Wagner in Space

Richard Wagners ›Ring der Nibelungen‹ als Science-Fiction-Romane nachzuerzählen, ist nicht weniger originell, als einen aus wohlbekannten Versatzstücken nach Schemata von creative-writing-Handbüchern zusammenzusetzen. Die Fabel taugt soviel wie andere. Jenseits bildungsbürgerlicher Prätentionen und kulturindustriellem Schematismus ließe sich wohl eine imaginative und fesselnde Lektüre schreiben.

Warum funktioniert es nicht? Donaldson kann seine Ambitionen nicht verwirklichen. Seine Erzählweise ist der Wagnerschen Oper nachgebildet. Das Leitmotiv erscheint bei Donaldson als wörtiliche Wiederholung von Sätzen, Satzfragmenten und ganzen Passagen. So baut er die Gedanken, mit denen die Charaktere beschäftigt sind, in seine Erzählung ein. Scheinbar bricht ein Stück inneren Monologs durch die Schilderung. Noch mehr als das musikalisch abstrakte Leitmotiv sind die gedanklichen Leitmotive clichéhaft. Die Gedanken erscheinen statisch, unbewegt, die Bedeutung, die sich für die Charaktere haben, nicht nachvollziehbar. So wirken die Charktere wie im Wahn, hysterisch. Das passt nicht zu einer auf der Beziehung zwischen Charakteren aufbauenden Handlung. Lässt man sich aber auf den dunklen, zwanghaften, getriebenen Charakter der Handlung ein, werden die langatmigen Charakterbeschreibungen zu überflüssigem Zierat, zu Platzfüllern. Man darf befürchten, dass kulturindustrielle Erwägung es verboten, sich konsquent des inneren Monologs zu bedienen, der einen ungleich lesbareren Text geschaffen hätte.

Die Stärke von Doanldsons Romanen ist, dass sie keine Idylle versprechen, die Charaktere nicht nach getaner Arbeit ins kleine Glück entlassen. Mit verzweifelter Anstrengung kämpfen sie stets gegen ihr Verderben an, um sich mit jeder Bewegung nur um so tiefer in dieses Verderben zu verstricken. Donaldson vermeidet die Lüge, dass es schon besser werde, ohne doch die Wahrheit sagen zu können. Das Verhägnis ist ihm das Böse, das außerhalb der Charaktere lauert, dem sie verfallen können oder sich ihm entziehen. Es ist eine vertraute literarische Strategie, den Charakteren moralischen Handlungsspielraum trotz Zwängen zu geben, die keine Hoffnung lassen. Doch widerspricht diese Strategie der oben geschilderten Erzählweise, die eine solche Befreiung nicht entwickeln kann. Losgelöst ist das Böse nicht nur vom Individuum, das dem schlchten Ganzen nichts entgegensetzen kann, sondern auch von der Umwelt, in der es sich bewegt.Das Verhängnis entwickelt sich nicht aus den Institutionen, sondern aus Charakterfehlern: die Institutionen sind neutral. die Raumpiraten sind genau dann böse, wenn sie für die menschenfeindliche alien-Rasse arbeiten; die Polizei dann, wenn sie keine Rettung einer der ›ihren‹ unternimmt; und der allmächtige space mining Konzern, weil ihr Chef die Menschheit an die aliens verrät, um sich ewigen Leben zu erkaufen. Dass daraus ein Melodram resultiert wäre zu verkraften, nicht aber, dass dadurch 2/3 des Textes zu überflüssigem Ballast wird.

Auch das Böse ist aufgesetzt. Ein gewohnheitsmäßiger Vergewaltiger wird dadurch erklärt, dass er in der Kindheit von seiner Mutter misshandelt wurde; ein anderer wurde bei seinem ersten Piratenabenteuer von einer Frau ›verraten‹. Selbst diese armseelige Vulgärpsychologie wäre zu ertragen, wenn sie nicht nur dazu diente, den Charakterhintergrund zu setzen. Dass er sich eine Frau monatelang als Sex-Sklavin hält dient nur dazu, den Charakter als böse zu charakterisieren und eine Handlung von Jagd und Vergeltung anzustoßen. Im Laufe der Zeit machen sie die übliche Charakterentwicklung zu verantwortungsvollen Menschen durch, die bekommen – im Jargon des creative writing – Tiefe.

Das Handlungsschema ist konventionell. Die ersten drei Bände diesen der Exposition. Schauplätze und Charaktere werden eingeführt. Ab dem vierten Band wird nichts wesentlich neues mehr geboten, die Handlungsstränge aufgelöst. Weil man bald weiß, wie der Hase läuft, wird das Lesen zur Mühe. Wie in der science fiction und fantasy-Literatur üblich sind die letzen Bände einer Reihe für Fans geschrieben, die sich einen Autor oder ein Universum zu ihrer Vorliebe erkoren und davon immer mehr haben wollen, Neues gerade verschmähten. Weil sich ein Sättigungseffekt dennoch nicht vermeinden lässt, nehmen die Serien bald ein Ende; nur ganz eingeschworene Fangemeinen erleuben Serien mit zweistelliger Bandzahl.

Donaldson wird von vielen Freunden des Genres degoutiert, weil weder seine sadistischen oder katatonischen Chrakter keine Einfühlung erlaubten. Hält man aber, mit Walter Benjamin, bei der Romanlektüre weniger davon, sich in die Charaktere einzufühlen, sondern sich die Handlung selbet einzuverleiben, dann stellt sich eine Frage ganz anderer Art: Was verleibt sich Donaldsons Fangemeinde ein? Das Universum und ihre Protagonisten sind bald bekannt; die Szenerie hält nach den ersten Bänden keine Überraschung mehr bereit. Die Handlung enthält nur das Cliché in verkleideter Form (die Mutter, die alles für ihr Kind zu tun bereit ist; der aufrechte Polizist, der seine Kollegin rettet, etc.) und die Spannung beruht nur auf der Taktik des cliff-hangers und des plot-twists. Die Erfahrung des Lesers, der sich die Handlung einverleibt wird nicht bereichert, sondern auf die Muster gebracht, mit denen das bürgerliche Subjekt ohnhin schon seine Erfahrung zu reduzieren gelernt hat. Anzunehmen ist, dass Donaldsons Erfolg darauf gerade beruht. Aufgepeppt durch die Dissonanzen der bösen Charaktere, die vorgeblich die dunkle Seite der menschlichen Psyche zeigen, wird das geboten, was man immer schon über die Welt zu wissen meinte. In phantastischer Verkleidung zwar, aber nicht ohne die beruhigenden Einsprengsel, in denen der Autor die Leser über die ewigen menschlichen Grundkonstanten wie Chaos und Ordnung vergewissert.

Florian Beck, 07. März 2005


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