Reproduktion und Zirkulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals

Frühere Darstellungen

(1)    Die Physiokraten, insbesondere Quesnay in seinem ›tableau économique‹, stellten zum ersten Mal den Zusammenhang zwischen der individuellen Produktion und der gesellschaftlichen Reproduktion dar.

a)     Quesnay stellte fest, dass das nicht das ganze Gesamtprodukt verteilt und verzehrt wird, sondern zum Teil in seiner alten Naturalform wieder erscheint und nicht zirkuliert.

In der kapitalistischen Produktion wird für den Austausch produziert und nicht für den Eigenbedarf, noch nicht einmal der Produktionsmittelbesitzer (es ist also gleich, ob man die unmittelbare Produktion und die Aneignung der Produkte betrachtet). Es wird andrerseits aber auch nicht nach Plan produziert. Zur Reproduktion muss das gesellschaftliche Gesamtprodukt verteilt werden – und dieser Verteilung geschieht in der Zirkulation.

► An dieser Stelle, kann man wieder einmal Bemerkungen machen über die ›Verteilungsgerechtigkeit‹, über das Lob des Verteilungsmechanismus ›Markt‹ usf.

Die entscheidende Sache, die Quesnay trifft, ist die, dass ein Teil des Gesamtprodukts Kapitalwert ist, der in seiner alten Naturalform wieder erscheint und nicht zirkuliert.

► Bei den Physiokraten bleibt ein Teil der Ernte für die nächste Aussaat physikalisch beim Pächter und zirkuliert gar nicht erst. Im entwickelten Kapitalismus ist natürlich auch das in seiner alten Naturalform wiedererscheinende Kapital durch die Zirkulation vermittelt. Der springende Punkt hier ist aber die Reproduktion des konstanten Kapitals.

Er kommt zu dieser Erkenntnis, weil er die Agrikultur betrachtet, in der sich der ökonomische mit dem natürlichen Reproduktionsprozess verschlingt. Als Ausgangspunkt für weitere Überlegungen taugt das tableau économique nur deshalb, weil der Ackerbau als kapitalistisch betrieben dargestellt wird (Pächter und Grundherren).

b)     Adam Smith reproduziert die Irrtümer der Physiokraten.[1]

Wie die Physiokraten verwechselt Smith Wert und Gebrauchswert. Arbeiter, Arbeitsvieh und ›die Natur‹ sind gleichermaßen an der Wertproduktion beteiligt.

»Im Ackerbau arbeitet auch die Natur neben den Menschen; und obgleich ihre Arbeit keine Auslage kostet, so hat ihr Produkt doch seinen Wert, ebensogut wie das der kostspieligsten Arbeiter.« (Smith, nach Marx, S.361)

Und damit unterscheidet sich nach Smith (wie nach den Physiokraten) die Landwirtschaft von der Manufaktur, in der nur der Arbeiter Wert schafft.

c)      »Die Borniertheit liegt hier darin, daß Smith nicht, wie schon Quesnay, Wiedererscheinung des Werts von konstantem Kapital in erneuter Form, also wichtiges Moment des Reproduktionsprozesses sieht, sondern nur eine Illustration mehr, und noch dazu eine falsche, für seine Differenz von zirkulierendem und fixem Kapital.« (S.362)

(2)     

(2.1)

i)       Wie sieht Smith die gesellschaftliche Reproduktion? Der Preis der Ware und damit auch das gesellschaftliche Gesamtprodukt wird in Arbeitslohn, Profit und Grundrente aufgelöst. Das Gesamtprodukt selbst unterscheidet Smith in Brutto- und Nettoeinkommen (nach Abzug der Erhaltungskosten). »Ein Wertteil des individuellen wie des gesellschaftlichen Produkts löst sich also weder in Arbeitslohn, noch in Profit oder Bodenrente auf, sondern in Kapital.« (S.363) – er »flüchtet aus seiner eignen Theorie« (ebd.).

ii)      Im Bruttoprofit sieht Smith die notwendigen Kapitalauslagen einbegriffen. »Was die Auslage für die ›Erhaltung‹ des fixen Kapitals etc. angeht (siehe die oben zitierten Stellen), so bildet der Ersatz des konsumierten fixen Kapitals durch neues keine neue Kapitalanlage, sondern ist nur die Erneuerung des alten Kapitalwerts in neuer Form.« (S.364)

iii)     »A. Smith stößt hier auf eine sehr wichtige Unterscheidung zwischen den Arbeitern, die in der Produktion von Produktionsmitteln, und denen, die in der unmittelbaren Produktion von Konsumtionsmitteln wirken.« (S.365)

iv)    Smith stößt auf die Tatsache, dass Reproduktionsbedingungen und Verteilung der Revenue nicht zusammenfallen. Das zirkulierende Kapital der Gesellschaft kann zugleich einen Teil der Revenue der Gesellschaft bilden.

v)      Damit kommt Marx – über Smith hinausgehend – zu folgendem Resultat:

·        Es gibt zwei Abteilungen: Produktionsmittelproduzenten und Konsumtionsmittel­produ­zenten

► Die VWL rümpft gerne die Nase über Marx primitive Zweisektorenwirtschaft. Dabei hat diese Einteilung nichts gemein mit oberflächlichen empirischen Unterteilungen, sondern behandelt die Beziehungen zwischen den Elementen, die auf dieser Stufe der Darstellung wesentlich sind.

·        Der Produktionsmittelteil verteilt sich auf

-         Wert der verzehrten Produktionsmittel (der wiedererscheinende Kapitalwert; er ist stets Kapital, nie Revenue);

-         Arbeitslöhne und

-         Profite (beide sind Revenuen für die Agenten und Kapital für die Gesellschaft).

·        Produzenten von Konsumtionsmittel schaffen den Konsumtionsfond, » worin die Kapitalisten und Arbeiter der ersten Abteilung ihre Revenue realisieren.« (S.368)

Smith »war der Sache nah auf dem Sprung, da er bereits bemerkt hatte, daß bestimmte Wertteile einer Sorte (Produktionsmittel) der Warenkapitale, aus denen das jährliche Gesamtprodukt der Gesellschaft besteht, zwar Revenue für die in ihrer Produktion beschäftigten individuellen Arbeiter und Kapitalisten bilden, aber keinen Bestandteil der Revenue der Gesellschaft; während ein Wertteil der andern Sorte (Konsumtionsmittel) zwar Kapitalwert für ihre individuellen Eigner, die in dieser Anlagesphäre beschäftigten Kapitalisten bildet, aber dennoch nur einen Teil der gesellschaftlichen Revenue.« (S.369)

vi)    Die Elemente, aus denen der Warenwert und damit auch das gesellschaftliche Gesamtprodukt besteht, erscheinen nicht bei der Betrachtung des Produktionsprozesses.

vii)   Tatsächlich wird nicht nur Arbeitslohn und Mehrwert produziert, sondern immer auch neuer Kapitalwert.

»Die tägliche Arbeit, die in der Reproduktion der Produktionsmittel verausgabt wird […] realisiert sich in neuen Produktionsmitteln, die den in der Produktion der Konsumtionsmittel verausgabten konstanten Kapitalteil ersetzen« (S.369)

(2.2) Smith löst den Warenwert im wesentlichen auf in Arbeitslohn und Mehrwert. Sein Grundirrtum ist es, die Elemente des Warenwerts mit den Revenuequellen zu verwechseln.

»Alle nicht direkt in der Reproduktion, mit oder ohne Arbeit, figurierenden Gesellschaftsglieder können ihren Anteil am jährlichen Warenprodukt - also ihre Konsumtionsmittel - in erster Hand nur beziehn aus den Händen der Klassen, denen das Produkt in erster Hand zufällt - produktiven Arbeitern, industriellen Kapitalisten und Grundbesitzern. Insofern sind ihre Revenuen materialiter abgeleitet von Arbeitslohn (der produktiven Arbeiter), Profit und Bodenrente, und erscheinen daher jenen Originalrevenuen gegenüber als abgeleitete.« (S.372)

Smith verdreht also die Sache: Er sieht sich die Revenuen an, betrachtet sie als Bestandteile des Tauschwerts (eine gedankliche, aber leere Abstraktion) und macht sie dann fälschlicherweise zu »Urquellen alles Tauschwerts«.

(2.3) Der konstante Kapitalteil verschwindet bei Smith deswegen, weil er nicht den Wert und dessen Herkunft bestimmt, sondern umgekehrt, den Wert der Waren aus den Bestandteilen abzuleiten sucht, in die der realisierte Wert einer Ware verteilt wird (Revenuen).

Wenn Smith behauptet, dass zwar das Kapital des Pächters ersetzt werden müsse, die dafür in Betracht kommenden Waren ihrerseits wieder in v + m zerfallen würden, dann ist das eine Betrachtungsweise, die gerade vom hier untersuchten Gegenstand, der gesellschaftlichen Reproduktion abstrahiert.

Adam Smith unterläuft ein zweifacher Fehler.

(1)    Er setzt den »jährlichen Produktenwert« mit dem »jährlichen Wertprodukt« gleich. Ersteres besteht aus allen in einem Jahr hergestellten Waren zu deren Wert auch der Wert der in sie eingegangenen Roh- und Hilfsstoffe und Arbeitsmittel gehört. Letzteres besteht tatsächlich bloß aus der in einem Jahr vergegenständlichten Arbeitszeit, also v + m.

(2)    Er unterscheidet nicht zwischen Wert und Gebrauchswert. Die in einem Jahr hergestellten Waren sind zwar wirklich nur das Produkt der Arbeit dieses Jahres außer langfristigen Projekten), aber im Wert der Waren steckt auch noch der Wert von evt. viel früher hergestellten Produktionsmitteln.

(2.4) Wenn Smith von der Verteilung des Werts auf die Wertbestimmung schließt gerät er auf die schiefe Bahn. Das liegt daran, dass Produktion und Verteilung einander nicht entsprechen, sondern Zirkulations- und Produktionsprozesse miteinander verzahnt sind.

a) Was passiert gesellschaftlich? Was der Kapitalist als Geldkapital vorgeschossen hatte, besitzt er nach dem Produktionsprozess als Warenkapital, während der Arbeiter anstelle seiner Ware (Arbeitskraft) nun Geld erhalten hat.

In der Zirkulation erhält der Verkäufer (der Arbeiter) für einen Gebrauchswert (die Arbeitskraft) dessen Wert in Form von Geld. Der Käufer bekommt für sein Geld (zählt nur als Wert) die Ware, also deren Gebrauchswert.

In der Produktion ist die Arbeitskraft Kapital (was sie in Händen des Arbeiters nie ist). Der Arbeiter (er ist hier Erscheinungsform des Kapitals!) reproduziert dem Kapitalisten das als Arbeitslohn vorgeschossene Kapital in Warenform (außerdem natürlich den Mehrwert).

In der Zirkulation (zweiter Akt W‑G) ersetzt ein Teil des realisierten Werts das vorgeschossene variable Kapital).

So läuft notwendig die Reproduktion des Kapitals und daher der kapitalistischen Gesellschaft ab. Entscheidend ist – und das wurde von Smith übersehen – dass es für diese Reproduktion die Revenue und ihre Verwendung völlig irrelevant ist

Es ist »vollständig gleichgültig, was in der Hand des Verkäufers aus dem für seine Ware gelösten Geld und was in der Hand des Käufers aus dem von ihm gekauften Gebrauchsartikel wird. Es ist also, soweit der bloße Zirkulationsprozeß in Betracht kommt, auch völlig gleichgültig, daß die vom Kapitalisten gekaufte Arbeitskraft für ihn Kapitalwert reproduziert, und daß andrerseits das als Kaufpreis der Arbeitskraft gelöste Geld für den Arbeiter Revenue bildet. Die Wertgröße des Handelsartikels des Arbeiters, seiner Arbeitskraft, wird weder dadurch affiziert, daß sie ›Revenue‹ für ihn bildet, noch dadurch, daß der Gebrauch seines Handelsartikels durch den Käufer diesem Käufer Kapitalwert reproduziert« (S.379)

b) Der Arbeiter produziert zwar auch den Teil der Ware, aus dem ihm dann sein Arbeitslohn bezahlt wird, woraus also seine Revenue entsteht. Das kann aber kein Argument dafür sein, aus der Verteilung auf die verschiedenen Revenuen auf Wertbestandteile zu schließen.

»Wie bei jeder andren Ware ist bei der Arbeitskraft ihr Wert bestimmt durch die zu ihrer Reproduktion notwendige Arbeitsmenge; daß diese Arbeitsmenge durch den Wert der notwendigen Lebensmittel des Arbeiters bestimmt, also gleich ist der zur Reproduktion seiner Lebensbedingungen selbst notwendigen Arbeit, ist dieser Ware (der Arbeitskraft) eigentümlich«. (S.381)

► Eine solche Betrachtungsweise ist wesentlich affirmativ, als sie die Verteilung (aus welchem Grund auch immer die zustande kommt) zu Momenten der Erzeugung umdichten.

d)      »Ein richtiger Punkt hierin ist: dass in der Bewegung des gesellschaftlichen Kapitals - d.h. der Gesamtheit der individuellen Kapitale - die Sache sich anders darstellt, als sie sich für jedes individuelle Kapital, besonders betrachtet, also vom Standpunkt jedes einzelnen Kapitalisten darstellt. Für letzteren löst sich der Warenwert auf 1. in ein konstantes Element (viertes, wie Smith sagt) und 2. in die Summe von Arbeitslohn und Mehrwert, resp. Arbeitslohn, Profit und Grundrente. Vom gesellschaftlichen Standpunkt aus verschwindet dagegen Smiths viertes Element, der konstante Kapitalwert.« (S.384)

(2.5) Es ist zwar Quatsch, dass Smith den Warenwert durch die Einkommensarten bestimmt, auf die seine Realisierung verteilt wird, doch stößt er indirekt auf einen entscheidenden Punkt: Einkommen und Wertbestimmung sind nämlich nicht unabhängig voneinander.

► Die Wertbestimmung und der Austausch von Äquivalenten sorgt für die kapitalistische Verteilung der Revenue. Erst die Ideologie der Volksgemeinschaft bestimmt die (wertschaffende) Tätigkeit des Subjekts unter dem Motto ›jedem das Seine‹ aus der entstehenden Einkommensverteilung.

Der Grund für den falschen Schein liegt darin, dass der Produktionsprozess in der Ware ›erlischt‹ (S.385). Nach ihrer Realisierung kommt es zur Verteilung des Werts; die Erzeugung des Werts und dessen Bestandteile sieht man ihr aber nicht an.

»Die vom Kapitalisten hergestellte Ware unterscheidet sich soweit in nichts von der durch einen selbständigen Arbeiter oder von Arbeitergemeinden oder von Sklaven hergestellten Ware.« (S.386)

(3)    Nicht weiter wichtig ist die Einordnung der ›Späteren‹:

Ricardo sieht von der Grundrente ab (überwindet also die physiokratische Beschränktheit); Ramsey fällt auf, dass das konstante Kapital irgendwie erhalten werden muss; Say und Storch fragen sich, warum man denn nicht das ganze Jahresprodukt verzehren könne:

»Es sind nie die originellen Denker, welche die absurden Konsequenzen ziehn.« (S.389)

 



[1] Sein Rückschritt besteht darin, dass er den Preis der Waren in Arbeitslohn und Mehrwert auflöst, also den in der Ware reproduzierten, übertragenen Wert ignoriert. Das wird im Folgenden näher betrachtet, war aber schon in Band 1 hat Marx das »wahrhaft fabelhafte Dogma« kritisiert, »daß der Preis der Waren aus Arbeitslohn, Profit (Zins) und Grundrente, also bloß aus Arbeitslohn und Mehrwert zusammengesetzt ist« (23/617, Anm.32).