Wirkung der Umschlagszeit auf die Größe des Kapitalvorschusses

 

Neben den Schwierigkeiten des Kreislaufs ist der zirkulierende Kapitalteil dadurch gehemmt, dass er nicht ständig produktiv wirksam sein kann, sondern teilweise brachliegen muss.

(0)   Das Kapital fließt nicht sofort zurück, nachdem die Produktion abgeschlossen ist, sondern durchläuft erst die Zirkulationssphäre.

Um dennoch die Kontinuität der Produktion sicherzustellen, muss entweder das vorhandene Kapital aufgeteilt ‑ der Produktionsprozess also vermindert ‑ oder aber um zusätzliches Kapital ergänzt werden. (Und zwar nicht entsprechend der Summe der während eines Jahres anfallenden Umlaufzeiten, sondern in ihrem Verhältnis zur Umschlagszeit.) Beides läuft darauf hinaus, dass sich das Gesamtkapital aufteilt, auf solches Kapital, das im Produktionsprozess und solches, das im Zirkulationsprozess steckt; darauf also, dass nicht das ganze Kapital produktiv tätig sein kann. Dabei muss allerdings die Mindestsumme an Kapital beachtet werden, die nötig ist, um in einem bestimmten Geschäftszweig tätig werden zu können. Die Stufenleiter der Produktion kann also nicht beliebig vermindert werden.

Die Bewegungen dieser beiden Kapitalien durchkreuzen sich. Das benötigte Zusatzkapital hängt ab vom Verhältnis der Umlaufs- und Umschlagszeit. Unterbrechungen der Arbeitszeit verlangen dagegen keine zusätzliche Kapitalauslage; unter Umständen vermeiden solche Unterbrechungen sogar Zusatzauslagen, wenn sie z.B. Arbeitskraft zur Tätigkeit in der Zirkulationssphäre freisetzen.

Ein Teil des zusätzlichen Kapitals kann in Form von Geld verbleinen. Es muss in Geldform bleiben im Falle des zum Kauf von Arbeitskraft vorzuschießenden Kapitals: Das Zuschusskapital vermehrt also das in Form von Geld existierende Kapital.

► Weil das Kapital in der Zirkulation unproduktiv ist, strebt es danach, die Umlaufszeit aufzuheben. Das geschieht aber nur scheinbar, nämlich dadurch, dass neues Zusatzkapital einbezogen wird, mit dessen Hilfe die Produktion kontinuierlich ablaufen kann und die Kreisläufe nebeneinander existieren. Trotz des Scheins liegt ein Teil des Kapitals stets brach.

Das Resultat des Zusatzkapitals ist der nun kontinuierlich ablaufende Arbeitsprozess. Das fixe Kapital ist hiervon nicht betroffen. Es bleibt im Produktionsprozess, ohne fortlaufend ersetzt werden zu müssen.

»Die Ökonomen, bei denen überhaupt nichts Klares über den Mechanismus des Umschlags zu finden, übersehn fortwährend dies Hauptmoment, daß stets nur ein Teil des industriellen Kapitals tatsächlich im Produktionsprozeß engagiert sein kann, wenn die Produktion ununterbrochen vorangehn soll. Während der eine Teil sich in der Produktionsperiode, muß stets ein andrer Teil sich in der Zirkulationsperiode befinden.« (S.269)

(1)    Wenn Arbeits- und Zirkulationsperiode gleich lang, sind, lösen sich die Kapitalien I und II ab, ohne sich zu durchkreuzen. Die Masse des produzierten Werts hängt nur von der Gesamtarbeitszeit ab, die als kontinuierlich angenommen ist; der Umschlag dagegen ist um den Bruchteil der Umlaufszeit bezogen auf das Jahr vermindert.

 

[Tabelle I]

»Betrachten wir bloß die Arbeitsperioden, so hat

                  Kapital I produziert                                    6 * 450 = 2.700 Pfd.St.

                  Kapital II produziert                                   51/2 * 450 = 2.400 Pfd.St.

                    also zusammen                                         52/3 * 900 = 5.100 Pfd.St.

Das vorgeschoßne Gesamtkapital von 900 Pfd.St. hat also 52/3mal im Jahr als produktives Kapital fungiert. Ob stets 450 Pfd.St. im Produktionsprozeß und stets 450 Pfd.St. im Zirkulationsprozeß abwechselnd, oder ob 900 Pfd.St. während je 41/2 Wochen im Produktionsprozeß und während der folgenden 41/2 Wochen im Zirkulationsprozeß fungieren, ist für die Produktion von Mehrwert einerlei.

Betrachten wir dagegen die Umschlagsperioden, so hat

                       Kapital I                                    52/3 * 450 = 2.550 Pfd.St.

                       Kapital II                                   51/6 * 450 = 2.325 Pfd.St.

                 also das Gesamtkapital                       55/12 * 900 = 4.875 Pfd.St.

umgeschlagen. Denn der Umschlag des Gesamtkapitals ist gleich der Summe der von I und II umgeschlagnen Beträge, dividiert durch die Summe von I und II.« (S.272)

 

Die beiden Kapitalien lassen sich als Teile des gesellschaftlichen Gesamtkapitals auffassen.

 

»Schließlich aber ist die Umschlagszahl des gesamten gesellschaftlichen Kapitals gleich der Summe des in den verschiednen Produktionssphären umgeschlagnen Kapitals, dividiert durch die Summe des in diesen Produktionssphären vorgeschoßnen Kapitals.« (S.273)

(2)   Wenn die Arbeitsperiode größer als die Zirkulationsperiode ist, durchkreuzen sich die Bewegungen der Einzelkapitalien.

Trotz dieser Durchkreuzung gelten die gleichen Formeln:

»Es ändert dies aber nichts daran, daß nach wie vor 1. die Zahl der Arbeitsperioden des vorgeschoßnen Gesamtkapitals gleich ist der Summe des Werts des Jahresprodukts beider vorgeschoßnen Kapitalteile, dividiert durch das vorgeschossne Gesamtkapital, und 2. die Umschlagszahl des Gesamtkapitals gleich ist der Summe der beiden umgeschlagnen Beträge, dividiert durch die Summe der beiden vorgeschoßnen Kapitale.« (S.273)

Die Einzelkapitalien haben keinen voneinander getrennten Arbeits- und Zirkulationsphasen. Vielmehr wird am Ende jeder Arbeitsperiode Geldkapital »freigesetzt«.

(3)   Wenn die Zirkulationsperiode größer als die Arbeitsperiode ist, kommt es zu einer Durchkreuzung, wenn beide in keinem geraden Verhältnis stehen.

[Tabelle IV]

»Es findet also Freisetzung von Kapital am Schlusse der Arbeitsperiode statt, sobald die Umlaufzeit nicht ein einfaches Multipel der Arbeitsperiode bildet; und zwar ist dies freigesetzte Kapital gleich dem Kapitalteil, welcher den Ueberschuss der Zirkulationsperiode über eine Arbeitsperiode oder über ein Multipel von Arbeitsperioden auszufüllen hat.« (S.280)

(4)   Resultate: Mit Ausnahme des Falles, dass Zirkulations- und Arbeitsperiode genau gleich lang sind, wird immer ein Teil des Gesamtkapitals zum Ende jeder Arbeitsperiode freigesetzt. Das bedeutet auch, dass sich ein Teil ständig und ein größerer Teil des Kapitals periodisch in Form von Geldkapital befindet. Das für Arbeitslohn zu verausgabende Kapital muss als Geldkapital gehalten werden, der für Roh- und Hilfsstoffe gehaltene Teil wird, je nach Marktverhältnissen, auch z.T. in produktiven Vorrat verwandelt.

»Das so durch den bloßen Mechanismus der Umschlagsbewegung freigesetzte Geldkapital (neben dem durch den sukzessiven Rückfluß des fixen Kapitals und dem in jedem Arbeitsprozeß für variables Kapital nötigem Geldkapital) muß eine bedeutende Rolle spielen, sobald sich das Kreditsystem entwickelt, und muß zugleich eine der Grundlagen desselben bilden.« (S.284)

Wenn sich die Zirkulationszeit verkürzt, wird Kapital freigesetzt und als Geldkapital ausgeschieden; wenn sie sich verlängert wird noch mehr Kapital nötig. Entsprechend wird Druck auf den Geldmarkt ausgeübt. Das hat aber »nicht das geringste zu tun … mit einer Änderung weder in den Preisen der Waren noch in der Masse der vorhandnen Zirkulationsmittel« (S.286)

► Engels meckert ein wenig: »Die unsichern Resultate dieser mühsamen Rechnerei haben Marx veranlaßt, einem - nach meiner Ansicht - tatsächlich wenig wichtigen Umstand eine unverdiente Wichtigkeit beizulegen. Ich meine das, was er ›Freisetzung‹ von Geldkapital nennt. …Worauf es im Text ankommt, ist der Nachweis, daß einerseits ein beträchtlicher Teil des industriellen Kapitals stets in Geldform vorhanden sein, andrerseits ein noch beträchtlicherer zeitweilig Geldform annehmen muß.« (S.286f)

► Indem sich die drei Kreisläufe kontinulierlich nebeneinander entwickeln, existieren auch die drei Formen des Kapitals notwendig nebeneinander: Insbesondre das Geldkapital erweist sich so nicht als verschwindende Form (wie in der einfachen Warenzirkulation), sondern als entscheidender Bestandteil des Kapitalumschlags: Geld muss nicht nur für Investitionen angesammelt werden, es strömt nicht nur stetig aus der Zirkulation zurück: Geld wird auch ständig allein wegen der Mechanik des Kapitalumschlags freigesetzt.

Eine Veränderung der Umlaufgeschwindigkeit setzt ebenfalls Geldkapital frei:

»Ist die Verkürzung der Umlaufszeit einmal eingetreten, so werden von den obigen 600 Pfd.St. statt 480 Pfd.St. nur 400 Pfd.St. in Produktionsvorrat rückverwandelt. Die übrigen 80 Pfd.St. werden in ihrer Geldform festgehalten und bilden mit den obigen 20 Pfd.St. für Arbeitslohn die 100 Pfd.St. ausgeschiednes Kapital. Obgleich diese 100 Pfd.St. vermittelst des Kaufs der 600 Pfd.St. Warenkapital aus der Zirkulation herkommen und ihr jetzt entzogen werden, indem sie nicht wieder in Arbeitslohn und Produktionselementen ausgelegt werden, so ist nicht zu vergessen, daß sie in Geldform wieder in derselben Form sind, worin sie ursprünglich in die Zirkulation geworfen wurden. Anfänglich wurden 900 Pfd.St. Geld in Produktionsvorrat und Arbeitslohn ausgelegt. Um denselben Produktionsprozeß auszuführen, sind jetzt nur noch 800 Pfd.St. nötig. Die hiermit in Geldform ausgeschiednen 100 Pfd.St. bilden jetzt ein neues, Anlage suchendes Geldkapital, einen neuen Bestandteil des Geldmarkts. Sie befanden sich zwar periodisch schon früher in der Form von freigesetztem Geldkapital und von zuschüssigem Produktivkapital, aber diese latenten Zustände selbst waren Bedingung für die Ausführung, weil für die Kontinuität, des Produktionsprozesses. Jetzt sind sie nicht mehr dazu nötig und bilden deswegen neues Geldkapital und einen Bestandteil des Geldmarkts, obgleich sie durchaus weder ein zuschüssiges Element des vorhandnen gesellschaftlichen Geldvorrats bilden (denn sie existierten beim Beginn des Geschäfts und wurden durch es in die Zirkulation geworfen) noch einen neuakkumulierten Schatz.« (S.289f)

(5)   Wirkung von Preiswechseln:

a)      Preiswechsel der Produktionsmittel

Entsprechend dem Preiswechsel ist zusätzliches Kapital nötig, bzw. wird kapital freigesetzt. Das hat Einfluss auf die Stufenleiter der Produktion oder auf den Geldmarkt.

b)     Preiswechsel im Produktpreis

Dadurch wird Kapital unmittelbar gewonnen oder verloren. Es muss also ersetzt werden oder es wird freigesetzt.