Die Wertform[1]

 

► Zum Aufbau des Kapitels: Die jeweils früheren Stufen sind  Kritik an den vorausgehenden. Sie überwinden deren Mangel und stellen dadurch ihre Konsequenz dar. In der Entwicklung von Wertbegriff zu Wertform wird der innere Zusammenhang zwischen Wertgröße, Wertsubstanz und Wertform dargestellt (Marx nennt das ›ideell ausgedrückt‹[2]).

► Die Analyse des Werts(v.a. der Wertform aber auch der Wertsubstanz) war in den verschiedenen Ausarbeitungsstadien bei Marx z.T. sehr unterschiedlich dargestellt worden. Das war vor allem auf Marx’ Bemühen zurückzuführen, die Kritik der politischen Ökonomie allgemeinverständlich auszudrücken.[3]

(1)    Der Widerspruch der Ware drückt sich aus in den zwei Polen der Wertform.

Waren haben zwei Erscheinungsformen: ihre Naturalform und ihre Wertform.

► Der Begriff der Ware enthält einen Widerspruch. Dieser Widerspruch ist in der Ware selbst enthalten. Es wird eine Form notwendig, in der sich der Doppelcharakter äußern kann.[4]

Die Wertform sieht man der einzelnen Ware nicht an. Die Wertgegenständlichkeit der Ware ist als Ausdruck einer gesellschaftlichen Einheit – der Arbeit – nur in einem gesellschaftlichen Verhältnis sichtbar. Weil der Wert nur in diesem Verhältnis sichtbar ist, muss er jetzt genauer untersucht werden.

► Den Gebrauchswert sieht man einer Ware ebenso wenig an, wie den Wert. Er besteht wesentlich aus der Beziehung auf die Bedürfnisse der Menschen, aus subjektivem und objektivem Moment. Der Gebrauchswert erscheint in der Naturalform der Ware. Mit dem Wert ist es etwas verzwickter, weil er zwar in der Ware steckt, aber eben keine sinnlich beobachtbare Eigenschaft ist, so wie das beim bedürfnisbefriedigenden Gebrauchswert der Fall ist. Hier spielen zwei Momente zusammen: Erstens die Arbeit als gesellschaftliche Einheit; Ware ist also etwas wesentlich gesellschaftliches. Der Wert kann nicht an einer einzelnen Ware erscheinen. Er kann das nur, wenn die Ware und die Gesellschaft vermittelt sind, was im Austauschprozess geschieht. Das ist das zweite Moment: es bedarf bestimmter gesellschaftlicher Zustände, damit das gesellschaftliche Verhältnis als sachliche Eigenschaft der Waren erscheint. Beide Momente bestimmen den Warenwert.

Die Geldform ist die Wertform, die als erstes ins Auge fällt. Sie ist aber nur zu verstehen, wenn sie aus der einfachsten Wertform, dem Wertverhältnis zweier verschiedenartiger Waren, hergeleitet wird.

►Welches Verhältnis besteht zwischen Marx Ökonomik und Hegels Logik? Dieses beliebte Thema philosophische Abhandlungen soll hier nur insoweit interessieren, als es das Verständnis der politischen Ökonomie verlangt.

Richtig ist, dass Marx von Hegel beeinflusst war und sich in Terminologie und Darstellung manchmal an ihm orientierte. Weniger klar ist schon, ob Marx nur Strukturen der Logik in der politischen Ökonomie wiedergefunden oder in sie hineingelesen hat. Jedenfalls scheint das Urteil von Backhaus[5], Lakebrink[6], Lenin[7] und anderer übertrieben, dass Marx nur auf der Basis fundierter Hegelkenntnisse verständlich wäre.

Freilich lassen sich, und das ist etwas ganz anderes, einige Missverständnisse vermeiden. Das soll darum im Folgenden an geeigneten Stellen geschehen. Hier nur soviel: Wenn Marx von ›Gegensatz‹, ›Widerspruch‹, ›Form‹, ›Inhalt‹, ›Erscheinung‹, ›Einheit‹ spricht, dann lässt sich das verstehen, ganz ohne zu Hegel zu greifen, wenn man sich klarmacht, was da von Marx dargestellt wird. Man muss diese Begriffe also recht wörtlich nehmen. Sie verschließen sich dem Verständnis aber, wenn man sie als bloß sprachliche Floskeln, als ›Hegeleien‹ abtut.

(2)     Einfache Wertform: Eine Ware A drückt ihren Wert aus im Material der Ware B.

 

x Ware A = y Ware B

 

Ware A befindet sich in relativer Wertform, Ware B in Äquivalentform; beides sind Formen, in denen sichj eine Ware befindet. Die beiden Pole müssen durch verschiedene Waren vertreten werden. (»50 Fahrräder = 50 Fahrräder« ist nicht nur keine sinnvolle Gleichung, die ja immer eine Identität von Nichtidentischem sein muss, sondern erfüllt auch nicht den Zweck, die Waren auf etwas Gemeinsames, den Wert, zurückzuführen. Praktisch äußert sich dass darin, dass ein solcher Austausch nie zustande kommt.)

► Es ist keine Sophisterei, wenn man Marx betont, dass die Waren zwar die umgekehrte Stellung im Wertausdruck zueinander annehmen können, das aber eben zu einem andren Wertausdruck führt: »Aber so muss ich doch die Gleichung umkehren« (S.63). Hier geht es nämlich darum, dass die beiden Pole eine ganz verschiedene Rolle spielen: Identität von Nichtidentischem heißt in diesem Fall: Zwei Waren werden als Werte gleichgesetzt (das ist das Identische), gelten aber in diesem Ausdruck in verschiedener Hinsicht. Ware A gilt unter dem Wertgesichtspunkt (ihr Wert soll ja ausgedrückt werden, sonst bräuchte man sie gar nicht in Beziehung zu einer andren Ware setzen), Ware B aber als Naturalform: sie wird unter dem Gesichtspunkt des Gebrauchswerts betrachtet, denn sie stellt das Material dar, in dem sich der Wert der Ware A ausdrücken soll. Und diesem Material ist der Wert nicht anzusehen.

► Die »eigentliche Schwierigkeit« ist es, das »Geheimnis der Wertform« zu entdecken. Dieses Geheimnis erscheint zunächst als ›Geldrätsel‹ und besteht darin, dass dem Geld scheinbar von Natur aus Wert zukommt. (Zu seiner Erscheinung als Geldfetisch siehe Kapitel 2). Marx löst dieses Geldrätsel auf, indem er erstens die Wertform aus dem Doppelcharakter der Ware ableitet und zweitens zeigt, dass schon in der einfachen Wertform die Ware in Äquivalentform scheinbar von Natur aus Wert besitzt. Das ›Rätsel‹ steckt also in der Wertform, lange bevor diese sich zur Geldform entwickelt hat.

(3)    Der bei der Analyse der Ware gewonnene Wert tritt erst in Erscheinung im Wertverhältnis einer Ware zur anderen.

Es wurde also zunächst der Wert (genaugenommen: die Wertsubstanz) analysiert und nun daraus entwickelt, wie der Wert erscheint, sich äußert.

»Sagen wir: als Werte sind die Waren bloße Gallerten menschlicher Arbeit, so reduziert unsre Analyse dieselben auf die Wertabstraktion, gibt ihnen aber keine von ihren Naturalformen verschiedne Wertform. Anders im Wertverhältnis einer Ware zur andern. Ihr Wertcharakter tritt hier hervor durch ihre eigne Beziehung zu der andern Ware.« (S.65)

Dabei ist zunächst noch vom quantitativen Verhältnis abzusehen und folgendes festzuhalten: In eine Gleichung können zwei Waren nur als Ausdruck einer gleichen Einheit, also als Wertgrößen eingehen (denn in keiner andren Hinsicht sind zwei Waren gleich). Die Waren sind außerdem Gebrauchswerte, im Wertausdruck verglichen werden aber nur die Werte.

Nun werden die verschiedenen Rollen von Ware A und B verdeutlicht: Ware A drückt ihren Wert aus, indem sie sich auf Ware B als ihr Äquivalent bezieht. Ware B gilt nur als Wertding, weil B nur so der Ware A gleich ist. Aber auch Ware A ist bloß als Wert auf die Ware A bezüglich.

► Dem widerspricht nicht, wenn später gesagt wird, dass der Wert der Ware A sich im Gebrauchswert der Ware B ausdrückt: Der Wert nimmt zwar diese Erscheinungsform an, aber gleichgesetzt (und nur darum geht es hier) werden nur die Werte.

(4)    Indem sich beide Waren nur als Werte gegenübertreten, gelten auch die Arbeiten, die sie hervorgebracht haben, nur als allgemein menschliche Arbeit.

Die Gleichsetzung die ja im Austauschprozess reell stattfindet, reduziert die verschiedenen Arbeiten tatsächlich auf ihren gemeinsamen Charakter (Realabstraktion).

»Einer der ersten Ökonomen, der nach William Petty die Natur des Werts durchschaut hat, der berühmte Franklin, sagt: ›Da der Handel überhaupt nichts ist als der Austausch einer Arbeit gegen andre Arbeit, wird der Wert aller Dinge am richtigsten geschätzt in Arbeit.‹ (›The Works of B. Franklin etc.‹, edited by Sparks, Boston 1836, v. II, p .267.) Franklin ist sich nicht bewußt, daß, indem er den Wert aller Dinge ›in Arbeit‹ schätzt, er von der Verschiedenheit der ausgetauschten Arbeiten abstrahiert - und sie so auf gleiche menschliche Arbeit reduziert. Was er nicht weiß, sagt er jedoch. Er spricht erst von ›der einen Arbeit‹, dann ›von der andren Arbeit‹, schließlich von ›Arbeit‹ ohne weitere Bezeichnung als Substanz des Werts aller Dinge.« (S.65, Anm.17a)

(5)    Der Wert ist nicht Arbeit, sondern geronnene, vergegenständlichte Arbeit.

Arbeit bildet Wert, hat aber keinen Wert.[8]

► Warum ist dieser Unterschied hier wichtig?

Die Waren haben daher eine, von ihrer Naturalform verschiedene Gegenständlichkeit, die sie mit anderen Waren gemein haben. Der Wert kann nur ausgedrückt werden erstens als Gegenständlichkeit und zweitens als eine, die von der Naturalform dinglich verschieden ist.

(6)    Der Wert einer Ware wird im Gebrauchswert einer anderen ausgedrückt.

»Vermittelst des Wertverhältnisses wird also die Naturalform der Ware B zur Wertform der Ware A oder der Körper der Ware B zum Wertspiegel der Ware A. Indem sich die Ware A auf die Ware B als Wertkörper bezieht, als Materiatur menschlicher Arbeit, macht sie den Gebrauchswert B zum Material ihres eignen Wertausdrucks. Der Wert der Ware A, so ausgedrückt im Gebrauchswert der Ware B, besitzt die Form des relativen Werts.« (S.67)

Die Ware in Äquivalentform stellt in ihrer Naturalform Wert da, aber nur im Wertverhältnis. Eine einzelne Ware drückt ihren Wert niemals aus, sie kann es nur im Wertverhältnis tun, indem sie ihn in der Naturalform, also im Gebrauchswert einer andren Ware ausdrückt. Ware B kann nur Wert darstellen, indem der Wert gleichzeitig die Form der Ware B annimmt.

»In der Produktion des Rockes ist tatsächlich, unter der Form der Schneiderei, menschliche Arbeitskraft verausgabt worden. Es ist also menschliche Arbeit in ihm aufgehäuft. Nach dieser Seite hin ist der Rock ›Träger von Wert‹, obgleich diese seine Eigenschaft selbst durch seine größte Fadenscheinigkeit nicht durchblickt. Und im Wertverhältnis der Leinwand gilt er nur nach dieser Seite, daher als verkörperter Wert, als Wertkörper. Trotz seiner zugeknöpften Erscheinung hat die Leinwand in ihm die stammverwandte schöne Wertseele erkannt. Der Rock kann ihr gegenüber jedoch nicht Wert darstellen, ohne daß für sie gleichzeitig der Wert die Form eines Rockes annimmt. So kann sich das Individuum A nicht zum Individuum B als einer Majestät verhalten, ohne daß für A die Majestät zugleich die Leibesgestalt von B annimmt und daher Gesichtszüge, Haare und manches andre noch mit dem jedesmaligen Landesvater wechselt.

Im Wertverhältnis, worin der Rock das Äquivalent der Leinwand bildet, gilt also die Rockform als Wertform. Der Wert der Ware Leinwand wird daher ausgedrückt im Körper der Ware Rock, der Wert einer Ware im Gebrauchswert der andren. Als Gebrauchswert ist die Leinwand ein vom Rock sinnlich verschiednes Ding, als Wert ist sie ›Rockgleiches‹ und sieht daher aus wie ein Rock. So erhält sie eine von ihrer Naturalform verschiedne Wertform. Ihr Wertsein erscheint in ihrer Gleichheit mit dem Rock wie die Schafsnatur des Christen in seiner Gleichheit mit dem Lamm Gottes.« (S.66)

(7)    Die Wertform drückt den Wert außerdem quantitativ bestimmt aus.

Nur die Wertform drückt Wert überhaupt aus (außerhalb der Wertform erscheint er nicht). Die quantitative Bestimmung, also die Proportion in der zwei Waren gleich viel wert sind, kann sich daher auch nur im Wertausdruck zeigen.

(8)    Der Wechsel der Produktivkraft bewirkt eine gegengesetzte Bewegung des Werts.

»Wirkliche Wechsel der Wertgröße spiegeln sich also weder unzweideutig noch erschöpfend wider in ihrem relativen Ausdruck oder in der Größe des relativen Werts.« (S.69)

(9)    Die Äquivalentform ist die Form der unmittelbaren Austauschbarkeit mit andrer Ware. Sie enthält keine quantitative Wertbestimmung.

Nur weil die Ware B unmittelbar mit ihr austauschbar ist, kann Ware A ihr ›Wertsein‹ zum Ausdruck bringen, also die Tatsache, dass sie Wert hat.

► Der Wert kann also ausgedrückt werden, ohne dass etwas andres als die Naturalform an den Waren angenommen wird. Marx hatte eingangs den Begriff des Werts dargelegt, gezeigt dass der Wert durch abstrakte, allgemein menschliche Arbeit geschaffen wird und dass sich im Wert also ein gesellschaftliches Verhältnis ausdrückt. Als das erscheint nun im Wertausdruck nicht. Der Wert und seine Bestimmungen scheinen der Äquivantenform gleichsam von Natur aus zuzukommen. Dass der Wert durch die in der Waren vergegenständlichten Arbeitszeit bestimmt wird, ergab sich aus der Analyse der Ware, zeigt sich nun aber im Wertausdruck nicht mehr. Der Wert einer Ware drückt sich in der Naturalform einer andren aus und dieser Naturalform scheint der Wert eigen zu sein, sie drückt ihn ihrerseits nicht aus, denn an ihr selbst ist er je nicht sichtbar.

(10)  Der Gebrauchswert wird zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts.[9]

Eine Ware kann sich nicht auf sich selbst als Äquivalent beziehen. Die relative Wertform verbirgt das gesellschaftliche Verhältnis. Der Ware in Äquivalentform scheint der Wert dagegen ›von Natur aus‹ zuzukommen. Das gesellschaftliche Verhältnis erscheint als sachliche Eigenschaft des Gegenstands.

► Die Eigenschaft eines Dings entspringt nicht seiner Beziehung zu anderen. Sie kann sich in solchen Beziehungen nur zeigen. Es ist dem Beobachter des Warentauschs daher rätselhaft, wo der Wert herkommt, denn er kann ihn am Gegenstand der Ware zunächst nicht entdecken. Weil das bürgerliche Bewusstsein hier scheitert, wird die Herkunft des Werts mystifiziert und der Ware zugeschrieben, die ihn in Äquivalentform scheinbar von Natur aus besitzt. Diese bürgerliche Betrachtungsweise übersieht, dass die Ware mit dem Wert zwar tatsächlich eine Eigenschaft hat, der sich in der Beziehung zur anderen Ware nur ausdrückt, aber die Eigenschaft der Ware keineswegs natürlicherweise zukommt, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis darstellt. Es gilt also zu verstehen, erstens wie der Wert bestimmt wird (nicht durch die Ware, sondern durch die notwendige Arbeitszeit) und zweitens warum der Wert überhaupt erscheint (nämlich nur unter ganz bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen, denen der Warenproduktion).

► Damit wären auch diejenigen zu kritisieren, die Marx Kritik an der in der bürgerlichen Gesellschaft gewaltsam durchgesetzten Wertabstraktion zu einer ›Ökonomie der Zeit‹ umlügen (›real-existierender Sozialismus‹). Sei fallen der Ideologie zum Opfer, die sich aus der Warenproduktion ergeben hat (und die Marx eigentlich ausführlich aufgedröselt und aufgewiesen hat): Nämlich, dass der Wert irgendwas mit den Waren zu tun hätte, dass der Wert also eine natürliche Eigenschaft der Waren wäre und uns Aufschluss geben könnte, wie welche Waren zu produzieren wären. Das ist nochmals festzuhalten: Die Wertbestimmung kann weder helfen, die gesellschaftliche Gesamtarbeit zu minimieren, noch Arbeiter gerecht zu bezahlen, noch die ökonomischen Ressourcen effizient einzusetzen. Der Witz an der Wertbestimmung ist einzig – das als Vorgriff – dass die Arbeitskraft gegenüber dem Arbeitsprodukte entwertet wird. Anders ausgedrückt: Durch die Arbeit eignet sich der Mensch die Natur in einer für ihn brauchbaren Form an. Weil die Arbeitskraft weniger gilt als das Arbeitsprodukt, erscheint auch die Arbeit nur noch als Faktor in diesem Prozess (und dieser Prozess ist die Arbeit). (Was sich ökonomisch als Wertabstraktion ausdrückt, muss sich gesellschaftlich als Proletarisierung und staatlicherseits als Durchsetzung der Eigentumsordnung äußern.

Der Beweis des Wertverhältnisses ist in der Analyse der realen Verhältnisse enthalten (32/552).

(11)  Konkrete Arbeit wird zur Erscheinungsform ihres Gegenteils, abstrakt menschlicher Arbeit.

(12)  Privatarbeit wird zur Erscheinungsform ihres Gegenteils, Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form.

Der Warenproduzent besitzt seine Lebensmittel nicht, sondern er schafft etwas, was er gegen sie tauschen kann. Die Arbeitsprodukte müssen also gesellschaftliche Form annehmen. In ihrer Naturalform hat die Ware aber keinen gesellschaftlichen Charakter.[10]

► Als Geld sind diese Eigentümlichkeiten mystifiziert. Gold erscheint als Repräsentant des Werts schlechthin.

Der Wert ist historische Form der gesellschaftlichen Arbeit.[11]

(13)   Die Ware ist Einheit von Gebrauchswert und Wert.

Der Wert drückt sich aus im Tauschwert[12].

► Der Gebrauchswert drückt sich aus in den nützlichen Eigenschaften der Ware, also in ihrer Naturalform.

Die Wertform ergibt sich aus der Natur des Warenwerts, nicht umgekehrt.

Die einfache Wertform ist die einfachste Erscheinungsform des Gegensatzes (!) von Gebauchswert und Wert.[13] Der Widerspruch von Wert und Gebrauchswert wird jetzt aufgehoben, indem beide Momente eine Einheit bilden[14].

► Warum bilden Gebrauchswert und Wert einen Gegensatz?[15]

Der Grundwiderspruch besteht darin, dass sich die Privatarbeit als unmittelbar gesellschaftliche Arbeit darstellen muss.[16][Warum?] Dieser Grundwiderspruch erhält seine einfachste Form in der Ware als Einheit von Wert und Gebrauchswert.[17] ›Die Ware ist Tauschwert‹ und ›Die Ware ist Gebrauchswert‹. Das ist ein Widerspruch. Diesen Widerspruch schafft man nicht aus der Welt, indem man aus beiden Bestimmungen eine Einheit bildet. Gewiss, sie bilden eine Einheit. Aber der Gegensatz von Wert und Gebrauchswert verschwindet dadurch nicht. (Im Widerspruch macht sich der Gegensatz nur geltend.) Es ist kein gedanklicher Widerspruch, der verschwinden würde, wenn man sich einen richtigen Begriff von der Sache machen würde. (Bestimmungen wie ›rot‹ und ›viereckig‹ sind unterschiedlich, aber nicht widersprüchlich.)

Zum Widerspruch, zur widersprüchlichen Einheit wird der Gegensatz, indem sich beide Momente gleichzeitig Geltung verschaffen. (Hier zeigt sich das Reale dieses Widerspruchs, weil gerade ein Festhalten einer der Momente des Widerspruchs der Wirklichkeit nicht gerecht wird.) Das gilt im Austausch, im Begriff des Geldes, des Kapitals, usf.[18]

(14)  Das Arbeitsprodukt ist immer Gebrauchswert, aber nur in bestimmten Gesellschaftsformen Ware.

Das Arbeitsprodukt ist nur Ware, wenn erstens für den Austausch produziert wird und zweitens die zur Produktion notwendige Arbeit als gegenständliche Eigenschaft des Produkts dargestellt wird.

Die Entwicklung der Warenform fällt zusammen mit der Entwicklung der Wertform.

(15)  Die Mängel der einfachen Wertform verweisen auf die vollständige Wertform.

Die Unzulänglichkeit der einfachen Wertform zeigt sich darin, dass nur das Austauschverhältnis zu einer andren Warenart dargestellt wird und nicht ihre qualitative Gleichheit mit allen andren Waren. Sie geht von selbst in ihre vollständige Form über, indem sie zwar mit einer aber mir einer beliebigen Ware äquivalent ist.

► Die Darstellungsweise ist dialektisch. Hier ist nicht von einer historischen Entwicklung die Rede. Die entwickelte Form ergibt sich aus der einfachen, die unmittelbare Erscheinung entwickelt sich.

(16)  Die entfaltete Wertform zeigt die Gleichheit einer Ware gegenüber allen anderen Warenarten.

 

x Ware A

=

a Ware B

 

=

b Ware C

 

=

w Ware D

 

Es wird nicht mehr bloß zufällig der Wert der einen Ware in einer andren ausgedrückt, sondern sowohl in Ware A als auch in Ware B usw.[19]

► In der zweiten Wertform entfalten sich die Bestimmungen, die schon in der einfachen Wertform steckten. In der einfachen Wertform haben sich diese Bestimmungen aber nur als Einzelne gezeigt, ihr allgemeiner Charakter war im Begriff der einfachen Wertform nicht ausgedrückt. Was sich in der Vielzahl einzelner Wertformen zeigte, zeigt sich jetzt an der entfalteten Wertform einer Ware.

»Das zufällige Verhältnis zweier individueller Warenbesitzer fällt fort. Es wird offenbar, daß nicht der Austausch die Wertgröße der Ware, sondern umgekehrt die Wertgröße der Ware ihre Austauschverhältnisse reguliert.« (S.78)

(17)  Alle anderen Waren sind jetzt Äquivalente und damit Wertkörper.

► Was sind Wertkörper?

Eine Vielzahl ganz verschiedener Naturalformen werden jetzt zur Erscheinungsform des Warenwerts, eine Vielzahl verschiedener konkreter Arbeiten zur Erscheinungsform abstrakt menschlicher Arbeit.

► Wiederum zeigt sich nun unmittelbar, was schon in der einfachen Wertform steckte.

► Gleichgesetzt werden im Wertausdruck die Warenwerte: Nur Gleiches kann verglichen werden. In der Äquivalentform wird aber der Gebrauchswert zur Erscheinungsform des Werts – nur den Gebrauchswert sieht man. Deshalb kann man sagen, dass sich der Wert der Ware, die in relativer Wertform ist, ausdrückt in der Ware, die in Äquivalentform ist.

(18)   Auch die entfaltete Wertform ist mangelhaft.

Die entfaltete relative Wertform ist (a) unfertig und (b) für jede Warenart unterschiedlich.

Die besondere Äquivalentform schließt alle andren Äquivalentformen aus. Sie ist besondere Erscheinungsform des Werts und besondere Erscheinungsform abstrakt menschlicher Arbeit – nicht aber deren erschöpfende Erscheinungsform.


(19)  In der allgemeinen Äquivalentform werden die Werte einfach (in einer Ware) und einheitlich (in derselben Ware) dargestellt.[20]

 

1 Rock

=

20 Ellen Leinwand

10 Pfund Tee

=

 

40 Pfund Kaffee

=

 

1 Quarter Weizen

=

 

x Ware A

=

 

usw.

 

 

 

»Erst diese Form bezieht daher wirklich die Waren aufeinander als Werte oder läßt sie einander als Tauschwerte erscheinen.« (S.80)

Der Wert ist jetzt nicht mehr von einem, sondern von allen Gebrauchswerten unterschieden. Die Wertgegenständlichkeit kann nur durch die »allseitige gesellschaftliche Beziehung« der Waren aufeinander ausgedrückt werden (Totalität der Warenwelt).

►Marx macht hier einige historische Bemerkungen. Damit sind nicht geschichtliche Epochen aufgelistet, nach denen die Weltgeschichte einzuteilen wäre, sondern ist bloß angemerkt, wo sich Wertformen historisch anschaulich zeigten. Es besteht aber offensichtlich keine Notwendigkeit, dass sich die Wertformen geschichtlich in dieser Reihenfolge zeigen, vor allem aber gibt es keine historische Entwicklung von der einfachen zur entfalteten usw. (wohl aber eine begriffliche).

Als qualitativ Gleiches sind die Waren quantitativ vergleichbare Wertgrößen.

(20) Die Äquivalentware wird allgemeines Äquivalent; sie ist unmittelbar austauschbar.

Die Äquivalentware wird zur Erscheinungsform menschlicher Arbeit überhaupt[21]. Die Privatarbeit »befindet sich zugleich in allgemein gesellschaftlicher Form, der Form der Gleichheit mit allen anderen Waren.« (S.81)

Die allgemeine Wertform ist gesellschaftlicher Ausdruck der Warenwelt. Innerhalb dieser Welt bildet »der allgemein menschliche Charakter der Arbeit ihren spezifisch gesellschaftlichen Charakter.« (S.81)

(21)  Entwicklung von relativer Wertform und Äquivalentform entsprechen sich.

Die Entwicklung der relativen Wertform spiegelt sich wider in der Entwicklung der Äquivalentform von der einzelnen über die besondere zur allgemeinen.

(22) Die beiden Pole des Wertausdrucks bilden nun einen Gegensatz.

In der ersten Form war der Gegensatz vorhanden aber nicht fixiert. In der zweiten Form kann sich nur eine Ware entfalten. In Form C hat die ganze Warenwelt relative Wertform. Alle Waren (bis auf eine) sind von der Äquivalentform ausgeschlossen.

»So erscheint jetzt die entfaltete relative Wertform oder Form II als die spezifische relative Wertform der Äquivalentware.« (S.83)

► Der Widerspruch der Ware ist nun ausgedrückt als Trennung aller Waren von einer.[22] Er wird nicht aufgelöst, sondern erhält nur eine Form, in der er sich bewegen kann. Der innere Gegensatz stellt sich jetzt als Gegensatz von je besondrer Ware und Äquivalent dar. Der Widerspruch muss im Austauschprozess gelöst werden, wenn Gebrauchs- und Tauschwert realisiert werden sollen. Das geschieht vermittels der Geldform[23].

(23) Die Ware in allgemeiner Äquivalentform schließt alle anderen Waren als Äquivalent aus.

Nur die eine Ware ist unmittelbar austauschbar. Dass dieser Charakter prinzipiell jeder Ware zukommen könnte, ändert nichts daran, dass er tatsächlich eben nur einer zukommt:

»Man sieht es der Form allgemeiner unmittelbarer Austauschbarkeit in der Tat keineswegs an, daß sie eine gegensätzliche Warenform ist, von den Form nicht unmittelbarer Austauschbarkeit ebenso unzertrennlich wie die Positivität eines Magnetpols von der Negativität des andren. Man mag sich daher einbilden, man könne allen Waren zugleich den Stempel unmittelbarer Austauschbarkeit aufdrücken, wie man sich einbilden mag, man könne alle Katholiken zu Päpsten mache. Für den Kleinbürger, der in der Warenproduktion das nec plus ultra <den Gipfel> menschlicher Freiheit und individueller Unabhängigkeit erblickt, wäre es natürlich sehr wünschenswert, der mit dieser Form verbundnen Mißstände überhoben zu sein, namentlich auch der nicht unmittelbaren Austauschbarkeit der Waren.« (S.82, Anm.24)

Die einheitliche relative Wertform hat erst dann »objektive Festigkeit«, wenn sich die Ausschließung auf eine bestimmte Ware beschränkt. Diese Ware wird dann zur Geldware. Historisch war das Gold oder Silber.

(24) Als Geldware wird eine Ware in ihrer Rolle als allgemeines Äquivalent fixiert.

 

1 Rock

=

2 Unzen Gold

10 Pfund Tee

=

 

40 Pfund Kaffee

=

 

1 Quarter Weizen

=

 

x Ware A

=

 

usw.

 

 

 

Geld hat bestimmte Eigenschaften, die aber nicht das Geld definieren, wie die moderne Volkswirtschaft meint.[24] Gold wird nur Geldware, weil es schon Ware ist: es »tritt den andren Waren nur als Geld gegenüber, weil es ihnen bereits als Ware gegenüberstand«. Für das Verständnis des Geldes ist also die Entwicklung von der einfachen Wertform bis zur Geldform entscheidend. Die Eigenschaften des Geldes bestimmen nur, welche Ware diese Funktion erfüllt, also warum Gold zur Geldware wurde. »Die einfache Warenform ist … der Keim der Geldform.« (S.85)



[1] Vgl. 42/75ff.

[2] »Das entscheidend Wichtige aber war den inneren notwendigen Zusammenhang zwischen Wertform, Wertsubstanz und Wertgröße zu entdecken, d.h. ideell ausgedrückt, zu beweisen, dass die Wertform aus dem Wertbegriff entspringt.« (MEGA II.5)

► Backhaus stellt sich hier die Frage, was es heißen solle »etwas werde ›ideell ausgedrückt‹ « und vermutet dass Marx’ »werttheoretische Intention bis heute offenkundig unverstanden, dass Marx daher ein weithin unbekannter Denker geblieben ist« (Backhaus, Dialektik der Wertform, S.16). Dies seit hier vor allem als Beispiel dafür angeführt, wie man philophische Schwierigkeiten in einen Text hineinlesen kann. Die Analyse der Ökonomie bedarf aber keiner sophistischen Philosopheme und dass sich gerade subtile Philosophen des Gegensatzes von Wert und Gebrauchswert angenommen haben, heißt nicht, dass sie diesem Phänomen besser gerecht werden, als die Ökonomisten, die den ersten Abschnitt des Kapitals gleich ganz weglassen oder als bloß historische Vorbemerkung über die präkapitalistische einfache Warenproduktionn verstanden wissen möchten. Der widersprüchliche Charakter des Kapitalismus wird nicht durch eine Theorie des Widerspruchs aufgedeckt, sondern indem man sich bemüht, den materiell vorhandenen und gewaltsam sich durchsetzenden Widerspruch, sowie die damit verbundenen Bewusstseinsformen nachzuzeichnen.

Was soll dieses ›Philosophische‹ sein, und warum ist es zu kritisieren?

Als Beispiel für die philosophische Herangehensweise muss wieder Backhaus herhalten. Nachdem er, ganz zurecht, auf die unterschiedliche Darstellung des Logischen und des Historischen in den verschiedenen Manuskripten von Marx (Grunsrisse, 1.Auflage, 2.Auflage) und Engels (Vorrede und Nachwort) verweist, und die widersprüchliche Darstellung in der 2.Auflage kritisiert, macht er sich nicht etwa daran, die Argumente zu prüfen – inwiefern also die logischen Bestimmungen, wie der Gegensatz von Wert und Gebrauchswert, im Kapitalismus tatsächlich vorkommen; inwiefern von historischen Notwendigkeiten gesprochen werden kann, usf. ‑ , sondern behauptet, man habe Marx’ Text nicht verstanden und – müsse sich nun Zitate ansehen. (Backhaus, Dialektik der Wertform, S.229ff)

Vgl. 31/301ff, 314ff, 337, 341, 552.

[3] Schon 1861 schreibt Marx an Engels bezüglich seiner Arbeiten: »Es wird indes viel populrärer und die Methode viel mehr versteckt als in Teil I.« (30/207) Im Vorwort zum Kapital schreibt er dann: »Was nun näher die Analyse der Wertsubstanz und der Wertgröße betrifft, so habe ich sie möglichst popularisiert.« (23/11)

Im Auge zu behalten ist daher, dass die Form der Darstellung u.U. nicht bloß sachlichen, sondern didaktischen Erwägungen geschuldet ist. Inwieweit Backhaus’ Urteil zutrifft, »dass bereits die erste Schrift Zur Kritik der politischen Ökonomie von 1859 als das Resultat einer Vereinfachung, das Kapital sogar als das Produkt einer zutiefst fragwürdigen und letztlich auch irreführenden begriffen werden muss« (Backhaus, Dialektik der Wertform, S.12), sei vorerst mal dahingestellt. Einleuchtend ist aber, dass eventuell Bestimmungen des Kapitalismus zu treffen sind – gerade in Übereinstimmung mit Marx – auch, wenn sie im Kapital so nicht stehen.

Wenn auch der Ausdruck ›Popularisierung‹, wenn auch nicht unbedingt auf eine Vereinfachung, so soch auf mehr als nur den Versuch einer klaren Formulierung hindeutet, ist v.a. die Rede von der versteckten Methode bemerkenswert: Worin besteht diese und inwiefern konnte sie versteckt werden?

Backhaus scheint die spezifisch Marxsche Methode vor allem im Gesetzesbegriff zu verorten und in der theorie des realen Gegensatzes und seiner Entwicklung. Dabei weist er vor allem auf Zitate aus der Marxschen Doktordissertation hin, in denen er die Grundzüge der dialektischen Entwicklungsmethode geschildert sieht: »dass s nämlich darauf ankomme, statt von einem ›abstrakten Prinzip‹ ‑ etwa im Sinn der axiomatisch-deduktiven Methode – auszugehen, ›dies Prinzip selbst in höheren Formen sich aufheben zu lassen‹ (40/65) und ›jede Bestimmung ihr Dasein in ihrem unmittelbaren Anderssein, dem Aufgehobensein (…) findet‹ (40/43), weil ›der Grund die Idealität des Phänomens, das aufgehobene Phänomen ist.‹ (40/73) Die ›genetische Entwicklung‹ (40/245) des ›Anfangs‹ vollzieht sich als eine ›ihm aufgedrungene Weiterbestimmung seines Prinzips.‹ (40/247)« (Backhaus, Dialektik der Wertform, S.15)

Backhaus’ Darstellung überzeugt nicht:

·        Eine Untersuchung des realen Widerspruchs und des (Marxschen) Gesetzesbegriffs ist sicher nicht uninteressant, wird aber sicher nicht dadurch geleistet, dass man Zitate anführt. Auch wenn man Backhaus zugute hält, dass er bloß programmatisch  den Bedarf einer solchen Untersuchung anmeldet, so wird dieses Programm nicht durch ja selbst erklärungsbedürftige Zitate des jungen Marx begründet, sondern nur indem man Gründe anführt, die für die Annahme eines ›realen Widerspruchs‹ und gegen ›abstrakte Gesetze‹ sprechen.

·        So problematisch Backhaus ansonsten kleinste philologische Details behandelt, so unreflektiert führt er zur Erklärung des Kapitals Frühwerke von Marx’ an – und gibt nur den Hinweis, dass sich beide Male Ähnlichkeiten mit Hegels Methode fänden.

 

 

Man braucht indes keinen Bruch im Marxschen Denken anzunehmen (und der wäre auch schwer zu begründen), um dieses Vorgehen abzulehnen. So lesen sich die Marxschen Bemerkungen weitgehend programmatisch und nicht selten als Anwendungen Hegelscher Theorie: Wenn Marx davon spricht, worauf es ›ankomme‹, und wenn er andre methodologische Bemerkungen macht, dann leistet er eine positive Erklärung des Gegenstands eben noch nicht und genaugenommen noch nicht einmal eine Kritik andrer Theorien, sondern nur eine Beschreibung einer Theorie (bzw. deren Methode), die als falsch angenommen, aber noch nicht erwiesen ist.

·        Die positive Darstellung der kapitalistischen Ökonomie macht die programmatischen Bemerkungen überflüssig, wie eine Theorie auszusehen hätte, um Marx’ Anforderungen zu genügen.

·        Backhaus’ These scheint dagegen auf die zweifelhafte Vorstellung hinauszulaufen, eine Erklärung eines Gegensatzes beruhe auf der Anwendung einer Methode. (Resultiert aber nicht gerade die mehr oder minder mechanische Anwendung einer Methode in abstrakten Gesetzen?)

·        Dann ist aber auch nicht zuzustimmen, wenn Backhaus vom fragmentarischen Charakter der Marxschen Methode spricht. Die scheint ihm nämlich darin zu liegeb, dass die Gesetzmäßigkeiten der politischen Ökonomie nicht aus den programmatischen Prämissen abgeleitet werden; und aus der Tilgung des Programmatischen im Kapital knüpft Backhaus die »Erwägung, ob man diesen Text nicht besser als Not- und Verlegenheitslösung, als Surrogat des ursprünglich geplanten Werkes begreifen sollte, dessen Konzeption ungleich breiter und tiefer angelegt war, d.h. als ein Produkt der Resignation, die einsetzte, als der in seiner Arbeitsfähigkeit durch mannigfaltige Krankheiten beeinträchtigte Marx erkennen musste, dass er hoffnungslos damit überfordert war, neben seiner Erwerbsarbeit solch ein Mammutwerk zu vollenden, das obendrein bloß von Wissenschaftlern, kaum von den Arbeitern hätte verstanden werden können.« (Backhaus, Dialektik der Wertform, S.12)

Das wäre dann aber darauf hinausgelaufen, dass das Kapital tatsächlich eine bloße Anwendung einer Methode gewesen wäre. Eine wissenschaftliche Theorie kann aber nie bloß die Anwendung einer dem Gegenstand äußerlichen Methode sein. Was da allenfalls ›gescheitert‹ ist, was fragmentarisch blieb, ist daher nicht Marx Kritik der politischen Ökonomie, sondern ein falsches erkenntnistheoretisches Verständnis von ›Methode‹.

·        Eine Kritik an Marx Darstellung könnte sich darauf beziehen, dass Bestimmungen ungenügend oder inkorrekt getroffen wurden; sie könnte sich auch darauf beziehen, dass in der Darstellung (in Gegensatz zu Marx’ Absicht) die logische Entwicklung (wieder) stärker herauszuheben wäre. Sie sollte sich aber besser nicht darauf beziehen, dass Marx eine falsche Erkenntnistheorie nicht praktiziert hat.

[4] In der Wertform steckt die ganze kapitalistische Produktionsweise (20/289).

[5] Backhaus, Dialektik der Wertform, S.11f

[6] Lakebrink, Der Widerspruch nach Hegel und Marx, S.238.

[7] Lenin, Werke, Bd.38, S.170 »Man kann das ›Kapital‹ von Marx und besonders das I. Kapitel nicht vollständig begreifen, ohne die ganze Logik von Hegel durchstudiert und begriffen zu haben. Folglich hat nach einem halben Jahrhundert nicht ein Marxist Marx begriffen!!«

[8] Vgl. 16/126f; 19/134f; 20/178; 23/559.

[9] Was sind die Eigentümlichkeiten der Äquivalentform? Wie hängen sie zusammen? Handelt es sich bloß um Bestimmungen einer gedanklichen Abstraktion oder machen sich diese Eigentümlichkeiten in der Wirklichkeit geltend?

[10] »Noch bevor also die aus dem Geld zu entwickelnden Kategorien Kapital und Arbeitskraft, damit auch die Individuen, die als Träger, Charaktermasken dieser Kategorien fungieren, abgeleitet sind, charakterisiert sich die bürgerliche Gesellschaft in ihrer Elementarform Ware als eine, in der sich Menschen wechselseitig als Mittel für ihre individuellen Zwecke benutzen - was den modischen Entfremdungstheorien und Leuten, die aus der Ware auch noch die Sexualität, die Angst oder gar das Denken und die Kunst ableiten wollen, zu denken geben müßte: die abstrakteste Formbestimmung der kapitalistischen Ökonomie läßt auch das gesellschaftliche Verhältnis der Menschen nur in abstrakter Weise erkennen - die konsequente Verfolgung der in ihr enthaltenen Widersprüche allerdings zeigt die Klassenverhältnisse, die Konkurrenzbewegung, den Staat und all die ›höheren Sphären des Blödsinns‹ als gesellschaftliche Realität, der mit Verdinglichungs? und Entfremdungsgeschwafel nicht beizukommen ist. Solches Geschwätz verfehlt den Kapitalismus als Gegenstand seiner Bemühungen ebenso wie die vulgären Agententheorien, denen die Vermittlung aller gesellschaftlichen Beziehungen - auch der zwischen Kapitalist und Arbeiter - über Sachen, damit auch das notwendig falsche Bewußtsein unbekannt sind und die einen ›ökonomischen, politischen und ideologischen Kampf‹ zur Konsequenz haben, der kapitalistische Ausbeutung als Diebstahl, den Staat als Betrug und die Ideologie als bloße Lüge angreift.« (Resultate 1)

[11] Vgl. 19/19f, 375; 20/183; 36/210; 39/427.

[12] »Die Ware ist unmittelbare Einheit von Gebrauchswert und Tauschwert, also zweier Entgegengesetzten. Sie ist daher ein unmittelbarer Widerspruch. Dieser Widerspruch muss sich entwickeln, sobald sie nicht wie bisher analytisch bald unter dem Gesichtspunkt des Gebrauchswerts, bald unter dem Gesichtspunkt des Tauschwerts betrachtet, sondern als ein Ganzes wirklich auf andere Waren bezogen wird. Die wirkliche Beziehung der Waren aufeinander ist aber ihr Austauschprozess.« (MEGA II.5, S.51)

[13] »Ich teile also nicht den Wert in Gebrauchswert und Tauschwert als Gegensätze, worin sich das Abstrakte, ›der Wert‹, spaltet, sondern die konkrete gesellschaftliche Gestalt des Arbeitsprodukts; ›Ware‹ ist einerseits Gebrauchswert und andrerseits ›Wert‹, nicht Tauschwert, da die bloße Erscheinungsform nicht ihr eigner Inhalt ist.« (19/369)

[14] »Statt auseinanderzufallen, reflektieren sich die gegensätzlichen Bestimmungen der Ware hier in einander.« (MEGA II.5, S.32)

[15] Diese Frage hat z.B. Henryk Grossmann in seinem Aufsatz »Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik« beschäftigt:

»Wiederholt wird im ›Kapital‹ der ›in der Ware eingehüllte innere Gegensatz von Gebrauchswert und Wert‹ betont und ausgeführt, dass dieser Gegensatz mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktion sich gleichfalls entwickelt und steigert. Worin der Gegensatz von Gebrauchswert und Wert besteht und wieso er immer größere Dimensionen annimmt, wurde bisher nicht einmal als Problem behandelt.«

Allerdings fährt Grossmann dann fort, gerade diesen Zusammenhang zu erklären: »Nun zeigt … die Profitrate«

Kritikabel ist ihm die fortwährende Unterschlagung der Marxschen Werttheorie, auch in ihrer Besonderheit, d.h. inwiefern sie sich von den ›Klassikern‹ unterscheidet. In dieser Unterschlagung zeigt sich nämlich eine Parteinahme für den Kapitalismus: »Auch die herrschende … demonstrieren« (S.12)

Vgl. Backhaus, Dialektik der Wertform, S.30.

[16] Vgl. 42/101, 104f.

[17] »Das einfache Faktum … fortgehen« (42/81f)

[18] Vgl. 2/37; 7/205; 12/4; 13/30ff, 54, 79, 90f, 475ff; 20/21, 35, 112f, 125, 146f, 274ff, 252ff, 472ff, 481, 583, 619; 23/63, 87, 118f, 127f, 323f, 511, 558, 587, 623, 670; 25/268, 272, 277f; 26.2/501; 26.3/84, 309; 40/525. Die Nationalökonomie kann diesen Widerspruch nicht begreifen: 2/33f; 6/594ff; 22/206ff; 26.3/83f.

[19] Diese Form bringt »eine wesentliche Fortentwicklung. Es liegt darin nämlich nicht nur, dass die Leinwand ihren Wert zufällig bald in Röcken ausdrückt, bald in Kaffee usw., sondern dass sie ihn sowohl in Röcken als in Kaffee usw. ausdrückt, entweder in dieser Ware oder jener oder der dritten usw.« (MEGA II.5, S.35)

[20] Vgl. 23/128, Anm.73, 184; 24/113; 25/337, 886

[21] »Erst in ihrem allgemeinen Charakter entspricht die Wertform dem Wertbegriff.« (MEGA II.5, S.643)

[22] Die Ware muss sich »gegen das allgemeine Tauschmittel austauschen, gegen das ihre Besonderheit in noch größrem Widerspruch steht« (MEW 42/130).

[23] »In der Tat tauscht sich nicht jede Ware unmittelbar gegen jede beliebige andere Ware und tauscht sich nicht jedes beliebige Quantum einer Ware gegen die ›entsprechenden‹ Quanta anderer Waren. Die Ware zeigt, dass ihre Einheit als Gebrauchswert und Tauschwert eine widersprüchlich bestimmte Einheit ist, d.h. Gebrauchswert und Tauschwert treten in Gegensatz zueinander. Als Gebrauchswert ist die Ware Produkt konkreter, nützlicher Arbeit und bezogen auf ein bestimmtes Bedürfnis; als Tauschwert ist sie bezogen auf eine Mannigfaltigkeit von Produkten fremder Arbeit, wovon jedes einzelne nur ein besonders Äquivalent für sie ist, während sie umgekehrt als Äquivalent für sie alle, also als ›allgemeines Äquivalent‹, fungieren soll.« (Aspekte der Marxschen Theorie 2, Suhrkamp: 1974).

[24] »Das Geld entsteht nicht durch Konvention, sowenig wie der Staat. Es entsteht aus dem Austausch und im Austausch naturwüchsig, ist ein Produkt desselben.« (MEW 42/98)