Die zwei Faktoren der Ware

(1)    In der kapitalistischen Gesellschaft werden die menschlichen Bedürfnisse durch Waren befriedigt.

a)      Gegenstand des ›Kapitals‹ ist die kapitalistische Gesellschaft[1].

b)      Der Reichtum dieser Gesellschaft erscheint als »ungeheure Warensammlung«.[2]

Mit diesem Schein ist – wie überall bei Marx – das gemeint, was sich dem Betrachter bei einem Blick auf die Oberfläche darbietet. Diese – keineswegs abwertend gemeinte – Erscheinung ist als Oberfläche des betrachteten Gegenstands durchaus real, beinhaltet aber nicht die Gesetzmäßigkeiten, die den Gegenstand bestimmten.

►Die Erscheinung umfasst nur das Einzelne, nicht aber das Besondere am Gegenstand. Die Gesetzmäßigkeiten, ist nichts hinter den Gegenstände ausfindig zu machendes, was auch noch oder gar eigentlich die Wirklichkeit ausmachen würde. Vielmehr: Die Erscheinung trifft den Gegenstand nicht in seiner Wahrheit, sondern nur in dem was er als Einzelner, Einmaliger ist.

c)      Die Ware befriedigt durch ihre Eigenschaften menschliche Bedürfnisse, egal welcher Art.[3]

d)      Der Gebrauchswert ist nach Qualität und Quantität zu betrachten.

e)      Verschiedene Gebrauchsweisen zu entdecken ist ›geschichtliche Tat‹

(2)    Im Kapitalismus ist der Gebrauchswert Träger des Tauschwerts.

a)      Die Nützlichkeit der Ware besteht in ihrer Beziehung auf die menschlichen Bedürfnisse.

b)      Die Nützlichkeit existiert nicht ohne den Warenkörper. Der Warenkörper ist selbst ein Gebrauchswert. In ihm steckt das objektive Moment des Gebrauchswerts.

c)      Mit der Nützlichkeit der Waren befasst sich die Warenkunde. Ihre Untersuchungen fallen außerhalb die ökonomische Wissenschaft:[4] Zur Bestimmung der Ware tragen sie nicht bei.[5] In dieser Gleichgültigkeit der ökonomischen Bestimmungen gegenüber den nützlichen Eigenschaften der Dinge, zeigt sich ein besonderes Verhältnis zu den menschlichen Bedürfnissen und der Natur. Zwischen Mensch und Natur tritt eine Kategorie, die gegenüber deren konkreten Bestimmungen gleichgültig ist.[6]

d)      Die Gebrauchswerte sind der stoffliche Inhalt des gesellschaftlichen Reichtums in jeder Gesellschaftsform.[7]

e)      Der Gebrauchswert ist unabhängig vom Quantum an Arbeit, das zu seiner Produktion nötig war.

(3)    Der Tauschwert ist das Verhältnis, in dem sich verschiedene Gebrauchswerte tauschen; verschiedene Tauschwerte lassen sich auf ein Gemeinsames reduzieren: den Wert.

a)      »Der Tauschwert scheint daher etwas Zufälliges und rein Relatives, ein der Ware innerlicher, immanenter Tauschwert (valeur intrinsèque) also eine contradictio in adjecto.« (50) Er ist es aber nicht.

b)      Es kommt jetzt nur noch auf die Quantität an, in der sich die Gebrauchswerte gegenüberstehen.

c)      Das ›Gemeinsame‹ erscheint in den verschiedenen Tauschwerten einer Ware und ihrem Austauschverhältnis.

d)      Im Tauschverhältnis kommt es nicht auf den Gebrauchswert an. »Innerhalb desselben gilt ein Gebrauchswert grade so viel wie jeder andre, wenn er nur in gehöriger Proportion vorhanden ist.« (52) Das gemeinsame kann also keine natürliche Eigenschaft sein. Das heißt nicht, dass der Tauschwert nichts mit den Waren zu tun hätte, wie die VWL meint, sondern dass Waren eben nicht bloß Gebrauchswerte sind.[8]

e)      Abgesehen von ihren nützlichen Eigenschaften ist den Waren nur gemein, dass die Arbeitsprodukte sind. Dabei kommt es nicht darauf an, welche bestimmte, sondern nur, dass überhaupt Arbeit geleistet worden ist. Die Arbeit, die das Dasein der Waten vermittelt, wird ebenso gleichgesetzt wie die Waren selbst. Die Wertbestimmung wirkt zurück auf die Tätigkeit, die sie hervorgebracht hat. Die real ja ganz verschiedenen Arbeiten zählen nur noch als ›unterschiedslose menschliche Arbeit‹.

f)       »Es ist nichts von ihnen übriggeblieben als dieselbe gespenstige Gegenständlichkeit, eine bloße Gallerte unerschiedsloser menschlicher Arbeit, d.h. der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft ohne Rücksicht auf die Form ihrer Verausgabung. Diese Dinge stellen nur noch dar, daß in ihrer Produktion menschliche Arbeitskraft verausgabt, menschliche Arbeit aufgehäuft ist.« (52)

(4)    Abstrahiert man vom Gebrauchswert, bleibt von der Ware nur der Wert[9]. Der Wert ist die in der Ware vergegenständlichte abstrakt menschliche Arbeit. Ihre Größe ist durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt.[10]

Der Wert ist ein gesellschaftliches Verhältnis zwischen Privateigentümern[11] das die Form eines Verhältnisses von Sachen annimmt. Das gilt für Substanz, Größe und Form des Werts. Die Analyse dieser Form folgt in den nächsten Unterkapiteln.

Der Tauschwert ist die notwendige Erscheinungsform des Wertes. Die Werte sind der Ware nicht anzusehen. (Das kann man sich auf vielerlei Weise veranschaulichen; es beruht darauf, dass der Wert ein gesellschaftliches Verhältnis die einzelne Ware aber nicht.)

a)      Substanz des Werts ist die abstrakt menschliche Arbeit[12], die Größe die Arbeitszeit und die Form der Tauschwert. Der Tauschwert ist »notwendige Ausdrucksweise oder Erscheinungsform des Werts« (53).[13]

b)      Die Wertgröße misst sich in der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit.[14]

»Der Wert einer Ware verhält sich zum Wert jeder andren Ware wie die zur Produktion der einen notwendige Arbeitszeit zu der für die Produktion der andren notwendigen Arbeitszeit.« (S.54)

► Was hier als Wert bestimmt wird, fällt nicht mit dem zusammen, was sich auf dem Markt durch Angebot und Nachfrage einstellt. Eine Ware kann unter oder über ihrem Wert verkauft werden. Warum das so ist, wie die Preise (d.h. die Abweichungen vom wert) zustande kommen und in welchen Grenzen sie sich halten müssen, würde in eine Spezialuntersuchung der Konkurrenz gehören.[15]

Generell geht es darum, wie der »Widerspruch zwischen dem allgemeinen Gesetz und weiter entwickelten konkreten Verhältnissen« (26.3/83) zu lösen ist. Dazu müssten die »Mittelglieder« aufgefunden werden (also in diesem Fall eine Theorie der Konkurrenz entwickelt werden) und nicht – das kritisiert Marx an J.S.Mill – das Konkrete direkt unter das Abstrakte subsumiert werden.

Das Allgemeine ist nicht das Besondere, Einzelne. Wie beides zusammenhängt, bedarf der Erklärung. diese Erklärung wird aber nicht geliefert, wenn man das Konkrete, Einzelne unter eine ihm äußerliche Schablone zwängt – wie es gerade empiristisch geschieht, unter dem Vorwand, dem Allgemeinen gar keine unabhängige Realität zu geben.

Das Wertgesetz ist keine Fiktion.[16]

(5)    Die Wertgröße wechselt daher mit der Produktivkraft der Arbeit.[17]

»Die Produktivkraft der Arbeit ist durch mannigfache Umstände bestimmt, unter anderen durch den Durchschnittsgrad des Geschickes der Arbeiter, die Entwicklungsstufe der Wissenschaft und ihrer technologischen Anwendbarkeit, die gesellschaftliche Kombination des Produktionsprozesses, den Umfang und die Wirkungsfähigkeit der Produktionsprozesses, und durch Naturverhältnisse.« (54)

(6)    Waren sind die Einheit von Gebrauchswert und Wert. Der Gebrauchswert ist sinnlich erfass- und erforschbar; der Wert erscheint nur im Austauschverhältnis. Daher handelt es sich um Bestimmungen der Ware, nicht um Empirie.

a)      Ein Gebrauchswert hat keinen Wert, wenn keine Arbeit in ihm steckt.

b)      Auch Gebrauchswerte, die Arbeitprodukte sind, müssen keine Waren sein, z.B., wenn für den eignen Bedarf produziert wird; oder wenn für andere produziert wird, aber das Arbeitsprodukt nicht getauscht wird (Feudalismus).[18]

c)      Umgekehrt kann aber kein Wert ohne Gebrauchswert existieren.



[1] »Die ganze Scheiße soll zerfallen in 6 Bücher: 1.Vom Kapital. 2.Grundeigentum. 3.Lohnarbeit. 4.Staat. 5.Internationaler Handel. 6.Weltmarkt.« (Brief von Marx an Engels, 2.4.1858, MEW 29/312) Marx ist zur Ausarbeitung vor allem der letzten drei Bücher nicht mehr gekommen. Einige Elemente  wurden jedoch ins ›Kapital‹ mit aufgenommen. Insbesondere gilt dies für die vier Abschnitte des erstens Buchs: »a) Kapital en général […] b) Die Konkurrenz oder die Aktion der vielen Kapitalien aufeinander. c) Kredit, wo das Kapital den einzelnen Kapitalien gegenüber als allgemeines Element erscheint. d) Das Aktiienkapital als die vollendete Form» (ebd.)

Zu den Details von Marx Plan und seiner Änderung siehe Roman Rosdolsky, Zur Entstehunggeschichte des Marxschen Kapitals.

[2] »Wovon ich ausgehe, ist die einfachste gesellschaftliche Form, worin sich das Arbeitsprodukt in der jetzigen Gesellschaft darstellt, und dies ist die ›Ware‹. Sie analysiere ich, und zwar zunächst in der Form, worin sie erscheint. Hier finde ich nun, daß sie einerseits in ihrer Naturalform ein Gebrauchsding, alias Gebrauchswert ist; andrerseits Träger von Tauschwert, und unter diesem Gesichtspunkt selbst ›Tauschwert‹. Weitere Analyse des letzteren zeigt mir, daß der Tauschwert nur eine ›Erscheinungsform‹, selbständige Darstellungsweise des in der Ware enthaltnen Werts ist, und dann gehe ich an die Analyse des letzteren.« (19/369)

[3] »Die Ware ist zunächst […] Gegenstand menschlicher Bedürfnisse, Lebensmittel im weitesten Sinne des Wortes. Dieses Dasein der Ware als Gebrauchswert und ihre natürliche handgreifliche Existenz fallen zusammen. Weizen z.B. ist ein besonderer Gebrauchswert im Unterschied von den Gebrauchswerten Baumwolle, Glas, Papier usw. Der Gebrauchswert hat nur Wert für den Gebrauch und verwirklicht sich nur im Prozeß der Konsumtion. Derselbe Gebrauchswert kann verschieden vernutzt werden. Die Summe seiner möglichen Nutzanwendungen jedoch ist zusammengefaßt in seinem Dasein als Ding mit bestimmten Eigenschaften.« (13/15)

[4] »Der Gebrauchswert – sei es subjektiv als usefulness der Arbeit, oder objektiv als utility des Produkts betrachtet – erscheint hier bloß als stoffliche Voraussetzung des Werts die einstweilen (!) ganz aus der ökonomischen Formbestimmung herausfällt.« (Brief von Marx an Engels, 2.4.1858, MEW 29/315).

[5] »Wenn man die ›Ware‹ ‑ das einfachste ökonomische Konkretum ‑ zu analysieren hat, hat man alle Beziehungen fernzuhalten, die mit dem vorliegenden Objekt der Analyse nichts zu schaffen haben. Was aber von der Ware, soweit sie Gebrauchswert, zu sagen ist, habe ich daher in wenigen Zeilen gesagt, andrerseits aber die charakteristische Form hervorgehoben, in der hier der Gebrauchswert - das Arbeitsprodukt – erscheint […] Es wäre […] reine Faselei, bei Analyse der Ware ‑ weil sie sich einerseits als Gebrauchswert oder Gut, andrerseits als ›Wert‹ darstellt ‑ nun bei dieser Gelegenheit allerlei banale Reflexionen über Gebrauchswerte oder Güter ›anzuknüpfen‹ « (19/369f)

[6] Für die politische Ökonomie ist der Gebrauchswert dann von Belang, wenn er formbestimmend wirkt: »Der Gebrauchswert fällt in ihren Bereich, sobald er durch die modernen Produktionsverhältnisse modifiziert wird oder seinerseits modifizierend in sie eingreift.« (42/767)

[7] »Welches immer die gesellschaftliche Form des Reichtums sei, Gebrauchswerte bilden stets seinen gegen diese Form zunächst gleichgültigen Inhalt. Man schmeckt dem Weizen nicht an, wer ihn gebaut hat, russischer Leibeigner, französischer Parzellenbauer oder englischer Kapitalist. Obgleich Gegenstand gesellschaftlicher Bedürfnisse, und daher in gesellschaftlichem Zusammenhang, drückt der Gebrauchswert jedoch kein gesellschaftliches Produktionsverhältnis aus.« (15/15f)

[8] »Als Gebrauchsgegenstände oder Güter sind die Waren körperlich verschiedene Dinge. Ihr Wertsein bildet dagegen ihre Einheit. Diese Einheit entspringt nicht aus der Natur, sondern aus der Gesellschaft.« (Kapital, 1.Auflage)

[9] »Der Wertbegriff ist der allgemeinste und daher umfassendste Ausdruck der ökonomischen Bedingungen der Warenproduktion. Im Wertbegriff ist daher der Keim enthalten, nicht nur des Geldes, sondern auch aller weiter entwickelten Formen der Warenproduktion und des Warenaustausches.« (20/289)

[10] Der Wertbegriff ist der umfassendste Ausdruck der ökonomischen Bedingungen (20/289, 291; 36/210; 39/427).

[11] »Die Gleichheit der menschlichen Arbeiten erhält die sachliche Form der gleichen Wertgegenständlichkeit der Arbeitsprodukte, das Maß der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft durch ihre Zeitdauer erhält die Form der Wertgröße der Arbeitsprodukte, endlich die Verhältnisse der Produzenten, worin jene gesellschaftlichen Bestimmungen ihrer Arbeiten betätigt werden, erhalten die Form eines gesellschaftlichen Verhältnisses der Arbeitsprodukte.« (S.86)

[12] »Der Wert als solcher hat keinen andren ›Stoff‹ als die Arbeit selbst. Diese Bestimmung des Werts […] ist bloß die abstrakteste Form des bürgerlichen Reichtums. Setzt an sich schon voraus 1. die Aufhebung des naturwüchsigen Kommunismus (Indien, etc.), 2. aller unentwickelten, vorbürgerlichen Weisen der Produktion, in denen der Austausch sie nicht in ihrem ganzen Umfang beherrscht. Obgleich Abstraktion, historische Abstraktion, die eben nur auf der Grundlage einer bestimmten ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft vorgenommen werden konnte.« (Brief von Marx an Engels, 2.4.1858, MEW 29/315)

[13] Vgl. 16/122ff; 19/358; 26.3/124f

[14] Vgl. 4/94f; 16/123ff; 20/97f; 23/89,376f; 25/887, 907f; 26.1/175f.

[15] Es wird »die Frage aufgeworfen, wie sich auf Grundlage des Tauschwerts ein von ihm verschiedener Marktpreis entwickelt oder richtiger, wie das Gesetz des Tauschwerts nur in seinem eignen Gegenteil sich verwirklicht. Dies Problem wird gelöst in der Lehre von der Konkurrenz.« (13/48) Dieser Gesetzesbegriff weist Ähnlichkeiten zu Hegels Kritik an der zweiten übersinnlichen Welt auf. Vgl. auch die Anmerkungen zum Gesetzesbegriff bei Backhaus, Dialektik der Wertform. S.14f)

[16] Vgl. 23/14; 39/431.

[17] Vgl. 6/417, 419; 16/126f; 23/61, 432f. Einfluss der Arbeitsteilung: 3/21f, 31; 16/127; 23/407).

[18] »Um eine Ware zu produzieren, muß eine bestimmte Menge Arbeit auf sie verwendet oder in ihr aufgearbeitet werden. Dabei sage ich nicht bloß Arbeit, sondern gesellschaftliche Arbeit. Wer einen Artikel für seinen eignen unmittelbaren Gebrauch produziert, um ihn selbst zu konsumieren, schafft zwar ein Produkt, aber keine Ware. Als selbstwirtschaftender Produzent hat er nichts mit der Gesellschaft zu tun. Aber um eine Ware zu produzieren, muß der von ihm produzierte Artikel nicht nur irgendein gesellschaftliches Bedürfnis befriedigen, sondern seine Arbeit selbst muß Bestandteil und Bruchteil der von der Gesellschaft verausgabten Gesamtarbeitssumme bilden. Seine Arbeit muß unter die Teilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft subsumiert sein.« (16/123)