näher am Tor als der Stürmer.") aus dem Spiel holen, dessen Spielregeln sie benutzen um ihrem Gegenstand eine der möglichen Interpretationen zuzuordnen, müssen auch die Philosophen ihre Argumente aus dem nehmen, dessen Regeln sie benutzen, um ihrem Gegenstand eine Interpretation zuzuordnen. Sie müssen sich ihre Argumente also denken. Was mehr kann jetzt ein Philosoph tun, seinen Standpunkt zu bekräftigen, außer zu versichern, er hätte richtig gedacht. Nun, er kann einem Philosophen der zu einer anderen Interpretation gelangt ist nachweisen, das jener gegen die Regeln des Denkens zu seinem Ergebnis kam. Darüber sind die Fans allerdings schon hinaus, weil sie sich auf die Fußballregeln bereits verständigt haben. Trotzdem wäre ein Fan denkbar, der irrtümlicherweise die Abseitsregel von 1910 für noch gültig hält. Dem könnte A natürlich vorwerfen, daß er gegen die Regeln des Spiels zu seiner Interpretation kam. A müßte den hypothetischen Fan überzeugen, daß die Regel, an die dieser glaubt, nicht mehr gilt. Das könnte er z.B. mit Hilfe eines offiziellen Regelwerks (mit FIFA-Stempel oder so), oder dadurch, daß er noch andere Fans in den Diskurs miteinbezieht tun. Was nun den Nachweis gegen die Regeln des Denkens die Welt interpretiert zu haben betrifft, geht es dem Philosophen nicht viel anders. Entweder bezieht er sich auf Regeln des richtigen Schließens o.ä., die sich allgemeiner oder mehrheitlicher Akzeptanz erfreuen (quasi die FIFA-Fußballregeln), oder auf andere Philosophen, die seine Ansicht teilen. Läßt sich der andere Philosoph dennoch nicht überzeugen, dann muß dieser seinerseits sich erklären. Dazu bleibt ihm lediglich die Möglichkeit, ein Argument zu finden (sich etwas zu denken), das an den akzeptierten Regeln zweifeln läßt. Wenn er sich nun sowas denkt, dann wird man ihn schwer davon überzeugen können, daß es gegen die Regeln des Denkens verstößt - er denkt es sich ja gerade. Womit die Philosophen wieder da wären, wo die Fans schon vorher waren: Die Uneinigkeit bestand in einem Urteil darüber, was sie tatsächlich gesehen haben - in der Überzeugung etwas so gesehen zu haben. Genauso, wie nun die Uneinigkeit unter den Philosophen nun darin besteht etwas so oder so zu denken. Die einzige Methode der Bekräftigung ist in beiden Konflikten letztendlich das sich gegenseitige Versichern. Aber wie kann es Überhaupt sein, daß überhaupt derartige Konflikte entstehen? Wenn man bei allen Beteiligten Anstand voraussetzt, dann muß man bei den Fans zu dem Schluß kommen, daß sie verschieden sehen, während man bei den Philosophen darauf kommt, daß sie Verschieden denken. Was dazu führen kann, daß die Einen verschieden sehen und die Anderen verschieden denken, liegt zumindest bei den einen offen da: Sie sind intentional voreingenommen. A hätte verdammt gern ein Tor gesehen, während B als Anhänger der anderen Mannschaft natürlich froh war, daß der Schiedsrichter auf Abseits entschied. Man sieht hier deutlich, daß sich die Intentionen in dasjenige richten, aus dem auch die Argumente gewonnen werden. Bei den Philosophen ist es das Denken. Sie interpretieren die Welt also so oder so, denken also dies oder jenes, weil sie es denken wollen; interpretieren also die Welt, wie sie sie eben interpretieren wollen. Was hier zum Spielball der Interessen wird ist der Gegenstand, das Objekt der Interpretation. Im Fall der Philosophen die Welt; die Welt, deren Veränderung unsere eigentliche Frage galt: Kann man die Welt nur verändern, wenn man sie anders interpretiert? - Kurz: Nein. Da die Interpretation der Welt ohnehin sich darauf reduzieren läßt, was man will, braucht man die Welt auch garnicht interpretieren, es kommt lediglich darauf an, sie zu verändern; so zu verändern, wie man sie verändern will. Für die Fans heißt das, daß wenn sie mit der Entscheidung des Schiedsrichters nicht einverstanden sind, sie diese eben ändern müssen (was auch schon tatsächlich mal versucht wurde). Allerdings sollten sich die Fans auch überlegen, ob die Abseitsregel zu etwas taugt, zumal wenn man ein Anhänger der Mannschaft von A ist. Und wenn man mit einer Hundehütte auskommt, dann reicht auch zunächst das Bauen einer solchen; will man sie aber dort bauen, wo sich ein Atomkraktwerk befindet, dann sollte man vorher das Kraftwerk einreißen. Den meisten Philosophen ist da wohl eher schlecht ein guter Rat zu geben. Die sollten erstmal überlegen, was sie überhaupt wollen.!

Stefan Groß


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 9. Januar 2000.