Die Zirkulation des Mehrwerts

► Zur Einordnung dieses Kapitels: Der zweite Abschnitt behandelt die Eigentümlichkeiten und Konsequenzen, nicht der einzelnen Formen, die das Kapital in seinem Kreislauf annimmt (das war der Gegenstand des ersten Abschnitts), sondern die Konsequenzen, die sich aus dem Umschlag des Kapitals selbst ergeben. Die Darstellung zerfällt in drei Teile:

1.       Das Kapital zirkuliert nicht als Ganzes, sondern zerfällt in zirkulierendes und fixes Kapital (Kap.7-9)

2.       Momente, die die Umschlagszeit des zirkulierenden Kapitals beeinflussen (Kap.12-14)

3.       Die Konsequenzen der Umschlagszeit (mit ihren Bestimmungen) für den kapitalistischen Geschäftsbetrieb. (Kap.15-17)

In den Kapiteln 15 bis 17 wird der Kapitalbegriff präzisiert. Kapitel 15 und 16 befassen sich mit der Kapitalverwertung, Kapitel 17 mit der Akkumulation des Kapitals. Beides wurde im ersten Band soweit entwickelt, wie es sich aus dem unmittelbaren Produktionsprozess ergab.

 

Dieses Kapitel führt die Entwicklung des Kapitalbegriffs fort. Erscheinungen wie Geldkapital und Zins werden als notwendige aus dem Kapitalbegriff abgeleitet. Geldkapital wird zur Voraussetzung der Zirkulation und damit des unmittelbaren Produktionsprozesses (u.a. im Akkumulationsfonds), während der Umschlag des Kapitals die materielle Grundlage des Kreditwesens darstellt.

In der Darstellung des unmittelbaren Produktionsprozesses war einfach Mehrwert ›übriggeblieben‹. Die Akkumulation ist aber ebenfalls durch die Zirkulation vermittelt. Mehrwert wird entweder im Akkumulationsfond der Zirkulation entzogen (und stellt damit einen Abzug vom gesellschaftlichen Reichtum dar), nimmt als Warenkapital an der Zirkulation teil oder fließt aus der Kapitalzirkulation in die individuelle Zirkulation der Kapitalisten. Die gesamtgesellschaftliche Akkumulation zeigt die Verzahnung der Einzelkreisläufe und leitet somit zu Abschnitt III über, in dem das Verhältnis von Einzelkapital und gesellschaftlichem Gesamtkapital diskutiert wird.

 

 

 

Kapital A

Kapital B

wöchentlich ausgelegtes variables Kapital

€ 100

€ 100

wöchentlich ausgelegter Mehrwert

€ 100

€ 100

Mehrwertrate

100%

100%

Umschlagperiode

5 Wochen

50

für die Umschlagperiode vorgeschossen

€ 500

€ 5000

In der Umschlagperiode produzierter Mehrwert

€ 500

€ 5000

Umschlagszahl

10

1

Mehrwertmasse

10 x € 500 = € 5000

€ 5000

Jahresrate des Mehrwerts

1000% = 5000/500 = 100%x10

100%

 

(a)   Verschiedene Umschlagszeiten haben nicht nur verschiedene Jahresraten des Mehrwerts, sondern auch Unterschiede in der Akkumulation und der Mehrwertmasse zur Folge.

Kapital A realisiert seinen Mehrwert schon innerhalb eines Jahres und kann den Mehrwert sogleich akkumulieren (produktiv konsumieren) oder individuell konsumieren.

► Was sind die Auswirkungen der verschiedenen Umschlagszeiten auf den Umschlag des Kapitals? Auf die Mehrwertrate? Die Akkumulation? Wie modifiziert die Verschiedenheit der Umschlagperioden die kapitalistische Geschäftstätigkeit?

(b)   Kapitale mit langer Umschlagszeit machen einen zusätzlichen Kapitalvorschuss nötig.

»Ein Teil des periodisch innerhalb des Jahrs nicht nur erzeugten, sondern auch realisierten Mehrwerts kann die für Reparatur etc. nötigen Ausgaben bestreiten.« (S.321)

Reparaturausgaben sind stets Teil des vorgeschossenen Kapitals. Kapital A wird diesen Teil aus dem Mehrwert vorschießen, Kapital B braucht schon ein ursprünglich vorgeschossenes Kapital, das groß genug ist, um daraus auch die Reparatur- und Instandhaltungsarbeiten zu bezahlen, die anfallen, ehe der Mehrwert realisiert ist.

Wird Kredit angewandt, so ist Kapitalist B, sofern er sich das Geld für Reparaturkosten bei Bedarf leiht, Agent für den von andren Kapitalisten, z.B. A, schon produzierten Mehrwert.

 

►Welche Bedeutung hat dieser Effekt der Umschlagszeit auf bestehendes Kapital, welchen Effekt also abgesehen vom ursprünglichen Kapitalvorschuss? Das Kapital kann immer als erstmals in die Zirkulation eintretend aufgefasst werden Tatsächlich kann Kapital ja einem Geschäftszweig entzogen und einem anderen angelegt werden. Die Hindernisse, die dem im Weg stehen sind u.a. diejenigen, die Marx bei der Analyse des Umschlags auffallen. (Dass zum Ende des ersten Jahres entsprechend der Länge der Umschlagszeit noch nicht aller Mehrwert realisiert ist, beschränkt die Verwertung des Kapital auch nur in diesem ersten Jahr, weil im zweiten am Anfang des Jahres zusätzlicher Rückfluß den am Ende des Jahres fehlenden ausgleicht.)

► Besteht die Notwendigkeit, zusätzliches Kapital vorzuschießen nicht nur für die erste Geschäftsperiode? Danach ist der Mehrwert doch vorhanden.

a.       Bei einfacher Reproduktion ersetzt der Mehrwert nur den Konsumtionsfond für die erste Geschäftsperiode.

b.       Bei erweiterter Reproduktion kann nun, in der zweiten Geschäftsperiode, weniger Geld in Akkumulation fließen.

Was passiert genau? Gesamtgesellschaftlich müssen Lebensmittel für die Arbeiter vorhanden sein, die bis zum Abschluss der Produktion nicht anderweitig eingesetzt werden können (Vgl. S.316f). Für den Kapitalisten stellt sich die Frage: Wie viel Kapital muss er in den Produktionsprozess stecken und wie viel davon wirkt nicht im Arbeitsprozess. (Diese Frage betrifft die Verwertung des Kapitals. Dem Kapitalisten selbst stellt sich die Sache so freilich nicht da, sondern in Form von Kosten und Profit. Das wird in Band III näher untersucht.)

(c)    Neben der wirklichen Akkumulation kommt es zu Geldakkumulation (es muss zum richtigen Zeitpunkt, in ausreichendem Umfang gekauft werden, etc.)

»Das Geldkapital, das der Kapitalist noch nicht in seinem eignen Geschäft anwenden kann, wird von andren angewandt, von denen er Zinsen dafür erhält. Es fungiert für ihn als Geldkapital im spezifischen Sinne, als eine vom produktiven Kapital unterschiedene Sorte Kapital. Aber es wirkt als Kapital in andrer Hand.«

Die einfachste Daseinsform dieses Geldkapitals ist die des Schatzes.

»In allen diesen Fällen, welches immer die Daseinsform dieses zuschüssigen Geldkapitals, repräsentiert es, soweit es Kapital in spe ist, durchaus nichts als zuschüssige und in Reserve gehaltne Rechtstitel von Kapitalisten auf zukünftige, zuschüssige jährliche Produktion der Gesellschaft.« (S.323f)

► Es wird also aus zwei verschiedenen, fast gegensätzlichen Umständen nötig, Geldkapital zu akkumulieren: Einerseits wird mit zunehmender Länge der Umschlagsperiode immer mehr Geld ausgeschwitzt. Andrerseits ergeben einzelne, vor allem kurze Umschlagsperiode nicht genügend Mehrwert für die Akkumulation: der Mehrwert muss daher in einem Akkumulationsfonds gesammelt werden.

(d)   Der akkumulierte Reichtum ist im Vergleich zu den Produktivkräften einer Gesellschaft eher unbedeutend (im Hinblick auf den Reichtum einer Gesellschaft, dem Konsum). Bedeutend ist er, weil er dem Kapitalisten einen Rechtstitel auf die zukünftige Produktion verschafft.

► Im Unterschied zur einfachen Zirkulation ist der Schatz im Umschlagsprozess notwendig, dieses Geldkapital hat eine spezifisch kapitalistische Funktion. Es ist nämlich bloß der Rechtstitel auf die zukünftige Produktion.

»Die Masse des wirklich akkumulierten Reichtums, nach seiner Größe betrachtet, ist so durchaus unbedeutend im Vergleich mit den Produktivkräften der Gesellschaft […] Der bei weitem größte Teil des sogenannten akkumulierten Reichtums ist nur nominell und besteht nicht aus wirklichen Gegenständen, Schiffen, Häusern, Baumwollenwaren, Landmeliorationen, sondern aus bloßen Rechtstiteln, Ansprüchen auf die künftigen jährlichen produktiven Kräfte der Gesellschaft […] Kraft des Besitzes dieses fixen, dauernden, nur langsam verzehrten Teils des öffentlichen Reichtums ‑ des Bodens und der Rohstoffe, an denen, der Werkzeuge, mit denen gearbeitet wird, der Häuser, die während der Arbeit Obdach geben ‑, kraft dieses Besitzes beherrschen die Eigentümer dieser Gegenstände zu ihrem eignen Vorteil die jährlichen Produktivkräfte aller wirklich produktiven Arbeiter der Gesellschaft […] Die wirkliche Akkumulation ist von durchaus sekundärer Bedeutung und erhält auch diese Bedeutung fast ausschließlich durch ihren Einfluß auf die Verteilung des Jahresprodukts« (William Thompson, Inquiry into the Principles of the Distribution of Wealth, S.440ff)

► Wichtig hierbei ist: Akkumulation ist nicht einfach eine Ansammlung von Reichtum, sondern eine Vermehrung von Kapital. Es werden also nicht einfach kosumierbare Waren (= Reichtum) angesammelt, sondern Produktionsmittel. Das Kapital, ein gesellschaftliches Verhältnis, wird auf erweiterter Stufenleiter reproduziert. Der Reichtum, der den Kapitalisten zugeflossen ist, stellt – in Thompsons Beispiel – gerade mal das Jahreprodukt einiger Jahre da. Da die Kapitalisten aber nicht einfach Schätzt anhäufen, sondern ihr Kapital vermehren, fließt ihnen der Reichtum dauerhaft zu. Obwohl es im Kapitalismus keine Pfründe und Lehen gibt, stellt der akkumulierte Reichtum – quasi! – einen Rechtstitel auf zukünftigen Reichtum dar.

Der zukünftige Reichtum wird also entsprechend des schon bestehenden Reichtums verteilt. Das klingt selbstverständlich für sozialkundlich geschulte Staatsbürger., ist recht eigentümliche Konsequenz kapitalistischer Verhältnisse und selbstverständlich nur, weil sie von diesen Verhältnissen scheinbar naturgesetzlich durchgesetzt werden.

Während der Rechtstitel auf zukünftiges Eigentum nur besteht, weil er nicht besteht, sind Eigentumstitel ganz andrer Art für die dauerhafte Aneignung auch zukünftigen Reichtums unerlässlich: eine Eigentumsordnung, mittels derer sich die Menschen gegenseitig vom Reichtum ausschließen (müssen) und ein Staat, der diese Eigentumsordnung garantiert.

I.                 Einfache Reproduktion

(a)   Bei einfacher Reproduktion wird der Mehrwert von der Kapitalistenklasse unproduktiv konsumiert. Ein Teil des Mehrwerts muss dennoch in Form von Geld existieren.

Im Folgenden wird Geld in seiner einfachsten Form, als Metallgeld, untersucht. Das Geld muss ausreichen, um die Waren zu zirkulieren und dabei Schwankungen des Geldumlaufs (Zirkulationsgeschwindigkeit, Preiswechsel, usw.) ausgleichen zu können. Das dafür notwendige Edelmetall bildet den Schatz der Gesellschaft. (Die Arbeit, die zu seiner Produktion nötig ist, ist andernorts nicht verfügbar.)

► Das Geldkapital repräsentiert eine bestimmte Menge Arbeit, die nicht zur Bedürfnisbefriedigung verwendet werden kann. (Das gilt heute, mit Einschränkungen, auch noch. Zwar ist relativ wenig Arbeit zur Herstellung von Papiergeld nötig, aber dafür sind diverse staatliche Kontroll- und Aufsichtsleistungen zu bezahlen.) Dieser Abzug vom gesellschaftlichen Reichtum spricht aber nicht gegen das Geld selbst, sondern gegen den Kapitalismus, der das Geld nötig macht. (Es ist so üblich wie lächerlich gegen lauter hässliche aber eben auch notwendige Folgen des Kapitalismus vom Leder zu ziehen. Ob nun an bürgerlichen Utopien von »Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham« (KI, S.189) gebastelt wird, von Vollbeschäftigung, Freiwirtschaft, Wirtschaft ohne Geld, Geld ohne Zins, dem Ende der Entfremdung und der Konsumgesellschaft geträumt wird: der Fehler, die Ursache der bejammerten ›Fehler‹ nicht begriffen zu haben, eint diese Sorte von Opposition zum Kapitalismus. Sich darüber zu mokieren, dass diese Kritiker einer theoretischen Einsicht entbehren wäre aber in der Tat arrogant und, schlimmer, antiagitatorisch. Leider reproduziert aber deren Praxis die Verhältnisse, die sie zu bekämpfen meinen; oft subtil, weil in anderer oder veränderter Form. Das gilt nicht nur für Phänomene, die der Kapitalismus unmittelbar erzeugt (Arbeitslosigkeit, Krisen, Armut), sondern auch für Formen in denen den ›Bedürfnissen‹ des Kapitals Rechnung getragen wird (Familie, Staat, Religion usw.): die Formen können sich drastisch ändern, aber den Bedürfnissen wird doch weiterhin genügt.)

(b)   Auch bei einfacher Reproduktion muss jedes Jahr der Verschleiß an Gold und Silber ausgeglichen werden, also gesellschaftliche Arbeit auf die Produktion von Edelmetallen verausgabt werden.

Die Edelmetallproduktion hat die Kreislaufform G ‑ W…P…G´, weil der Wert des Produkts nicht erst realisiert werden muss.

► Thema ist nicht die Edelmetallproduktion oder der Verschleiß der Goldmünzen, sondern die Zirkulation des Mehrwerts. Die Edelmetallproduktion dient Marx zur Veranschaulichung des diskutierten Sachverhalts: Der Mehrwert des individuellen Kapitalisten zirkuliert nicht für sich, sondern in gesamtwirtschaftlicher Abstimmung. In der Kapitalzirkulation, auch der gesamtgesellschaftlichen wird mehr Wert der Zirkulationssphäre zugeführt, als ihr entzogen wird. Das stellt sich (W-G-W) so dar, dass dem Markt ständig mehr Geld entzogen wird, also vorgeschossen wurde. Das läuft auf eine Verschlingung der Einzelkreisläufe in genau bestimmter Proportion hinaus. Die Edelmetallproduktion sollte der Veranschaulichung dienen, dass der Kreislauf (des Mehrwerts) eines Kapitals notwendig mit den Kreisläufen andrer Kapitalien zusammenhängt. Die Gesamtzirkulation ist nicht bloßes Aggregat von Einzelzirkulationen, sondern die Einzelzirkulationen sind auf mitunter recht vertrackte Weise ineinander verschränkt.

(c)    Da bei einfacher Reproduktion annahmegemäß nur die Gold- und Silbermenge ersetzt wird, die verschlissen wurde, stellt sich die Frage, woher das Geld herkommt, um den Mehrwert »zu versilbern«.

Die Kapitalisten werfen Waren von größerem Wert in die Produktion als sie ihr entziehen (vgl. S.120ff). Verschiedene Gegenargumente, wonach das Geld ohnehin nicht alle Waren zugleich zirkulieren müssen, ziehen nicht: das ist ohnehin nicht der Fall.

Tatsächlich existiert dieses Problem nur scheinbar vom Standpunkt der kapitalistischen Produktion:

Es ändert »absolut nichts am Quantum der zu dieser Zirkulation nötigen Geldsumme, ob der Wert dieser Warenmasse Mehrwert enthält oder nicht, ob die Warenmasse kapitalistisch produziert ist oder nicht. Das Problem selbst existiert also nicht […]Soweit hier ein Problem existiert, fällt es zusammen mit dem allgemeinen Problem: woher die zur Zirkulation der Waren in einem Lande nötige Geldsumme kommt.« (S.334)

► Vom Standpunkt der politischen Ökonomie stellt sich die Frage nicht, wo der Mehrwert herkommt. Vom kapitalistischen Standpunkt erscheint nur der Profit und der Mehrwert allenfalls als Eigenschaft des Kapitals. Den Mehrwert konnte Marx nur analysieren, weil er den Standpunkt der politischen Ökonomie kritisierte. Auf der Oberfläche der politischen Ökonomie stellt sich nur die Frage, wo das Geld herkommt, den Mehrwert zu versilbern. Weil dieser Oberfläche ihre tieferen Bestimmungen nicht anzusehen sind, versucht sie sich in allerlei Ausflüchten. Ein Rätsel besteht hier nur für die Vulgärökonomie, die hier ein ›Mehr‹ erblickt, das sie auf dieser Stufe nicht erklären kann.

► Es wird tatsächlich ständig zusätzlicher Wert produziert. Das lässt sich erklären, wenn man den Wert und die Ware Arbeitskraft analysiert hat, sonst nicht. Das ›Problem‹ zeigt sich in der Form, wie der Mehrwert realisiert werden kann. (Dieses Problem existiert aber nur für die Vulgärökonomie, der erst jetzt auffällt, dass Mehrwert entstanden ist.) Schwierigkeiten bereitet weder die Entstehung von Mehrwert noch seine Versilberung per se, sondern die dazu notwendige Verschlingung von Einzelkreisläufen; die kann nämlich auch schief gehen.

Der Kapitalist produziert aber nicht nur, er muss auch unproduktiv konsumieren:

»In der Tat, so paradox es auf den ersten Blick scheint, die Kapitalistenklasse selbst wirft das Geld in Zirkulation, das zur Realisierung des in den Waren steckenden Mehrwerts dient. Aber notabene: sie wirft es hinein nicht als vorgeschoßnes Geld, also nicht als Kapital. Sie verausgabt es als Kaufmittel für ihre individuelle Konsumtion. Es ist also nicht von ihr vorgeschossen, obgleich sie der Ausgangspunkt seiner Zirkulation ist.« (S.335)

► Neben dem Schein eines Problems für die individuellen Kapitalisten (S.334f), besteht das tatsächliche Problem darain, dass die Sphären der individuellen Konsumtion und der Mehrwertproduktion genau aufeinander abgestimmt sein müssen (S.335f): Eine willkürliche Annahme, die doch gesamtgesellschaftlich erfüllt sein muss.

Das Verweist schon auf die Krise und auf Abschnitt III. Hier wird noch unterstellt, dass der zirkulierende Mehrwert sein Äquivalent auf dem Markt vorfindet, dass Wert und Gebrauchswert erfolgreich vermittelt werden. Das muss nicht so sein. So wie die einfachste Möglichkeit oder Form der Krise im Auseinanderfallen von Kauf und Verkauf gefunden wurde, so jetzt eine entwickeltere Möglichkeit. Die reale Krise ist deswegen noch nicht da. Vorerst ist sogar unterstellt, dass es nicht zur Krise kommt.[1]

Wichtig ist hier vor allem – als Überleitung zu Abschnitt III ‑, dass ein genau abgestimmtes Verhältnis zwischen den Abteilungen Produktionsgüter- und Luxusgüterproduktion nötig ist.

Dass der Mehrwert genau seinem individuellen Konsum entspricht »ist offenbar, mit Bezug auf den einzelnen Kapitalisten, eine willkürliche Annahme. Aber sie muß richtig sein für die gesamte Kapitalistenklasse, bei Unterstellung einfacher Reproduktion.« (S.337)

(d)   Die Kapitalisten die Edelmetalle produzieren werfen ständig einen größeren Geldwert in die Zirkulation als sie an Waren ihr wieder entziehen. Dass die Goldproduktion in anderen Ländern stattfindet, ändert nichts daran, dass gesellschaftlich Arbeit aufzuwenden ist (in diesem Fall, um letztlich gegen Gold zu tauschen).

Woher kommt also das Gold für den Verschleiß her?

»Der von den Kapitalisten in Geld ausgegebne Mehrwert, sowohl wie das von ihnen in Geld vorgeschoßne variable und sonstige produktive Kapital ist in der Tat Produkt der Arbeiter, nämlich der in der Goldproduktion beschäftigten Arbeiter. […]Der Vorschuß von seiten des Kapitalisten erscheint auch hier nur als eine Form, die daher stammt, daß der Arbeiter weder Besitzer seiner eignen Produktionsmittel ist, noch während der Produktion über die von andren Arbeitern produzierten Lebensmittel verfügt.« (S.339)

(e)    Die Geldmasse wechselt mit der Länge der Umschlagperiode, nicht aber mit Veränderungen in der Teilung des Wertprodukts zwischen Arbeitslohn und Mehrwert.

Mit steigendem Arbeitslohn nimmt zwar die Nachfrage nach bestimmten Lebensmitteln zu, dafür aber nach andren und nach Luxusgütern ab. Vorübergehend können bestimmte Waren zwar im Preis steigen. »Nach einigen Oszillationen zirkuliert eine Warenmasse vom selben Wert wie vorher.« (S.341)

► Es kommt nicht nur darauf an, wie sich Kapital und Arbeit gegenübertreten. Zwischen das Kapital und die lebendige Arbeit treten verschiedene Umstände, die die Bestimmung von Wert und Mehrwert mystifizieren und schon ein Vorgriff auf die Bestimmung des Profits in KIII sind.

Auch können die Kapitalisten nicht einfach wegen der gestiegenen Arbeitslöhne die Preise erhöhen:

»Wenn es in der Hand der kapitalistischen Produzenten stände, beliebig die Preise ihrer Waren zu erhöhn, so könnten und würden sie das tun auch ohne Steigen des Arbeitslohns.« (S.341)

► Warum kann die Konkurrenz das nicht erzwingen? Weil der größere Gewinn auf Kosten der Arbeiter gerade auf Grund der Konkurrenz schon vorher erzielt worden wäre. Hier geht es nicht darum, dass die Löhne so hoch werden, dass die Existenz der Kapitalisten bedroht würde. Dann laufen andre Prozesse ab (vgl. Kampf um den Normalarbeitstag).

► Bei veränderter Teilung zwischen Arbeitslohn und Mehrwert bleibt die zirkulierende Warenmasse gleich, daher auch das dazu nötige Geld (die Umschlagsgeschwindigkeit könnte sich allerdings ändern). Der Kampf um den Arbeitslohn geschieht innerhalb der Grenzen, die durch die Erhaltung der Arbeiterklasse und der Kapitalistenklasse gezogen sind.

(f)     Im Gegensatz zur einfachen Warenzirkulation ist die Geldform in der kapitalistischen Kreislaufbewegung nicht verschwindend: das Geld entfernt sich nicht von seinem Ausgangspunkt, sondern kehrt beständig zu ihm zurück.

Ein beschleunigter Kapitalumschlag schließt einen beschleunigten Umlauf des Geldes ein, nicht aber umgekehrt; der Umschlag des Geldes kann mit vermehrtem Handel zunehmen, ohne dass sich der Umschlag des Kapitals verändert.

► Die bei der einfachen Warenproduktion entdeckten Gesetzmäßigkeiten sind bei der jetzt erreichten Stufe der Darstellung zu modifizieren. Die Vermittlung der Güter durch Geld gilt immer noch; sie drückt sich in der einfachen Zirkulation dadurch aus, dass Geld beständig ausgeschieden wird, in der kapitalistischen Warenproduktion aber gerade umgekehrt durch Existenz von Geldkapital. Der Umlauf des Geldes war eine stete Entfernung von seinem Ausgangspunkt, der Kreislauf des Geldes ist dagegen die ständige Rückkehr zu diesem Ausgangspunkt, was nichts weiter heißt, als dass Geldkapital, in der einfachen Warenzirkulation als Schatz verschmäht, als solches für den Kapitalkreislauf nützlich ist.

(g)   Der Umschlag des Kapitals erfordert Geld. Der Kapitalismus kann daher erst dann zur beherrschenden Produktionsweise werden, wenn eine ausreichende Masse an Geld vorhanden ist.

»Die kapitalistische Produktionsweise ‑ wie ihre Basis die Lohnarbeit ist, so auch die Zahlung des Arbeiters in Geld und überhaupt die Verwandlung von Naturalleistungen in Geldleistungen ‑ kann sich erst in größerm Umfang und tiefrer Durchbildung dort entwickeln, wo im Lande eine Geldmasse, hinreichend für die Zirkulation und die durch sie bedingte Schatzbildung (Reservefonds etc.) vorhanden ist.« (S.345)

► Man beachte auch die Bemerkungen zum historisch-logischen Verhältnis: dass eine Kategorie die andere notwendig macht, heißt nicht, dass sich die Kategorien historisch nacheinander hervorgebracht haben:

»Dies ist historische Voraussetzung, obgleich die Sache nicht so zu verstehen ist, dass erst eine hinreichende Schatzmasse gebildet wird und dann die kapitalistische Produktion beginnt. Sondern sie entwickelt sich gleichzeitig mit der Entwicklung ihrer Bedingungen, und eine dieser Bedingungen ist eine genügende Zufuhr von edlen Metallen.« (S.345)

II.               Akkumulation und erweiterte Reproduktion

(a)   Bei erweiterter Reproduktion nimmt die Masse der zirkulierenden Waren zu; bei sonst gleichbleibenden Umständen wird zusätzliches Zirkulationsmittel (Geld) benötigt.

»Die Preissumme der zirkulierenden Warenmasse ist vermehrt, nicht, weil die Preise einer gegebnen Warenmasse gestiegen, sondern, weil die Masse der jetzt zirkulierenden Waren größer ist als die der früher zirkulierenden Waren, ohne daß dies durch einen Fall der Preise ausgeglichen wäre.« (S.346)

Das jetzt nötige Geld muss beschafft werden, indem es von der Schatzform in zirkulierendes Kapital überführt wird, die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes erhöht wird oder zusätzliche Goldproduktion stattfindet.

»Die ganze Summe der Arbeitskraft und der gesellschaftlichen Produktionsmittel, die in der jährlichen Produktion von Gold und Silber als Instrumenten der Zirkulation verausgabt wird, bildet einen schweren Posten der faux frais der kapitalistischen, überhaupt der auf Warenproduktion gegründeten Produktionsweise.« (S.347)

► Auch bei erweiterter Reproduktion wird nichts aus dem Nichts erzeugt, es stellt sich nur die Frage, wie der (ganz woanders erzeugte) Mehrwert versilbert wird. (Eine Frage, an der bürgerliche Ökonomen von Zinstheoretikern – die vermeintliche Geldvermehrung aus dem Nichts kritisieren – bis zu Schumpeter – den das Wachstumsrätsel umtrieb – gescheitert sind.)

Ein Realisierungsproblem existiert hier nicht in dem Sinne, dass an dieser Stelle eine besondere Hürde zu überwinden wäre. Einer solchen Schwierigkeit sieht sich der individuelle Kapitalist nicht gegenüber. (Er hat wohl das allgemeinere Problem, den Wert seiner Waren zu versilbern; dass er aber mehr Wert auf den Markt wirft als er ihm entzieht, schafft für den individuellen Kapitalisten kein zusätzliches Realisierungsproblem). Problematisch ist die Verschränkung der einzelnen Kreisläufe – das wird auch für die Krisendiskussion relevant.

(b)   Die scheinbare Akkumulation, die entsteht, indem Geldreservefonds angehäuft werden (Bankguthaben, Staatspapiere, Aktien) muss auf der andren Seite »als beständige, wirkliche Verausgabung von Geld« erscheinen.

»Auf Grundlage der kapitalistischen Produktion ist die Schatzbildung als solche nie Zweck, sondern Resultat entweder einer Stockung der Zirkulation - indem größre Geldmassen als gewöhnlich die Schatzform annehmen - oder der durch den Umschlag bedingten Anhäufungen, oder endlich: der Schatz ist nur Bildung von Geldkapital, einstweilen in latenter Form, bestimmt, als produktives Kapital zu fungieren.« (S.350)



[1] »Schließlich kommt durch die Gleichzeitigkeit der Kreisläufe des einzelnen Kapitals und durch die Ineinanderverschlingung der Zirkulationsprozesse der vielen Kapitalien eine konkretere Bestimmung der Allgemeinheit der Krise hinzu, die jetzt ebenfalls nicht mehr rein formell gefasst ist wie bei der Warenmetamorphose, sondern einen Inhalt, eine reale Grundlage erhalten hat. Die störungsfreie Zirkulation des einen Kapitals ist von dem Gelingen des Gesamtzirkulationsprozesses des Kapitals abhängig, und dieser funktioniert nur unter der Bedingung der Erhaltung und Verwertung des Gesamtkapitals.

Dies wird deutlich, wenn man übergeht von der Betrachtung der Kapitalkreisläufe und ihrer Verschlingung an sich zu der der Reproduktion und Zirkulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals. Bei der Zirkulation des Mehrwerts des einzelnen Kapitals war vorausgesetzt, dass dieser sein Äquivalent in stofflicher und Wertform in einem anderen Kapital findet. Jede solche vorausgesetzte Bedingung für einen gleichgewichtigen Austausch und damit für seinen störungsfreien Verlauf ernthält gleichzeitig eine Möglichkeit des Ungleichgewichts und damit für seinen krisenhaften Verlauf.« (Rudi Schmiede, Grundprobleme der Marx’schen Akkumulations- und Krisentheorie. Athenäum: 1973.)