Einfache Reproduktion

I-IV

Zusammenfassung

1. Die Reproduktion des individuellen Kapitals (Ersatz der Produktionsmittel und Reproduktion des Klassenverhältnisses) war Gegenstand von KI-21; der Einfluss des Zirkulationsprozesses auf die Akkumulation wurde in KII-17 untersucht.

Aus dem Jahresprodukt wird der Konsum und der Ersatz der Produktionsmittel bestritten. Der Reproduktionsprozess »umschließt ebensowohl die Reproduktion (d.h. Erhaltung) der Kapitalistenklasse und der Arbeiterklasse, daher auch die Reproduktion des kapitalistischen Charakters des gesamten Produktionsprozesses« (S.391)

2. Das gesellschaftliche Gesamtprodukt zerfällt in Produktionsmittel (Abteilung I) und Konsumtionsmittel (Abteilung II). Das Kapital jeder Abteilung zerfällt in variables und konstantes.

3. Der in Abteilung I neu geschaffene Wert muss genauso hoch sein, wie der in Abteilung II übertragene konstante Kapitalwert. Arbeitslohn und Mehrwert der Abteilung I müssen sich umsetzen in das Warenprodukt der Abteilung II. Abteilung II muss – um sein konstantes Kapital ersetzen zu können – Konsumtionsmittel gegen m und v der Abteilung I umsetzen. Daher ist vI + mI = cII.

Der wechselseitige Umsatz wird durch die Geldzirkulation vermittelt und verdunkelt.

4. Abteilung II produziert Lebensmittel (IIa) und Luxusgüter (IIb; hier: Güter, die nur in die unproduktive Konsumtion der Kapitalisten eingehen). Sie stehen in einem bestimmten Verhältnis zueinander. Der Anteil der Luxuskonsumtion ist beliebig; in entsprechendem Verhältnis muss sich der Mehrwert aus Ia in Konsumtionsausgaben aus IIb (Arbeitslohn und der Mehrwertteil, der nicht in Luxusproduktion eingeht).

5. Das vorgeschossene Kapital fließt immer in Geldform zurück. Individuelle Kapitalisten ziehen mehr Geld aus der Zirkulation, als sie in sie hineinwerfen; sie müssen als Individuen aber auch unproduktiv konsumieren. »Mit Bezug auf die ganze Kapitalistenklasse erscheint aber der Satz, daß sie das Geld zur Realisation ihres Mehrwerts (resp. auch zur Zirkulation ihres Kapitals, konstanten und variablen) selbst in die Zirkulation werfen muß, nicht nur nicht paradox, sondern als notwendige Bedingung des ganzen Mechanismus« (S.419)

Diskussion

               I.     [Tableau économique des gesamten Reproduktionsprozesses] Wie könnte man die Geldzirkulation einbeziehen? Warum fehlt der fixe Kapitalbestandteil? Wie würde die Berücksichtung der Unterabteilungen von Abteilung II aussehen?

              II.     »Was hier willkürlich ist, sowohl für I wie für II, ist das Verhältnis des variablen Kapitals zum konstanten, wie die Dieselbigkeit dieses Verhältnisses für I und II und für ihre Unterabteilungen. Was diese Dieselbigkeit angeht, so ist sie nur der Vereinfachung wegen hier angenommen, und die Annahme verschiedner Verhältnisse würde absolut nichts ändern an den Bedingungen des Problems und an seiner Lösung.« (S.406)

Beispiel mit unterschiedlichen Verhältnissen von c/(v+m)?

            III.     Bedingungen der einfachen Reproduktion:[1]

a)      I(v+m) = II

Produktionsmittel werden innerhalb I und Konsumtionsmittel innerhalb II ohne Vermittlung durch die jeweils andere Abteilung umgesetzt. Danach sind noch Konsumgüter im Wert von IIc unrealisiert; in genau diesem Wert müssen die Kapitalisten von II neue Produktionsmittel kaufen. Ebenso sind noch Produktionsmittel im Wert von I(m+v) zu realisieren (das kann bei gleichbleibender Produktion nicht aus Im geschehen).

b)      IIbv < IIam

Die Arbeiter aus IIb verausgaben ihren Lohn in Konsumgütern. Wie kommt dann aber das vorgeschossene variable Kapital zu den Kapitalisten von IIb zurück und wie realisiert sich die Warenmasse von IIb? Der Austausch mit I ist schon erledigt. Die Arbeiter aus Abteilung IIa kaufen keine Luxusgüter. Es müssen daher Luxusgüter im Wert von IIbv von den Kapitalisten aus IIa verzehrt werden und da dies nur aus dem Mehrwert geschehen kann, darf IIbv nicht größer als IIam sein (tatsächlich kaufen die Kapitalisten IIa mehr Luxusgüter als IIbv, weil die Kapitalisten IIb nicht ihren Gesamtmehrwert in Luxusgüter umsetzen – aber IIbv ist die Mindestsumme).

Die einzelnen Kapitalisten können natürlich von diesem Verhältnis abweichen.

           IV.     Eine Folge der Bedingung IIIb ist, dass in Abteilung IIb zwar produktive Konsumtion und Mehrwertproduktion stattfindet, aber nur unter der Voraussetzung, dass Kapitalisten aus IIa einen Teil ihres Mehrwerts ›verschwenden‹. Anders ausgedrückt: Die Arbeiter IIb kommen nur durch die Verschwendung der Kapitalisten Ia an ihre notwendigen Lebensmittel.

             V.     Die Auseinandersetzung mit Adam Smith (S.407f) verdeutlicht, wie notwendig es war, die Analyse der kapitalistische Ökonomie mit den einfachsten Bestimmungen zu beginnen und sich dann nach und nach zu den vermittelteren Kategorien vorzuarbeiten. Damit konnte der Wert der Waren bestimmt werden und kann jetzt in der Zirkulation die Reproduktion des Gesamtkapitals untersucht werden. Smith dagegen ‑ wohl weil er die schon vermittelte Erscheinungsform der Zirkulation als unmittelbare missverstanden hatte – brachte Wertproduktion und materielle Reproduktion durcheinander und löste den Wert der Ware in die Kapitalteile auf, in die sie umgesetzt werden.[2]

Ohne damit eine bestimmte ›Methode‹ herbeizuphantasieren (eine andere als die Methode der Sache als »die einig wahrhafte, mit dem Inhalt identische« (Hegel)), zeigt sich, wie unmöglich es ist, die gesellschaftliche Totalität als unmittelbare zu betrachten: Nicht weil diese Totalität nur einer bestimmten, vom abstrakten zum konkreten aufsteigenden Methode zugänglich wäre, sondern weil diese Totalität eben eine vermittelte ist, die, wenn man sie als unmittelbare behandelt, ihre eigenen Voraussetzungen setzt (und damit unter kapitalistisch-fetischierten Bedingungen die reale Verdinglichung als naturgegebene erscheint). Damit ist kein Begreifen und keine Kritik mehr möglich, sondern nur mehr ein arrangieren mit dem metaphysisch verklärten Seienden, das nicht mehr wie von Hegel als Produkt (und das ›reine‹ Sein als Nichts) aufgefasst wird, sondern als schwer komplexes und letztlich unbegreifbares Seiendes, das Heideggersche unmittelbare Eigentliche.

Es ist darum kein Zufall, dass jedes Festhalten am unmittelbaren Gefühl (seis der moralischen Entrüstung, seis der Innerlichkeit) gegenüber der Reflexion stets reaktionär ausfällt und der Reproduktion des Bestehenden dient: Ohne den Vermittlungsprozess zu begreifen, der vor dem Bestehenden liegt, kann ich auch dessen Voraussetzung nicht als falsche, von ihm selbst gesetzte begreifen. So erzeugt jede unmittelbare, authentische, gefühlsmäßige ›Bewegung‹ mit Notwendigkeit Globalisierungsgegner, Anti-AKW-Aktivisten und Antisemiten, die jeweils das bekämpfen, was mit ihrer unmittelbaren gefühlsmäßigen Verfasstheit nicht übereinstimmt.

           VI.     Im Krisenfall kommt es nun zu einer zusätzlichen Schwierigkeit. Nicht nur dass es generell schwieriger wird, Waren abzusetzen und damit ihren Wert zu realisieren und die Reproduktion zu ermöglich; jetzt geht diese Schwierigkeit auch noch mit Verschiebungen zwischen den Abteilungen einher (die wie die Bedingungen IIIa und IIIb zeigten nicht unabhängig voneinander sind): in Prosperitätsperioden steigt der Konsum von Luxusgütern und in Krisen nimmt sie ab.

          VII.     Diese Abstimmungsprobleme zwischen den Abteilungen sind aber nicht die Ursachen der Krisen: »Es ist eine reine Tautologie zu sagen, daß die Krisen aus Mangel an zahlungsfähiger Konsumtion oder an zahlungsfähigen Konsumenten hervorgehn. Andre Konsumarten, als zahlende, kennt das kapitalistische System nicht … Daß Waren unverkäuflich sind, heißt nichts, als daß sich keine zahlungsfähigen Käufer für sie fanden, also Konsumenten (sei es nun, daß die Waren in letzter Instanz zum Behuf produktiver oder individueller Konsumtion gekauft werden). Will man aber dieser Tautologie einen Schein tiefrer Begründung dadurch geben, daß man sagt, die Arbeiterklasse erhalte einen zu geringen Teil ihres eignen Produkts, und dem Übelstand werde mithin abgeholfen, sobald sie größern Anteil davon empfängt, ihr Arbeitslohn folglich wächst, so ist nur zu bemerken, daß die Krisen jedesmal gerade vorbereitet werden durch eine Periode, worin der Arbeitslohn allgemein steigt und die Arbeiterklasse realiter größern Anteil an dem für Konsumtion bestimmten Teil des jährlichen Produkts erhält.« (S.409)

        VIII.     Die einfache Reproduktion entspricht insofern nicht dem Begriff des Kapitals, als die einfache Reproduktion auf den Konsum angelegt, Zweck des Kapitals aber die Selbstverwertung von Wert ist. Allerdings, und das rechtfertigt die Marxsche Abstraktion, ist die einfache Reproduktion wesntlicher Bestandteil auch der erweiterten, als sie voraussetzt, dass zunächst einmal die materiellen Bedingungen ihrer Produktion erhalten werden, bevor sich das Kapital auf erweiterter Stufenleiter reproduziert.



[1] »Selbstredend gilt dies nur, soweit alles dies wirklich ein Resultat des Reproduktionsprozesses selbst ist, also soweit nicht z.B. die Kapitalisten IIb Geldkapital für v durch Kredit anderweitig aufnehmen. Quantitativ dagegen können die Umsetzungen der verschiednen Teile des Jahresprodukts nur so proportionell stattfinden wie oben dargestellt, soweit Stufenleiter und Wertverhältnisse der Produktion stationär bleiben und soweit diese strengen Verhältnisse nicht alteriert werden durch den auswärtigen Handel.« (S.407)

[2] » Der Gebrauch, den der individuelle Käufer von seiner Ware macht, fällt nicht in den Warenaustausch, in die Zirkulationssphäre, und berührt nicht den Wert der Ware. Dies wird in keiner Weise dadurch anders, dass bei Analyse der Zirkulation des jährlichen gesellschaftlichen Gesamtprodukts die bestimmte Gebrauchsbestimmung, das Moment der Konsumtion der verschiednen Bestandteile jenes Produkts in Betracht kommen muss.« (S.407f)