Einfache Reproduktion

V-IX

 

5. Das vorgeschossene Kapital fließt immer in Geldform zurück. Individuelle Kapitalisten ziehen mehr Geld aus der Zirkulation, als sie in sie hineinwerfen; sie müssen als Individuen aber auch unproduktiv konsumieren. »Mit Bezug auf die ganze Kapitalistenklasse erscheint aber der Satz, daß sie das Geld zur Realisation ihres Mehrwerts (resp. auch zur Zirkulation ihres Kapitals, konstanten und variablen) selbst in die Zirkulation werfen muß, nicht nur nicht paradox, sondern als notwendige Bedingung des ganzen Mechanismus« (S.419)

6.Der konstante Kapitalteil befindet sich in einer Naturalform, in der er unmittelbar wieder als konstantes Kapital fungieren kann. Ein andren Teil muss erst gegen Abteilung II ausgetauscht werden, um zur Konsumtion dienen zu können. Freilich muss Austausch zwischen einzelnen Kapitalisten der Abteilung I stattfinden.

7.Das Wertprodukt eines Jahres ist gleich dem Wert der produzierten Konsumtionsmittel. Der Wert der Konsumtionsmittel ist aber nicht in Abteilung II produziert worden. (Der Wert der in die Konsumtionsmittel eingegangenen Produktionsmittel ist in Abteilung I erzeugt worden.)

8.Produktions- und Konsumtionsmittel sind verschiedene Warenarten und darum Produkte unterschiedlicher Arbeiten. Der Teil m + v zeigt sich, da er sich in Konsumtionsmittel darstellt, vom konstanten Kapital, dass sich in Produktionsmitteln darstellt augenfällig verschieden. Aber auch letzteres muss reproduziert werden.

Das Produkt eines individuellen Kapitalisten kann jede beliebige Naturalform haben. »Anders verhält es sich mit dem Produkt des gesellschaftlichen Gesamtkapitals. Alle sachlichen Elemente der Reproduktion müssen in ihrer Naturalform Teile dieses Produkts selbst bilden.« (S.430)

9. Der Blick auf die gesellschaftliche Totalität als Unmittelbares, ohne Berücksichtigung der kapitalistischen Formbestimmungen hat zu Fehlurteilen geführt. So verschwindet, gesellschaftlich betrachtet, bei Smith das konstante und bei Ramsay das variable Kapital ganz aus dem Blickfeld.

 

(5.a)   Zum Schema des Austauschs zwischen I und II siehe 20/III (S.401) und 20/IV (S.404ff)

(5.b)   Nur bei den Kapitalisten IIa fließt das vorgeschossene variable Kapital unmittelbar zurück. Das Kapital muss aber generell zu den Kapitalisten zurückfließen, die es vorgeschossen haben. (Wenn Geldkapitalisten industriellen Kapitalisten Kapital vorschließen, dann muss es endlich auch in Geldform zu ihnen zurückfließen. Dieser Rückfluss geschieht über die Geldzirkulation.

(5.c)   Eine Hauptrolle in der Geldzirkulation spielt das vorgeschossene variable Kapital. Der Arbeiter kann seinen Lohn in der Regel nicht oder nur in kleinen Teilen aufsparen; wesentlich mehr als seine Lebensmittel kann er sich ohnehin nicht leisten; das variable Kapital zirkuliert also besonders schnell und macht darum einen großen Teil der Gesamtzirkulation aus.

(5.d)   Je nach Umlaufgeschwindigkeit kann das zirkulierende Kapital unterschiedliche Warenmassen umsetzen:

Abteilung I

Abteilung II

Kapitalisten schießen € 1000 variables Kapital vor; die Arbeiter kaufen damit Lebensmittel

 

 

Kapitalisten nehmen € 1000 ein und kaufen damit Produktionsmittel

Kapitalisten nehmen € 1000 ein; ihr vorgeschossenes Kapital ist zurückgekehrt

 

 

Kapitalisten schließen € 500 für Produktionsmittel vor

Kapitalisten nehmen € 500 ein und verausgaben sie für Lebensmittel

 

 

Kapitalisten nehmen € 500 ein und verausgaben sie für Produktionsmittel

Kapitalisten nehmen € 500 ein und verausgaben sie für Lebensmittel

 

 

Kapitalisten nehmen € 500 ein; ihr Vorschuss ist zurückgeflossen.

 

Es zirkulieren also im Beispiel

a)      an Geldkapital € 1000 (von I vorgeschossen) + € 500 (von II vorgeschossen)

b)      Waren im Wert von € 5000:

                                                                        i.     Arbeitskraft für € 1000

                                                                       ii.     Lebensmittel für € 1000

                                                                      iii.     Produktionsmittel für € 1000

                                                                      iv.     2 • € 500 für Produktionsmittel

                                                                       v.     2 • € 500 für Lebensmittel

 

(5.e)   Resultat der Geldzirkulation:

i)       Das Geldkapital ist zu Kapital I zurückgeflossen

ii)      Kapital I hat seinen individuellen Konsum durch Verkauf seiner Waren bestritten

iii)     Die Naturalform des variablen Kapitals – die Arbeitskraft – ist reproduziert und damit das »Verhältnis von Lohnarbeitern und Kapitalisten«

iv)     Das Kapital II hat sein konstantes Kapital in Naturalform ersetzt

v)      Das vorgeschossene Geldkapital ist auch zu den Kapitalisten II zurückgeflossen.

 

(5.f)    Welche Kreisläufe finden statt?

vi)     Arbeiter I:  W–G–W

vii)   Kapitalisten II: W–G

Sie verkaufen ihre Waren, um mit dem Geld neue Produktionsmittel zu kaufen. Wenn sie Geld vorschließen, dann antizipieren sie diese Verkäufe.

Außerdem:  W–G

Verwandlung des Gelds in produktives Kapital

viii)  Kapitalisten I: W–G

Diese Bewegung findet aber außerhalb der Kapitalzirkulation statt.

 

(5.g)   Wie wird der Mehrwert versilbert?

Das Kapital I zieht mehr Geld aus der Zirkulation als es in die Zirkulation hineinwirft. Die Kapitalisten versilbern ihren Mehrwert aber nicht nur, sie konsumieren ihn auch; sie werfen also Geld in die Zirkulation, um Waren zu erhalten. Der Kapitalist »gibt das Geld immer nur weg gegen ein Äquivalent« (S. 419)

Zur Vermittlung der Warenzirkulation ist allerdings zusätzliches Geldkapital nötig, das entweder von den Kapitalisten I (Beispiel S.417) oder II (Beispiel S.414) vorzuschießen ist. Mit jeder verkauften Ware wird Mehrwert realisiert.

 

(5.h)   Das Verständnis der Geldzirkulation wird durch zwei Umstände erschwert:

ix)     Das Handels- und Geldkapital verdeckt, dass es letztlich immer die produktiven Kapitalisten sind, die das Geld vorschießen

x)      Die Spaltung des Mehrwerts in Profit, Zins und Grundrente lässt den Schein zu, der Mehrwert würde durch Käufe der Grundbesitzer und Finanzkapitalisten versilbert.

 

(6)   Ic besteht in seiner Naturalform aus Produktionsmitteln. Es bleibt in Abteilung I und ersetzt das dort verbrauchte konstante Kapital.

»Das ganze Produkt der Abteilung I besteht aus Gebrauchswerten, die ihrer Naturalform nach - bei kapitalistischer Produktionsweise - nur als Elemente des konstanten Kapitals dienen können.« (S.421)

Die ganze Schwierigkeit kommt dadurch zustande, dass die Wertverhältnisse innerhalb der einzelnen Abteilungen abgestimmt sein müssen auf Größenverhältnisse zwischen diesen Abteilungen. Die Unterscheidung c–m–v muss die zwischen Produktionsmittel-, Konsumtionsmittel- und Luxusgüterproduktion entsprechen.

Damit haben »Stellenwechsel« innerhalb der Abteilung I, die natürlich vorkommen, nichts zu tun. (Dass Marx das an einer gesellschaftlichen Produktionsweise veranschaulicht, ist eher irreführend, weil in gesellschaftlicher Produktion der Stellenwechsel zwischen den Abteilungen ebenso ablaufen würde.)

 

(7.a) In der einfachen Reproduktion entspricht der Wert der Konsumtionsmittel dem jährlichen Warenprodukt: II = IIv + IIm + Iv + Im

»Der Totalwert der während des Jahrs produzierten Konsumtionsmittel ist also gleich dem Totalwert, den der totale gesellschaftliche Arbeitstag während des Jahrs produziert« (S.423)

Der Gesamtwert ist aber nicht in diesen Abteilungen produziert worden, sondern IIc = Im + Iv.

Daher ist der Wert des Gesamtprodukts gesellschaftlich darstellbar in v + m.

Der Fehler von A. Smith war, die Waren an sich in v + m aufzulösen: Diese Darstellung ist aber (a) nur für Konsumtionsmittel möglich und (b) nur wegen der Vermittlung durch die Abteilung I; die Auflösung gilt also gerade nicht in II für sich.

(7.b) Der gesellschaftliche Arbeitstag zerfällt in notwendige Arbeit und Mehrarbeit, der produzierte Wert daher in variablen Kapitalwert und Mehrwert. Dennoch wird ein Teil des gesellschaftlichen Arbeitstages ausschließlich zur Produktion von Gütern aufgewendet, die als konstantes Kapital fungieren.

Auflösung: Es wird kein Wert geschaffen, u das konstante Kapital zu reproduzieren. Vielmehr  wird der Wert des verbrauchten konstanten Kapitals auf die neu produzierten Waren übertragen. In den neu produzierten Produktionsmitteln steckt zwar auch neu geschaffener Wert, sie sind aber noch kein konstantes Kapital. Und sie können nur als konstantes Kapital fungieren wenn sie sich (teilweise) mit Abteilung II austauschen: »2/3 des gesellschaftlichen Arbeitstags dieses Jahrs könnten nicht in der Produktion von konstantem Kapital verwandt werden und doch zugleich variablen Kapitalwert plus Mehrwert für ihre eignen Produzenten bilden, wenn sie sich nicht mit einem Wertteil der jährlich konsumierten Konsumtionsmittel auszutauschen hätten, worin 2/3 eines vor diesem Jahr, nicht innerhalb desselben verausgabten und realisierten Arbeitstags steckten.« (S.426)

Das Produkt von II ist Resultat lebendiger Arbeit (und von Produktionsmitteln); sein Wert zerfällt in neu geschaffenen und übertragenen Wert. Das Gesamtprodukt ist Resultat der diesjährigen Arbeit, sein Wert enthält aber auch vergangene Arbeit.

 

(8.a) Im Wert des Gesamtprodukts ist mehr als nur ein gesellschaftliches Arbeitsjahr enthalten. entsprechend dem konstanten Kapital enthält es vergegenständlichte vergangene Arbeitsjahre.

»Die Schwierigkeit besteht also nicht in der Analyse des gesellschaftlichen Produktenwerts selbst. Sie entspringt bei Vergleichung der Wertbestandteile des gesellschaftlichen Produkts mit seinen sachlichen Bestandteilen« (S.428)

(8.b) »Der ganze jährliche Gesamtarbeitstag, dessen Wertausdruck = 3.000, scheint verausgabt in der Produktion von Konsumtionsmitteln = 3.000, in denen kein konstanter Wertteil wiedererscheint, da diese 3.000 = 1.500v + 1.500m sich nur in variablen Kapitalwert + Mehrwert auflösen. Andrerseits erscheint der konstante Kapitalwert = 6.000 wieder in einer von den Konsumtionsmitteln ganz verschiednen Produktenart, den Produktionsmitteln, während doch kein Teil des gesellschaftlichen Arbeitstags in der Produktion dieser neuen Produkte verausgabt scheint; dieser ganze Arbeitstag scheint vielmehr nur aus den Arbeitsweisen zu bestehn, die nicht in Produktionsmitteln, sondern in Konsumtionsmitteln resultieren.« (S.428)

Dieser Schein entsteht nur, weil dem konstanten Kapital IIc genau Iv + Im entsprechen muss.

(8.c) Beim Einzelkapital kommt ein solcher Schein nicht zustande. Beim gesellschaftlichen Produkt jedoch stellt sich der konstante Wertteil in einer eigenen Produktenart dar – und der konstante Wertteil der Konsumgüter als m + v der Abteilung I.

(8.d) Das Produkt eines individuellen Kapitals hat beliebige Naturalform. Die Elemente, aus denen sich das Gesamtkapital reproduziert müssen dagegen Teil seines Produkts sein. »Einfache Reproduktion vorausgesetzt, muß daher der Wert des Teils des Produkts, der aus Produktionsmitteln besteht, gleich dem konstanten Wertteil des gesellschaftlichen Kapitals sein.« (S.430)

(8.e) Individuell produziert der Kapitalist nur sein variables Kapital und Mehrwert. Gesellschaftlich betrachtet produziert ein Teil des Arbeitstags nichts als konstantes Kapital.

(8.f) Man darf über der ökonomischen Totalität  nicht den spezifischen Charakter vergessen, also die notwendigen Bestandteile der kapitalistischen Ökonomie, und sie so behandeln, als würde gesellschaftliche produziert.

 

(9.a) In der Folge dieses Missverständnisses hat Smith behauptet, dass die Konsumenten den Produzenten den ganzen Produktenwert bezahlen müssen. Das gilt aber nur für die Konsumtions- nicht für die Produktionsmittel; darum gilt die Aussage gesellschaftlich nicht.

(9.b) Der konstante Kapitalwert wird z.T. durch Austausch der Kapitalisten I mit den Kapitalisten II ersetzt. Daraus folgt aber nicht, dass sich Kapital und Revenue entsprechen würden. Vielmehr bildet vor und nach dem Austausch ein Teil Revenue, während der andere nur konstantes Kapital ersetzt.

(9.c) »Wenn wir den Wert des Gesamtprodukts = 9.000 einteilen in 6.000c + 1.500v + 1.500m und die 3.000(v+m) nur in ihrer Eigenschaft als Revenue betrachten, so scheint umgekehrt das variable Kapital zu verschwinden und das Kapital, gesellschaftlich betrachtet, nur aus konstantem Kapital zu bestehn.« (S. 434)

Das passiert z.B. bei Ramsay, der variables und konstantes Kapital mit fixem und zirkulierendem verwechselt, genauer mit Lebensmitteln und Arbeitsmitteln, die einen ganz bestimmten Wert haben und darum keinen Mehrwert produzieren können.