Der Austauschprozess

Die Bestimmungen der Ware, vor allem der Wertform, bis zur Herausbildung des allgemeinen Äquivalents im Geld geben Aufschluss über Denken und Handeln der bürgerlichen Individuen. Austauschprozess und Geld, in Kapitel 1 begrifflich aus der Ware entwickelt, stellen sich nun als Notwendigkeit für die Individuen dar.[1]

(1)    Die Waren können sich nur dadurch aufeinander beziehen, dass Warenbesitzer ein Willensverhältnis eingehen.[2]

Bislang war nur von Waren die Rede gewesen, die in einem Austauschverhältnis zueinander stehen. Aber Dinge können dieses Verhältnis nicht aus sich heraus erzeugen. (Das Wertverhältnis ist, anders als natürliche Eigenschaften wie Gravitation oder Magnetismus nicht in den Dingen selbst vorhanden.) Die Produkte müssen also ›von außen‹ aufeinander bezogen werden und Waren zu werden.[3] Die Bestimmungen der Ware erscheinen als Beziehungen der Subjekte.

Es ist nicht besonders überraschend, dass es Menschen sind, die Waren ›aufeinander beziehen‹, sprich: sie kaufen oder verkaufen. Das Verhältnis der Warenbesitzer weist aber einige Eigentümlichkeiten auf:

a.       Die Warenbesitzer müssen sich zueinander »als Personen verhalten, deren Willen in jenen Dingen haust« (S.99)

·        Die Warenbesitzer sind nicht bloße Subjekte, sondern Personen, d.h. sie nehmen ein recht abstraktes Verhältnis zu sich ein: sie sehen ab von ihren konkreten Bestimmungen (Wünsche, Interessen) und treten als bloß ›abstraktes Ich‹ auf, das sich inhaltlich von keinem anderen Ich unterscheidet.

·        Der Wille der Warenbesitzer »haust« in den Dingen, heißt hier nur soviel: Sie benutzen nicht bloß einen Gegenstand, sondern erklären ihn zu ihrem Eigentum. Damit wird auch ihre Beziehung zueinander eigentümlich abstrakt: Zwei Personen stehen einander gegenüber und machen nicht ihre ihren subjektiven Willen, nicht ihre konkreten Interessen geltend, sondern sind bloß Agenten für Gegenstände, auf die sich ihr abstrakter Wille bezieht.

b.      Sie müssen sich als Privateigentümer anerkennen.[4]

c.      Das Verhältnis ist ein Rechtsverhältnis. Seine Form ist der Vertrag. Dieses Rechtsverhältnis ist ein Willensverhältnis. Herkunft des Rechts.

d.      Das Rechtsverhältnis spiegelt das ökonomische Verhältnis wider. Der Inhalt ist durch das ökonomische Verhältnis selbst gegeben. (Vgl. die verdrehte Darstellung dieses Sachverhalts bei Hegel.)[5]

► Ganz ideologisch wurde das von Proudhon aufgefasst. Aus den Rechtsverhältnissen, die Resultate der Warenproduktion sind, hat er ein Ideal der Gerechtigkeit gebildet und an dem dann die realen Rechtsverhältnisse und die Realität der Warenproduktion gemessen. Er ist also auf der Stufe des falschen Bewusstseins (1.4) geblieben. (Sie auch bei den Freiwirtschaftlern.)

e.      Die Personen gelten nur als ökonomische Charaktermasken. (An dieser Stelle ist die Charaktermaske noch recht einfach, es gibt aber entwickeltere Formen. Damit soll nicht gesagt sein, dass die Personen ›unmenschlich‹ würden und bloß noch ans Geschäft denken, etc. Hier ist nicht davon die Rede, dass die subjektiven Interessen, Wünsche, Einstellungen, usw. durch die kapitalistische Gesellschaft geprägt würde. Vielmehr wird von diesem konkreten Inhalt gerade abgesehen und zwar praktisch: in der Austauschbeziehung erscheint dieser Inhalt nämlich nicht. Dort sind die Individuen nichts anderes als Charaktermasken. Alles was sie sonst noch sind, sind sie außerhalb des Austauschverhältnisses.)

(2)    Der Austausch realisiert den Wert und den Gebrauchswert.[6]

Der Austausch ist der gesellschaftliche Stoffwechsel.[7]

Alle Waren sind Gebrauchswerte für ihre Nicht-Besitzer und Nicht-Gebrauchswerte für ihre Besitzer.[8] Dieser Widerspruch wird durch den Austausch gelöst.[9] Erst durch den Austausch kann der Wert und dann und dadurch der Gebrauchswert realisiert werden. (Der Austausch bestimmt aber nicht die Wertgröße.[10]) Andererseits müssen sie sich als Gebrauchswerte bewähren, um als Werte realisiert werden zu können.

► Es handelt sich hier aber keineswegs um einen ruhigen, bloß gedanklichen Widerspruch. Eine Ware kann nur als Gebrauchswert dienen, wenn sie zuvor ausgetauscht wurde, also ihren Wert realisiert hat. Um sich als Werte realisieren zu können, müssen sie sich schon als Gebrauchswerte bewährt haben. Das setzt – bei vollständig warenproduzierender Gesellschaft – den Austausch schon voraus. Ein Hinweis auf die Eigenschaften der Ware reicht nicht, weil der Gebrauchswert ja wesentlich in der Beziehung  auf ein Bedürfnis besteht. »Ob sie andren nützlich, ihr Produkt daher fremde Bedürfnisse befriedigt, kann … nur ihr Austausch beweisen.« (101)

Dass etwas sowohl gesellschaftlich wie individuell erscheint ist die Art und Weise, wie der Warenfetisch im Handeln der Individuen erscheint und das bedeutet gleichzeitig, dass sich dieser Widerspruch in Geld auflösen muss.

Waren müssen verkauft werden. Sie werden nicht für den Konsum, sondern für den Handel produziert.[11]

Der Austausch vermittelt Produktion und Konsumtion.[12] Der Warentausch ist die entfremdete Form der gesellschaftlichen Beziehungen.[13]

(3)    Die Gesetze der Ware (ihre Bestimmungen) machen sich geltend im Handeln der Warenbesitzer.[14]

► Hier wird erklärt, wie sich der Fetischcharakter und die Bestimmungen der Waren gelten machen.

Die Bestimmungen ›Wert‹, ›Gebrauchswert‹ aber selbst ›Fetisch‹ und ›Wertform‹ sind nicht besonders uneinsichtig. Die Bestimmungen sind aber nicht bloß gedankliche Abstraktionen, die Marx seinen eigentlichen Ausführungen voranstellt, sondern sie äußern sich in der kapitalistischen Wirklichkeit. Dabei äußert sich der Grundwiderspruch, dass Privatarbeit als unmittelbar gesellschaftliche Arbeit dargestellt wird in der Form des Gegensatzes von Wert und Gebrauchswert.

Der gesellschaftliche Zusammenhang der Privatarbeiten wird hergestellt hinter dem Rücken der Produzenten und ohne deren Bewusstsein.[15]

»Aber derselbe Prozeß kann nicht gleichzeitig für alle Warenbesitzer nur individuell und zugleich nur allgemein gesellschaftlich sein.«

Was heißt das?

(4)    Das Geld ist notwendiges Produkt des Austauschprozesses[16]

(5)    Der unmittelbare Produktentausch.[17]

Die Voraussetzung des unmittelbaren Produktentauschs ist die gesellschaftliche Teilung der Arbeit.[18]

Es geht Marx nicht darum, eine historische Entwicklung nachzuzeichnen, sondern – und das ist nicht das Gleiche – wie sich die Bestimmungen der Ware durchsetzen und zwar im Verhalten der Subjekte.

Die Beziehungen der Subjekte ergeben sich eben nicht aus dem stofflichen Ding und irgendwie ›natürlich‹ ist das Verhalten als Warenbesitzer sowieso nicht.

Zweierlei ist wichtig:

1.      Zwischen dem Faktum eines Tauschakts und dem durchgesetzten Austauschprozess liegt eine Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse.

2.      Der durchgesetzte Warentausch verlangt auch die Entwicklung des Geldes.

Das Ganze wird historisch illustriert.

Die Warenproduktion verallgemeinert sich im Kapitalismus.[19] Warenproduktion und –zirkulation gibt es aber in verschiedenen Produktionsweisen.[20]

»In demselben Verhältnis, worin der Warenaustausch seine nur lokalen Bande sprengt, der Warenwert sich daher zur Materiatur menschlicher Arbeit überhaupt ausweitet, geht die Geldform auf Waren über, die von Natur zur gesellschaftlichen Funktion eines allgemeinen Äquivalents taugen, auf die edlen Metalle.« (S.104)[21]

(6)    Das Geld hat eine besondere Wertform, die Geldform.

Der Gebrauchswert der Goldware verdoppelt sind.

Waren- und Wertbestimmung beim Geld ändern sich zunächst nicht.

Verwirrung kommt zustande, weil Geld in besonderen Erscheinungsformen existieren kann, z.B. als Geldzeichen.

Das Geld ist aber nicht bloß ein Zeichen. Dahinter steckt die Vorstellung vom Geld als willkürlichem Reflexionsprodukt, was es nicht ist.

(7)    Der Warenfetisch erscheint im Geld als Geldfetisch.

Auch dem Geld ist sein Wert unmittelbar nicht anzusehen.

»Eine Ware scheint nicht erst Geld zu werden, weil die andren Waren allseitig ihre Werte in ihr darstellen, sondern sie scheinen umgekehrt allgemein ihre Werte in ihr darzustellen, weil sie Geld ist.« (S.107)

 



[1] »Aus dem Widerspruch der allgemeinen Charaktere des Werts mit seinem stofflichen Dasein in einer bestimmten Ware etc. – diese allgemeinen Charaktere sind dieselben, die später im Geld erscheinen – ergibt sich die Kategorie des Geldes« (29/315).

[2] Vgl MEW 13/28, 19/377, 42/167ff

[3] Vgl. MEW 13/28; 19/377; 42/168ff.

[4] Zur Entstehung des Privateigentums siehe 20/150f. Zum Zusammenhang von Arbeitsteilung und Privateigentum siehe 3/32.

[5] Vgl auch 21/80f: Warenbeziehung und Ehevertrag.

[6] Vgl. MEW 13/29ff, 23/87, 26.3/127f, 42/96f,167f

[7] Vgl. 13/37, 69; 25/93, 340; 42/33.

[8] Vgl. 13/28.

[9] »Man sah, daß der Austauschprozeß der Waren widersprechende und einander ausschließende Beziehungen einschließt. Die Entwicklung der Ware hebt diese Widersprüche nicht auf, schafft aber die Form, worin sie sich bewegen können. Dies ist überhaupt die Methode, wodurch sich wirkliche Widersprüche lösen.« (23/118)

Vgl. auch 13/30; 26.3/128.

[10] Vgl. 23/78; 26.1/175f.

[11] Vgl. 20/254; 26.1/130; 26.2/509f.

[12] »Gebrauchsgegenstände werden überhaupt nur Waren, weil sie Produkte voneinander unabhängig betriebner Privatarbeiten sind. Der Komplex dieser Privatarbeiten bildet die gesellschaftliche Gesamtarbeit.« (23/83)

Vgl. auch 13/29ff; 42/24f, 83, 168.

[13] Vgl. 40/250f.

[14] Vgl. 20/291 (blind wirkendes Naturgesetz); 42/180.

[15] Vgl. MEW 13/31f, 19/214f; 20/285f; 42/96f.

[16] Vgl. 13/37; 26.3/84; 42/79f, 100f.

[17] Vgl. 20/287; 23/372; 26.3/108, 283; 42/199f. Zur Entstehung der einfachen Warenproduktion: 20/150, 253f; 25/907ff.

[18] 13/74.

[19] Vgl. 23/613; 24/39, 41, 119f; 25/322, 886f, 889; 26.3/108, 283.

[20] »Vergleiche meine Bemerkungen über James Mill, ›Zur Kritik etc.‹, p. 74-76 [Siehe Band 13, S. 77-79]. Zwei Punkte sind hier charakteristisch für die Methode der ökonomistischen Apologetik. Erstens die Identifizierung von Warenzirkulation und unmittelbarem Produktenaustausch durch einfache Abstraktion von ihren Unterschieden. Zweitens der Versuch, die Widersprüche des kapitalistischen Produktionsprozesses wegzuleugnen, indem man die Verhältnisse seiner Produktionsagenten in die einfachen Beziehungen auflöst, die aus der Warenzirkulation entspringen. Warenproduktion und Warenzirkulation sind aber Phänomene, die den verschiedensten Produktionsweisen angehören, wenn auch in verschiednem Umfang und Tragweite. Man weiß also noch nichts von der differentia specifica <dem kennzeichnenden Unterschied> dieser Produktionsweisen und kann sie daher nicht beurteilen, wenn man nur die ihnen gemeinschaftlichen, abstrakten Kategorien der Warenzirkulation kennt. In keiner Wissenschaft außer der politischen Ökonomie herrscht so große Wichtigtuerei mit elementarischer Gemeinplätzlichkeit. Z.B. J. B. Say nimmt sich heraus, über die Krisen abzuurteilen, weil er weiß, daß die Ware Produkt ist.« (23/127, Anm 73).

[21] Zu den Eigenschaften der Geldware siehe 13/35.