Politik im Kriegszustand

»Mit einem Wort, der ›Plan der allgemein-russischen politischen Zeitung‹ ist nicht nur keine Frucht der Studierstubenarbeit von Leuten, die angesteckt sind von Doktrinarismus und Literatentum […], sondern im Gegenteil, es ist der praktischste Plan, sofort von allen Seiten mit der Vorbereitung des Aufstandes zu beginnen, ohne gleichzeitig auch nur für einen Augenblick die dringende Tagesarbeit zu vergessen.«

I

Es zeichnet die Leninschen Texte über den politischen Kampf aus, dass ihrem Autor die Revolution gelang. Ungewiss ist, ob die Rezepte, die er niedergelegt hat, dazu beitrugen. Dass sie denen, die heute von einer Revolution träumen, als Leitfaden dienen, ist weniger lächerlich als der Traum narzisstisch. Leicht fällt es, ihre Untauglichkeit zu zeigen: der Augenschein genügt. Zu sehr sind die taktischen Empfehlungen Lenins auf die Verhältnisse im absolutistischen Russland zugeschnitten, als dass sie ein Lehrbuch der revolutionären Politik abgeben könnten. Lenin hat keines geschrieben, sondern sich mit der Organisation und der Strategie andrer revolutionärer Gruppen auseinandergesetzt. Seine Rezepte erweisen sich als Schlachtpläne.

Es ist aus gewissem Abstand nicht leicht, das Lachen zu unterdrücken, denn die Wirklichkeit hält jedem Cliché stand. »Im Begriff, aus der Schweiz nach Russland abzureisen,« schrieb Lenin im »Abschiedsbrief an die Schweizer Arbeiter« von 1917, »um die revolutionär-internationalistische Arbeit in unserer Heimat fortzusetzen, senden wir, Mitglieder der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, die vom Zentralkomitee geführt wird (im Gegensatz zu der anderen Partei, die den gleichen Namen trägt, aber vom Organisationskomitee geführt wird), Euch unsere brüderlichen Grüße«. Dieser Abstand aber ist falsche Abgeklärtheit. Im Handgemenge ließ sich nicht die distanzierte Form wahren. Die Umstände, in denen die Revolutionäre zu arbeiten gezwungen waren, ließen andre Formen der Auseinandersetzung nicht zu. Strategie und Taktik des Klassenkampfes wurden so ernst genommen, wie sie auf die Revolution abzielten. Zu ernst wurde die Revolution genommen, als dass man sich um eines andren Zieles willen hätte zusammen raufen können. Lächerlich wird solches Gebaren erst als Insignium einer Pseudopraxis, wenn der inszenierte Ernst der Auseinandersetzung dem Unernst der Lage kontrastiert. Seinen Ernst hat Lenin in der Oktoberrevolution bewiesen.

Als Leitfaden zur politischen Arbeit ist der Nutzen Lenins psychologisch: in Gedanken seinem Helden nahe zu sein. Fruchtbar ist die Lektüre der Kritik an der Praxis diverser sozialdemokratischer Zirkel und des Programms, das sich in dieser Kritik ausdrückt. Lenin ging davon aus, dass sich die geschichtliche Wahrheit nicht aus Diskussionen wie aus der Welt der Gelehrten üblich entwickeln würde, dass sie aber auch nicht aus geschichtlicher Notwendigkeit gleichsam automatisch materielle Gewalt gewönne. Er ging dadurch über Marx und die Führer der Arbeiterbewegung hinaus, dass er sich nicht auf Polemik gegenüber Opponenten, nicht auf schlagkräftige Organisation der eignen Partei beschränkte, sondern die gesamte revolutionäre Arbeit — also theoretische und literarische Arbeit, Organisation, Propaganda und Agitation — unter dem Gesichtspunkt fasst, inwieweit sie dem revolutionären Ziel nutzt. Andere Maßstäbe gibt es nicht.

II

Den ideologischen Charakter, der den ›Prinzipien‹ inne wohnt, die aus dem bürgerlichen Alltag auch in die Handlungen der Revolutionäre einsickerten, hat Lenin erkannt. Die Rettung vor der Ideologie sucht Lenin in der Praxis: erst die gewonnene Revolution bringe den falschen Schein zum Verschwinden. Doch die Flucht führte in den Abgrund, weil die instrumentelle Praxis das Ziel veränderte, von Ideologie durchtränkte. Die Revolution war nie abgeschlossen, denn der Kommunismus wollte sich nicht einstellen. Was zunächst als vernünftiger Ratschlag in außerordentlichen Umständen erschien, wurde schließlich zum Prinzip der neu etablierten Ordnung.

Die »Freiheit der Kritik« denunziert Lenin als der Versuch sogenannter Revisionisten, bürgerliche Ideologien in der Arbeiterbewegung zu verankern. Hinter der neuen kritischen Richtung verberge sich nichts andres als die unter bürgerlichen Gelehrten seit langem gängige Kritik des Marxismus. Wirkliche Kritik dagegen würde sich nicht mit der Freiheit ihrer Äußerung begnügen: »Leute, die tatsächlich davon überzeugt wären, dass sie die Wissenschaft vorwärtsgebracht haben, würden nicht die Freiheit der neuen Auffassungen neben den alten fordern, sondern die Ablösung der alten durch die neuen.« Hieß es Lenin zu missbrauchen, wenn man von dessen Zurückweisung einer demagogischen Forderung überging zur Zurückweisung jeglicher Kritik, ja schließlich zur Liquidation des Kritikers? Die dazu gebrauchte Methode ist immerhin die Lenins: die Entlarvung. Mit dem cui bono? verfällt jede Abweichung fast zwangsweise dem schärfsten Verdikt. Kinderleicht ist es, den Nutzen für den ärgsten Gegner nachzuweisen, allein schon, weil der Kritiker die ›Linie‹ nicht unterstützt, die Partei schwächer macht, als sie sein könnte. So wird er zum Verräter. Der Umgang mit Verrätern wird von den Umständen bestimmt. Schon Lenin sah sich im Kriegszustand: »Wir marschieren als kleines Häuflein, uns fest an den Händen haltend, auf steilem und abgründigem Wege. Wir sind von allen Seiten von Feinden umgeben und müssen fast immer unter ihrem Feuer marschieren.« Doch das feindliche Feuer tötet, ist irreversibel — die demagogische Kritik nicht. Die militärische Metapher erschleicht ein sowohl unbedingtes als auch existentielles Moment, das die Situation nicht hatte.

III

Das absolutistische Russland schrieb den möglichen Organisationsformen eine Gemeinsamkeit vor: die Konspirativität. Der Revolutionär war ein konspirativ arbeitender Berufsrevolutionär: »Ein kleiner festgefügter Kern der zuverlässigsten, erfahrensten und gestähltesten Arbeiter, der in den Hauptbezirken seine Vertrauensleute hat und der nach allen Regeln der strengsten Konspiration mit der Organisation der Revolutionäre verbunden ist, kann unter breitester Mitwirkung der Masse und ohne feste Form sämtliche Funktionen durchaus erfüllen, die der Gewerkschaftsorganisation obliegen, und zwar so erfüllen, wie es für die Sozialdemokraten erwünscht ist.« Gerade die Berufsrevolutionäre gewährleisteten die Verbindung mit der ›Masse‹, denn die wüsste, »dass es nicht genügt, wenn sich ein paar Studenten und Arbeiter, die einen ökonomischen Kampf führen, zusammentun, um ein ›Komitee‹ zu bilden, sondern dass es notwendig ist, sich durch jahrelange Arbeit zu einem Berufsrevolutionär emporzuarbeiten.« (Nebenbei ist hier auch unübersehbar der Einfluss des bürgerlichen Arbeitsethos, der es verlangt, dass der Revolutionär sich dem Arbeiter beweist, mindestens ebensoviel Mühsal und Anstrengungen auf sich nimmt, wie dieser. Der Maßstab ist freilich ein ideologischer und das gewonnene Maß unzulänglich.)

Der Organisation von Berufsrevolutionären war deren Mangel an Demokratie angekreidet worden. Demokratie, so Lenin, sei aber nur in einem Zustand politischer Freiheit möglich: »der ›breite Demokratismus‹ der Parteiorganisation [ist] unter der Herrschaft des Absolutismus, wo die Gendarmen es sind, die die Auslese bewerkstelligen, nur eine leere und schädliche Spielerei«. Die Berufsrevolutionäre seien auf andere Weise verantwortlich, denn sie wüssten »aus Erfahrung, dass eine aus wirklichen Revolutionären bestehende Organisation vor keinem Mittel zurückschrecken wird, wenn es gilt, sich von einem untauglichen Mitglied zu befreien«. Die Folgen eines Mangels an Demokratie liegen nicht darin, dass einem authentischen Willen nicht genüge getan würde, nicht also in der drohenden Willkür — sich vor den Illusionen einer direkten Demokratie zu hüten, hat Lenin ganz zurecht gewarnt —, sondern in der Schutzlosigkeit des einzelnen vor dem Gesamtwillen, die eintritt, wenn gerade die formellen, repräsentativen Momente der Demokratie verschwinden. Aus diesem Mangel wird eine katastrophale Veränderung zum Schlechteren, wenn die Aufhebung der Unterdrückung nicht gelingt und die als schlecht erkannten Verhältnisse in nur andrer Form reproduziert werden. Bekanntlich wurde die Demokratie nie möglich.

IV

Der Befürchtung, eine Organisation von Berufsrevolutionären könnte »allzu leicht verfrüht zu einem Angriff übergehen«, »unüberlegt die Bewegung verschärfen«, entgegnet Lenin, eine solche Organisation könne eine solche Fehleinschätzung noch am ehesten vermeiden. Abgesehen davon, dass Lenins Versicherung nicht stichhaltig ist – der Einwand war schließlich, dass eine solche Einschätzung nicht zentral, sondern nur vor Ort geschehen könne –, haben sich die Organisationen Leninschen Typs gerade durch Abwarten hervorgetan. Anders als der Revolutionär, dem die Luft zum Atmen fehlt, und dem die Revolution daher heute noch glücken muss, hat der arbeitsame Berufsrevolutionär nur die Aufgabe, das Misslingen zu vermeiden — was ihm durch Abwarten stets gelingt.

Lenins Einschätzung speist sich aus seinem Misstrauen gegenüber der Spontaneität. Damit ist die Strategie angegriffen, die davon ausging, die revolutionäre Bewegung müsse aus der Arbeiterschaft selbst hervorgehen und jede an die Arbeiter gestellten Anspruch zurückwies. Lenin verlangte von den Arbeitern dagegen Bewusstheit des Handelns und theoretische Einsicht. An der Ausarbeitung der revolutionären Theorie nähmen die Arbeiter »nur dann und soweit teil, als es ihnen in höherem oder geringeren Maße gelingt, sich das Wissen ihres Jahrhunderts anzueignen und dieses Wissen voranzutreiben. Damit dieses aber den Arbeitern öfters gelingt, muss alles getan werden, um das Niveau des Bewusstseins der Arbeiter im allgemeinen zu heben; es ist notwendig, dass die Arbeiter sich nicht einschließen in den künstlich eingeengten Rahmen der ›Literatur für Arbeiter‹, sondern dass sie es in immer höherem Maße lernen, die allgemeine Literatur zu beherrschen«. Aus der spontanen Tätigkeit im Kapitalismus — also dem Mitmachen im kapitalistischen Betrieb unter kapitalistischen Zwängen — folgt die Reproduktion des Kapitalismus praktisch wie ideologisch. Die Menschen versuchen dann eben die Möglichkeiten zu nutzen, die ihnen vom Kapitalismus gegeben werden statt diesen zu kritisieren. Über die Herkunft der Ideologien spricht Lenin wenig — er erwähnt lediglich, dass die bürgerliche Ideologie älter sei, die bürgerlichen Ideologien über größere Mittel verfügten. Der Kern ist jedoch treffend: die notwendige Form der Ideologie im Kapitalismus. Was ist (und das sind die kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten) wird als das Vernünftige (theoretisch) und als das was sein soll (ethisch) begriffen. Das kann nur überwunden werden durch das Bewusstsein eines Andren (unvermittelt durch Utopie oder vermittelt durch Dialektik). Lenins Zitat setzt sich aber so fort: »Es wäre richtiger, anstatt ›sich nicht einschließen‹ zu sagen: nicht eingeschlossen zu werden, da die Arbeiter selbst alles lesen und lesen wollen, was auch für die Intelligenz geschrieben wird, und nur einige (schlechte) Intellektuelle denken, ›für die Arbeiter‹ genüge es, wenn man ihnen von der Fabrikordnung erzählt und ›längst Bekanntes‹ wiederkäut.« Die aktiv Ideologie produzierende Seite der Arbeiter (und der bürgerlichen Subjekte überhaupt), war Lenin verschlossen; dass sie nach ihrer Befreiung die Fremdbestimmung selbst zu Prinzip erheben könnten, hat er nicht geahnt. Bei Lenin selbst ist die Funktionalisierung des politischen Kampfes noch nicht vollständig (sonst hätte er sich auf die Seite derer schlagen können, die meinten, ›für die Arbeiter genüge es‹, etcetera). Erst wenn sich die Heiligung jedweden Mittels mit der Reproduktion des Bestehenden verknüpft, ist die totale Herrschaft komplett.

Florian Beck, 09. Juli 2004


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