Realpolitik und Hybris - Eine Art Nachwort

Ein Referent, der bei seinen Zuhörern auf Widerstände trifft, die verhindern, dass ein kritischer Dialog um die Sache zustande kommt, sieht sich dem Problem gegenüber, dass eine Verdeutlichung des Gesagten dessen Wiederholung wäre. Da die hier vorliegende Textsammlung eine wiederholte Lektüre gestattet, erübrigen sich mit den meisten Nachfragen auch die Antworten. An ihre Stelle stehen hier einige Andeutungen die über das Gesagte hinausgehen.

Geschichte lässt sich kaum davor bewahren, instrumentalisiert zu werden. Würde jemand aus der Geschichte lernen oder lernen wollen, wäre ihm daraus kein Vorwurf zu machen. Und freilich ist der gute Wille den meisten, die sich auf die Geschichte berufen, abzunehmen. Nach dem, was man hierzulande für Ideologiekritik hält, wirft man jenen, die auf die Geschichte verweisen vor, dieser Verweis diene nur der Rechtfertigung ihrer heutigen Untaten. Fraglich ist, ob es einer solchen Rechtfertigung bedarf. Von der deutschen Regierung wurde während des Krieges gegen Jugoslawien darauf hingewiesen, dass man aus Auschwitz gelernt habe. Doch krankt die Entlarvung eines dunklen, die Geschichte instrumentalisierenden Zweckes daran, dass es einen Legitimationsbedarf nicht gab. In der öffentliche Moral war die endlich wieder aktive Kriegsbeteiligung Deutschlands über jeden Zweifel erhaben.

Geschichte ist kein ein für allemal Gegebenes; Vergangenes wird nicht zum heutigen Gebrauch instrumentalisiert - sondern das Vergangene selbst ändert seinen Charakter. Nicht immer wird zur bewussten Lüge gegriffen und die Geschichte umgeschrieben: oft genügt es, das Vergangene in einen neuen Kausalzusammenhang einzubetten. Die deutsche Ideologie wusste schon immer, Geschichte werde vom Sieger geschrieben. Doch schon nach ganz kurzer Zeit waren die Sieger über Deutschland nur mehr Siegermächte. Seine Macht kann der eine verlieren und ein anderer gewinnen. Nach dem gewonnenen Jugoslawienkrieg weiß sich zumindest Deutschland selbst als Siegermacht zu schätzen, die Degussa streicht den Lohn ihrer nachhaltigen Geschäftspolitik ein und die Deutschen haben an Auschwitz keine Schulde mehr zu tragen, sondern den Nutzen eines Lerneffekts. Dass Auschwitz ein Fehler gewesen sei, man aber aus seinen Fehlern lerne, zeigt was der Geschichte widerfährt, wenn sich Deutsche ihrer annehmen.

Die Lehre die aus der Vergangenheit zu ziehen ist, scheint durch die Bedürfnisse der Gegenwart gesetzt. Realpolitik, könnte man sagen, steht immer in der Tradition der Vergangenheit. Auch wenn sie behauptet, eine Lehre aus ihr zu ziehen, so betont sie doch die Sachzwänge und die Gesetzmäßigkeiten, die aus der Vergangenheit auf uns überkommen seien. Hybris dagegen ist es, zu versuchen, den Lauf der Dinge zu ändern, die Welt nicht so zu belassen wie sie ist. Bei militanten Idealisten mag sich die Instrumentalisierung der Geschichte im engeren Sinne häufiger finden. Die Realpolitik dagegen zieht die ganze Geschichte in den Dreck. Keine der beiden Haltungen kann der Geschichte gerecht werden. Weniger deswegen, weil ihnen die Geschichte nur Zweck wäre, das Bestehende oder das Geplante zu rechtfertigen, sondern weil das Bestehende wie das Beabsichtigte von einer Art sind, die das Vergangene selbst beschädigt. Der ›dritte Weg‹ zwischen Idealismus und Realismus - der angeblich konsequenter Kritik - ist so fragwürdig wie er offensichtlich erscheint. Wer unter den Gräueln auf der Welt ein kleineres Übel auszumachen meint, hat schon Teil an der Barbarei. Aber derjenige, der verzweifelt den Kopf darüber schüttelte, dass alles gleich schlimm sei, erst recht. Kritik, die zunehmend jede Chance einbüßt, verwirklicht zu werden wirkt erst kindisch und schließlich unverständlich. 1949 meinte Adorno, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch. Der zweite Teil des Satzes wird selten zitiert. Auch die Erkenntnis, auszusprechen, warum es heute unmöglich sei Gedichte zu schreiben, sei davon angefressen, also selbst barbarisch. Dass Adorno dieses Urteil später nicht aufrecht erhielt, hing wohl damit zusammen, dass er den Rest an Optimismus, der sich in jenem Urteil ausdrückte, verlor. Er hatte nicht damit gerechnet, wie wenig man, zumal in Deutschland, das Grauen an sich heranließ. Adornos Urteil war nicht überspitzt, es drängt sich auf. Eine Ahnung von der Barbarei, zumindest der Absurdität nicht nur jeder poetischen Tätigkeit, vermittelt es, wenn man sich nach einer Lektüre einer Tageszeitung wieder der Musik oder der Philosophie zuwendet. Nur im Angesicht des Grauens ist es barbarisch, Gedichte zu schreiben. Es dennoch zu tun, heißt vor dem Grauen zu resignieren. Und wer gar nicht weiß, warum man es nicht tun sollte, ist blind.

Der Abbruch der idealistischen Politik ist in den Verhältnissen angelegt, in denen sie sich organisiert. Der Idealismus ist nicht als lobenswerter festzuhalten; zu stark sind die Rückbeziehungen zur Realpolitik. Der militante Idealismus ist ein Resignationsphänomen der Realpolitik, insofern diese ihre eignen Grundlagen untergräbt und auf den Abgrund zusteuert, jene aber die Grundlagen wiederherstellt. Die Verzweiflung, dass es so nicht weiter gehen könne, droht stets im eifrigen Bekenntnis steckenzubleiben und es dem Realisten wieder zu überlassen, den Laden am Laufen zu halten.

Sogenannte Mindeststandards lassen sich daher keine angeben. Dem militanten Idealisten geht es nicht um sie, sondern um Notwendigkeiten. Mindeststandards sind eine trügerische Hoffnung: Sie entspringen der Angst; doch das, was Angst macht wird sich auch über diese Mindeststandards hinwegsetzen. Gefragt ist vielmehr ein negatives: die Bedrohung abzuschaffen. Doch mit formalen Mitteln kommt man nicht weiter, weder mit ›Mindeststandards‹ noch mit ›Bedrohungen‹ - denn welches bürgerliche Individuum fühlte sich nicht bedroht?

Die aktuellen Bezüge in einem Referat über das Münchener und Potsdamer Abkommen dienten der Verdeutlichung, dass es sich bei der Realpolitik der beteiligten Demokratien nicht um singuläre Ereignisse, um Nachlässigkeiten von appeasement-Politikern und kalten Kriegern handelte. Es ging um eine Erkenntnis der Geschichte, nicht der Gegenwart. Die Unterstützung der Selbstverteidigung Israels und des Kriegseinsatzes der USA bedürfen keiner geschichtlichen Rechtfertigung. Es reicht, ihre Gegner zu kennen, deren Sieg zu fürchten ist. Sie sind nicht nur in Israel und im Irak zu finden. Die Feindschaft gegen die USA und den Zionismus hebt die deutsche Selbstwertgefühls-Gemeinschaft. In Erwartung eines neuen US-Präsidenten hat der deutsche Außenminister bereits angedeutet, dass Realpolitik in Zukunft ohne einen deutschen Sitz als ständiges Mitglied im dann wieder aufgewerteten UN-Sicherheitsrat nicht auskommen wird. Und auch wer Amerika hasst, muss ja mit irgendwem Geschäfte machen. Das ist der Triumph der Realpolitik.

Florian Beck, 26. Oktober 2004


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