Zum »Manifest gegen die Arbeit«

»Nicht die Arbeit, die Lohnarbeit gehört abgeschafft« »Weltrevolution« (Jan. 2000), Zeitung der »Internationalen kommunistischen Strömung (IKS)«

»Der Leser des Manifests braucht die Vision von einer besseren Welt und den ´kategorialen Bruch´ mit der Kapitalismuskritik von Marx, also die vollständige Absage an den Klassenkampf.« Bei dem Manifest handelt es sich um eine »eschatologisch begründete Botschaft vom Ende des Bösen, das ein böses Ende nehmen könnte« Freerk Huisken in KONKRET 3/2000

»Das Manifest gegen die Arbeit ist in Wirklichkeit eines für den Dritten Sektor« BAHAMAS Frühjahr 2000

I Die Bestandsaufnahme des Manifests

Das Echo in der Linken fällt also ziemlich kritisch aus. Was auch kein Wunder ist; denn die Welt des Manifests steht ziemlich auf dem Kopf (einerseits). Es konstatiert: »Die Reichtums-produktion hat sich im Gefolge der mikroelektronischen Revolution immer weiter von der Anwendung menschlicher Arbeitskraft entkoppelt ...« (1. Die Herrschaft der toten Arbeit)

Daß sich in den letzten 50 Jahren in den kapital. Nationen ein ziemlicher Wandel im Beschäftigungsverhältnis zwischen produktiven und nicht produktiven (Dienstleistung etc.) Sektoren der Wirtschaft vollzogen hat, heißt nicht, daß die produktiven Branchen (fast) keine Arbeit mehr anwenden. (das Verhältnis hat sich ungefähr umgekehrt: früher zwei Drittel zu ein Drittel, jetzt ein Drittel zu zwei Drittel). Neben fast menschenleeren Fabriken gibt es nach wie vor an einzelnen Maschinen nebeneinander produzierende Arbeiter – im Gewerbegebiet Wolfratshausen-Geretsried suchen viele solche Firmen Facharbeiter.

Die Schranke des Kapitals bei der Akkumulation besteht nicht darin, daß ihm die »Arbeit« ausgeht, sondern darin, daß es mit jeder Rationalisierung die Kaufkraft der Massen schmälert. – Auch wenn es andererseits mit immer weniger Leuten immer mehr nützliche Dinge produzieren läßt (die sich aber immer weniger leisten können.)

Daß die bezahlte Arbeit gegen Null geht und damit die unbezahlte (=die Mehrarbeit) fast den gesamten Arbeitstag ausfüllt, heißt eben noch lange nicht, daß die Arbeit ausgeht. – Im Gegenteil, was die ständige Diskussion um den Abbau von Überstunden beweist.

In »3. Die neo-sozialstaatliche. Apartheid« heißt es: » ´Inländische Tretmühlen nur für Inländer´, schreit es aus der Volksseele, die in ihrer perversen Liebe zur Arbeit noch einmal zur Volksgemeinschaft findet«. Wobei es sich genau umgekehrt verhält: weil Proleten sich als Staatsbürger positiv auf die Nation und das nationale Kapital beziehen, lassen sie sich – angeleitet vom DGB – alle Zumutungen dieser Instanzen gegen ihre materiellen Interessen einleuchten.

Bei anstehenden Pleiten und Betriebsschließungen von Krupp-Rheinhausen über Maxhütte bis Holzmann setzt sich daher nicht die Einsicht durch, daß in der demokratischen Marktwirtschaft eben betriebswirtschaftliche Rentabilität vor den Lebensbedürfnissen der Arbeiter und Angestellten geht, daß also auf die Erpressung des Kapitals auch mal mit Gegenerpressungen zu antworten wäre, sondern der bittere Vorwurf lautet: »Mißmanagement«, woraus dann die Hinnahme der anstehenden Maßnahmen folgt.

Daß es darum geht, die Arbeit zu verbilligen, weiß auch das Manifest, wenn es schreibt: »Gleichzeitig drücken staatlicher Arbeitszwang, Lohnsubventionen und sog. ´ehrenamtliche Bürgerarbeit´ die Arbeitskosten immer weiter nach unten. So wird der wuchernde Sektor von Billiglohn und Armutsarbeit massiv gefördert.« Darin liegt dann eben auch die Gemeinsamkeit des »gesamtgesellschaftlichen Arbeitslagers« (von CDU/CSU bis zum DGB).

Es ist also kein Fetisch oder Arbeitsgötze, der alle diese Zwänge in die Welt setzt und für Milliarden Menschen in der 3. Welt Hunger und Elend schafft, sonder Kapital + demokratischer Staat heißen die Subjekte. Weltweit halten die imperialistischen Nationen mit ihrem Gewaltapparat diese kapitalistische Ausbeutung aufrecht – wegen des Nutzens für sich = für die Vergrößerung ihrer Macht und ihrer Machtmittel.

Zu »4. Zuspitzung und Dementi der Arbeitsreligion«

Wenn es im Text der Internationale heißt: »Die Müßiggänger schiebt beiseite«, wurde damit nicht dem Arbeitsgötzen geopfert, sondern die Klasse der Kapitalisten, Rentiers, Börsianer, Pfaffen, Hausbesitzer etc., die vom Mehrwert leben, war gemeint! Und dagegen hat die »KRISIS« doch wohl auch etwas! – Richtig hingegen die Feststellung: »Am Ende des 20. Jahrhunderts haben sich alle ideologischen Gegensätze nahezu verflüchtigt. Übrig geblieben ist das gnadenlose gemeinsame Dogma, die Arbeit sei die natürliche Bestimmung des Menschen.«. Dies Anliegen hat sich in Deutschland der DGB besonders zu Herzen genommen. – Er kann und will sich offenbar eine Welt ohne Ausbeutung nicht vorstellen und fordert deswegen im »Bündnis für Arbeit« entsprechende Maßnahmen für ... natürlich »die Schaffung von Arbeitsplätzen«. Wie diese dann aussehen und wie dann die Arbeitsbedingungen an ihnen, allg. gesagt: das Verhältnis von Lohn zu Leistung, aussehen, ist dann leider nicht zu ändern (siehe das neueste Beispiel für 5000 neue Arbeitsplätze bei VW).

In »5. Arbeit ist ein gesellschaftliches Zwangsprinzip« kommt die manchmal seltsam anmutende Bestandsaufnahme dann wieder auf den Boden, wenn zwischen Tätigkeit (allg.) und Arbeit (als besondere historische Form) unterschieden wird und festgestellt wird: »Nicht selbstverständlich aber ist, daß die menschliche Tätigkeit schlechthin, die pure ´Verausgabung von Arbeitskraft´, ohne jede Rücksicht auf ihren Inhalt, ganz unabhängig von den Bedürfnissen und vom Willen der Beteiligten, zu einem abstrakten Prinzip erhoben wird, das die sozialen Beziehungen beherrscht.« Und »In der Sphäre der Arbeit zählt nicht, was getan wird, sondern daß das Tun als solches getan wird, denn die Arbeit ist gerade insofern ein Selbstzweck, als sie die Verwertung des Geldkapitals trägt ... Nur deshalb, nicht aus sachlichen Gründen, werden alle Produkte als Waren produziert.«, was eben das besondere Merkmal kapitalistischer Lohnarbeit ist.

In »6. Arbeit und Kapital sind die beiden Seiten derselben Medaille« übersieht das Manifest in seinem Eifer, die menschenverachtende Hydra des Kapitalismus zu denunzieren, u.E., was Sozialisten und Kommunisten seit dem frühen 19. Jahrhundert bewegt hat. – Das, was das Manifest immer mit dem Begriff »Arbeit« belegt - die unsägliche Mühe und Plackerei für die Verwertung des Kapitals – wollten sie abschaffen! Eine SPD, die sich unter Ebert, Scheidemann und Noske zu einer demokratischen, staatstragenden Partei gewandelt hat, will davon schon seit langem nichts mehr wissen. Ebensowenig wie nach der Oktoberrevolution Stalin + Konsorten, die in ihrem sozialistischem Laden die Werktätigen zwar nicht für´s Kapital, aber für den Aufbau des Sozialismus antreten ließen und dafür ausgerechnet Geldgrößen – Lohn und Prämien – als Stimulantien vorsahen.

All das, was das Manifest vermißt und anklagt, daß der »qualitative Inhalt der Produktion«

etc. beim Kampf um Löhne und Arbeitsplätze nicht interessiert - »Klassenkampf ... gehörte der inneren Bewegungsdynamik der Kapitalverwertung an« – würde eine klassenbewußte Arbeiterklasse in ihren Kampf sofort mit einschließen; denn materielle Interessen hören doch nicht bei hohen Löhnen auf, wenn die Arbeit oder eine verpestete Umwelt ein Leben ohne gesundheitliche Schäden verunmöglicht. Nicht aber ein DGB, der bei allem Tariftheater nie das Wohl der deutschen Wirtschaft aus dem Auge verliert, wenn er mit maßvollen Tarifabschlüssen die nicht wegrationalisierten Arbeitsplätze wieder mal gerettet hat.

Auch mit der Feststellung, daß »die Kapitalisten und Manager die Gesellschaft (ebensowenig) nach der Bösartigkeit eines subjektiven Ausbeuterwillens steuern« rennt die KRISIS bei halbwegs an Marx Gebildeten offene Türen ein. Z.B. »Das Kapital ist daher rücksichtslos gegen Gesundheit und Lebensdauer des Arbeiters. ... Im großen und ganzen hängt dies aber auch nicht vom guten oder bösen Willen des einzelnen Kapitalisten ab. Die freie Konkurrenz macht die immanenten Gesetze der kapital. Produktion dem einzelnen Kapitalisten gegenüber als äußerliche Zwangsgesetze geltend.« (Marx: KI, S.285/286)

Wenn gesagt wird »10. Die Arbeiterbewegung war eine Bewegung für die Arbeit«, so gilt auch hier wieder, ausgehend von Marx (»Produktiver Lohnarbeiter zu sein, ist kein Glück sondern ein Pech.«) dem entgegenzuhalten, daß das Ziel das Ende der Schinderei und Ausbeutung war. – Andererseits sind Bemerkungen erfrischend, wie die Folgenden: »Denn in der Demokratie wird alles verhandelbar, nur nicht die Zwänge der Arbeitsgesellschaft, die vielmehr axiomatisch vorausgesetzt sind« oder: »Demokratie ist das Gegenteil von Freiheit.«

In »12. Das Ende der Politik« wird behauptet, »Die transnationalen Konzerne zwingen die um Investitionen konkurrierenden Staaten zum Steuerdumping, Sozialdumping und Ökodumping.« Bleibt zu fragen, worin der Zwang besteht. Die Staaten richten doch vielmehr in freier Entscheidung ihre Gesellschaften zu Anlagesphären des Kapitals ein. – Wenn man dann weiter liest: »In einem weiter fortgeschrittenen Stadium zerfällt die Staatsverwaltung überhaupt. Die Staatsapparate verwildern zu einer korrupten Kleptokratie, das Militär zu Mafia-Kriegsbanden, die Polizei zu Wegelagerern.«, fragt man sich, ob die KRISIS ihren Bildungsurlaub in Jelzins Rußland verbracht hat.

Was sonst noch aufgefallen ist – wiederum erfrischend: »Selbst noch das Vögeln orientiert sich an Din-Normen der Sexualforschung und an Konkurrenzmaßstäben der Talk-Show-Prahlereien.« (in Punkt 14)

II Die Ziele des Manifests (in Punkt 15 – 18)

»Eine Wiedergeburt radikaler Kapitalismuskritik setzt den kategorialen Bruch mit der Arbeit voraus. Erst wenn ein neues Ziel der sozialen Emanzipation jenseits der Arbeit und ihrer abgeleiteten Fetisch-Kategorien (Wert, Ware, Geld, Staat, Rechtsform, Nation, Demokratie usw.) gesetzt wird ...«, sind auch immanente Interessenkämpfe richtig zu führen. Aber ...

»Bis jetzt drückt sich die Linke vor dem kategorialen Bruch mit der Arbeitsgesellschaft.«, was doch wohl daran liegt, daß diese Linke den Bruch gar nicht für erstrebenswert hält!... »An die Stelle des kategorialen Bruchs tritt die sozialdemokratische und keynsianische Nostalgie.« –

Wäre es da nicht besser die Teile der »Linken«, auf die diese Kritik zutrifft (wohl Lafontaine + Co.), rechts liegen zu lassen und mit dem Rest weiter zu machen, im Sinne des folgenden Zitats:

»Die Gegner der Arbeit werden deshalb die Bildung weltweiter Verbünde frei assoziierter Individuen anstreben, die der leerlaufenden Arbeits- und Verwertungsmaschine die Produktions- und Existenzmittel entreißen und sie in die eigene Hand nehmen ... Die Voraussetzung dafür ist die Kontrolle neuer sozialer Organisationsformen (freie Assoziationen, Räte) über die gesamtgesellschaftlichen Bedingungen der Reproduktion.«

Die wünschenswerten Klarstellungen dieses Programms werden mitgeliefert:

»Wir sagen nicht, daß jede Tätigkeit dadurch zum Genuß wird ... Natürlich gibt es immer Notwendiges, das getan werden muß....«, woraus folgt: »Muße, notwendige Tätigkeit und freigewählte Aktivitäten müssen in ein sinnvolles Verhältnis gebracht werden.« Und wieder sehr erfrischend: »Aber zivilisatorische Standards sind nicht mehr mit der demokratischen Politik zu verteidigen, sondern nur noch gegen sie.«, sowie: »Untrennbar sind Staat und Politik der Moderne mit dem Zwangssystem der Arbeit verquickt und deshalb müssen sie zusammen mit diesem verschwinden.«

Bei dem Ziel des »Vereins freier Menschen« sind Marxisten sofort dabei: für eine Welt ohne Geld, also ohne Banken und Börsen, und ohne Werbung sowie Medienrummel, und ohne Staat, Militär und Kirchen – also die kommunistische Gesellschaft, in der alle Arbeitsfähigen, ausgenommen Kranke, Alte und Junge, ca. 2 – 4 Stunden täglich die notwendige Arbeit ohne Arbeitshetze, Nacht- und Schichtarbeit verrichten würden. Und die es ermöglichen würde, vielleicht in 10 bis 20 Jahren das Elend in der 3. Welt mit funktionierenden Ökonomien zu beseitigen. – Was sicher nicht ohne Schwierigkeiten abgehen wird, aber diese Schwierigkeiten sind uns allemal lieber als die Zwänge der demokratischen Marktwirtschaft!

Bei allen inhaltlichen Differenzen greifen wir ein Wort von Kurz & Co auf: »Aber letzten Endes geht es um die inhaltliche Klärung«, was auch dem Motto des Streitblatts entspricht. (red.)


Streitblatt - webmaster@streitblatt.de - Letzte Änderung: 14. Mai 2000.